LÜBECKISCHE BLATTER ZEITSCHRIFT DER GESELLSCHAFT ZUR BEFORDERUNG GEMEINNUTZIGER TATIGKEIT LÜBECK, DEN 18. DEZE M BER 1955 EIN HUN DER T FUN FZEHNTER JAHR G ANG J EIN UN D N E UN ZI G S T ER DER NE U E N REIHE N U M MER er Menn unsre Veste jäh zerrönnen, die Menschen dort feiern müßten? Die ehrliche muß jeder Tag noch Christtag sein. (Klepper) Antwort muß lanten: wenig oder gar nichts. Wir sind Ich habe nicht mehr in Erinnerung, ob Robinson ärmer bei allem Reichtum als jene, ungläubiger als der Crusoe sehr glücklich war, als man ihn endlich auf Leprakranke in Albert Schweitzers Hospital und seiner Insel entdeckte. Auf jeden Fall hat er nicht schmücken doch mit erschütternder Hingabe die Scha- nur unsere kindliche Phantasie entflammt, sondern len, deren Nüsse längst taub geworden sind. Auch das auch viele Nachfolger gefunden. Von Zeit zu Zeit wissen wir. Darum hängt ein Hauch von Weltschmerz hören wir halb schaudernd, halb ehrfürchtig von in unserer Weihnachtsfreude, darum übertallen die Künstlern und Millionären, Narren und Weisen, die Erinnerungen uns mit ungewohnter Heftigkeit, darum Europa oder Amerika fluchtartig verließen. Thr Zieliss igeln wir uns ein auf einer vermeintlichen Insel der dann meist eine winzige Insel in näherer oder weiterer Seligen. Die Seligkeit endet aber bald. Starke Emp- Entfernung von einem der drei anderen Kontinente. kindungen wichen längst gefühlvollem Halbdunkel, Eine unter ihnen heißt noch heute: ,„„Christmas“), also dessen verschwimmende Konturen in der Härte der „Weihnachten“. Man findet sie auf dem Atlas etwa nachfolgenden Monate ganz zerfließen. Ein schwacher 1500 km nördlich von den Gesellschaftsinseln, in der Duft von Tannengrün, das ist alles, dessen wir uns ent- unermeßlichen Weite des Stillen Ozeans. Das nächste Sinnen – und die Erinnerung an leuchtende Kinder- Inselchen befindet sich in sicherer Entfernung von augen. Es mag sein, daß Sie selbst sich dies alles noch 500 km. niemals so ganz klar eingestanden haben. So habe ich Diese kleine geographische Belehrung am Weih- es stellvertretend für Sie getan, damit wir gemeinsam nachtstag hat ihren guten Sinn. Us iss doch bei ume. — die Entfernung zwischen „Christmas“ und den ,. Ge- das gleiche: Weihnachten hat mit den übrigen 364 sellschaftsinseln“ verringern. Was also hat die Weih- Tagen des Jahres und seinen Aufgaben annähernd nachtsbotschaft uns zu sagen ? Paul Gerhardt, ein s0 viel oder so wenig gemeinsame Grenzen, wie das evangelischer Pfarrer aus der Zeit des Dreißigjährigen Inselchen Christmas mit den Gesellschaftsinseln. Wir Krieges, hat es in einem seiner schönsten, freuden- wundern uns, trotz einer unbestimmten Vorfreude, reichsten Weihnachtslieder so besungen: über die plötzliche Stille, nützen die arbeitsfreien Tage „„Heute geht aus seiner Kammer Gottes Held, der mit Schlafen, Essen, Trinken, Spazierengehen, Radio- die Welt reißt aus allem Jammer. Gott wird Mensch, hören und Zeitunglesen aus und gehen leicht verkatert dir, Mensch, zugute, Gottes Kind das verbindt sich mit aus ihnen hervor. Dann erst sind wir wieder, trotz unserm Blute.“ aller gegenteiligen Versicherungen, an Land, haben mit Das ist ein starker, männlicher, und gerade dadurch unserer täglichen Arbeit festen Boden unter den Füßen trostvoller Weihnachtsglaube! Anus ihm entspringen und träumen doch bereits vom nächsten Weihnachts- Hoffnung, Zuversicht und nene Kraft — wenn wir das fest. Zwei völlig verschiedene Welten, die sich anzie- glauben könnten: Gott geht aus seiner unsichtbaren hen und abstoßen 6+1 aber nicht gegenseitig durch- Kammer, mitten in unser Leben hinein ? Dann würden dringen. wir aufhören, nun selbst wieder Kammern der Inner- Darf ich Sie noch einmal in den Stillen Ozean ent- lichkeit und gefühligen Erbaulichkeit in diesen Tagen führen? Zur Abwechslung diesmal nach Neuguinea! um uns zu errichten; dann würden wir merken, vie Die Kirchen sind dort jung, haben überdies im letzten dieser Sturmwind Türen öffnet, Schranken niederreißt, Kriege mancherlei von den Europäern gelernt, was Vorurteile beseitigt und Gemeinschaft schenkt und ihnen nicht immer nützlich war. Trotzdem geht eine fordert. Hören wir es doch einmal so, als hätten wir erstaunliche Kraft von diesen Christen aus, deren es noch nie gehört: „Gottes Kind das verbindt Großväter vielfach noch ihre Männlichkeit durch er- sich mit unserm Blute‘. Wie kann man solche folgreiche Kopfjägerei beweisen mußten. Auch dort Freude ertragen, ohne sie mit anderen zu teilen ? Wie wird jetzt das Weihnachtsfest gefeiert. Es ist warm, könnten wir meinen, diese Botschaft ginge uns nichts der Söhreiß rinnt in Strömen beim Singen der Weih- an ? Es gibt auf dieser Erde nichts sonst, was Men- nachtslieder. Weihnachtsbäume ? Geschenke ? Beides schen gemeinsamer anginge; was aber alle betrifft, ver- unbekannt. Bitte versetzen Sie sich einen Augenblick bindet auch alle. Wo Gott verbindlith geredet hat, nach Neuguinea und sagen Sie mir dann; was bleibt haben wir kein Recht mehr, unverbindlich zu sein. von Weihnachten für uns übrig, wenn wir es so wie Das aber kann man nirgends besser erfahren, als im IJ