Full text: Lübeckische Blätter. 2006 (171)

LÜB E CKI S CHE B LÄT T E R Heft 3 . 11. Februar 2006 - ih 171. Jahrgang - Zeitschrift der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit Sensationelle Schenkung fürs Behnhaus/Drägerhaus Ein bedeutsames Werk von Paula Modersohn-Becker bereichert Lübecker Sammlungen ' von Dr. Thorsten Rodiek ' Die international renommierten Sammlungen des Behnhaus/Drägerhauses der Museen für Kunst und Kulturge- y schichte der Hansestadt Lübeck wurden durch eine sensationelle Schenkung aus Privatbesitz (Ungenannt) um ein eindrucksvolles und sehr bedeutendes Gemälde der Worpsweder Malerin Paula Modersohn-Becker (8.2.1876 y Dresden-20.11.1907 Worpswede) bereichert. Es handelt sich dabei um den Stehenden und knienden Mädchenakt ; vor Mohnblumen II. der im Mai/Iuni 1906 während Paula Modersohn-Beckers Aufenthalts in Paris in Öltempera- Technik entstand. Im Rahmen zweier großer Ausstellungen werden 2006 aus den Lübecker Sammlungen je ein Bild ,, im Louvre, Paris, bzw. im Museum of Modern Art, New York, als Leihgaben zu sehen sein. t. Vor einem von leuchtenden roten ' Mohnblumen durchsetzten, tiefblauen und ty dunkelgrünen Hintergrund heben sich der e! kniende bzw. stenende Mädchenakt deut- lich ab. Die beiden sich aut einer kleinen Blumenwiese befindenden Kinder wir- 11 ken mit ihren niedergeschlagenen Augen W i in sich gekehrt, still und statuenhaft. Das z ; kniende ältere Mädchen hält eine Orange, " das andere, jüngere, eine Zitrone. Beide w Früchte sind kompositorisch derartig an- nei 7 hellgrünen Wiese liegt links im Vorder- s.) grund als weiterer farblicher Akzent, eine Ni zweite Orange. Während das Inkarnat des j knienden Mädchens gelblich ist, unter- s. scheidet sich die Hautfarbe des anderen e.1 durch einen helleren, cremefarbenen Ton, . j um auf diese Weise die Altersunterschie- | de der Dargestellten zu verdeutlichen. ] wie die Früchte und Blumen besitzen die hellen Akte, die sich kontrastreich vom .. Hintergrund abheben, keine Binnenzeich- nung. Sie sind als in sich geschlossene “ Farbflächen aufgefasst. Die Haltung und Ausstrahlung der beiden Gestalten bilden E a zusammen mit der malerischen Ausfüh- al rung ein ausgewogenes, in sich stimmiges Ganzes. In dieser Form offenbart sich dem Betrachter ein Seinszustand. der über das, „ was man gemeinhin mit ,„Kindlichkeit“ V geordnet, dass sie genau die senkrechte |, Mittelachse des Bildes markieren. Auf dr oder „Kindsein“ assoziiert, weit hinaus- geht. Die leuchtende Farbigkeit des Bildes, die flächenbetonende Malerei insgesamt, aber auch die Art und Weise, einzelne Fel- zes“ (email cloisonné) durch hochkant- gestellte Flachdrähte (cloison: Scheide- wand) jeweils voneinander getrennte Zel- len bildet. Bei Gauguin. dessen Malweise durch die gotischen Glasfenster und diese Email-Technik angeregt wurde, werden diese „Scheidewände“ von schwarzen Li- | nien gebildet, die die einzelnen, einheitli- chen Farbflächen voneinander trennen. Es ist nach dem Erinnerungsbericht des Malers Heinrich Vogeler bekannt, dass sich die Künstlerin des Öfteren Go- belins für 24 Stunden aus dem berühmten Tapisserie-Magazin Maison Druet Gobe- I lins zur Ansicht kommen ließ, um sie dann ! in ihrem Atelier zu drapieren und später wieder abholen zu lassen. Daher kann man nicht ausschließen, dass auch hier ein solcher Leihgobelin mit Mohnblumen J als Hintergrundmotiv dazu diente, um ihn ' als formenreichen und farbigen Grund, i auf dem sich der nackte Mensch bewegte Puuls Mu.tersghr: Becker: Selbstbildnis 1905 - rwei Jahre vor ihrem Tod der farblich kontrastierend voneinander abzusetzen, lässt deutliche Anregungen Paul Gauguins (1848-1903) und seines Cloisonnismus erkennen. Cloisonnismus ist ein Begriff aus der Email-Technik, bei der das „Schmelzglas“ des „Zellenschmel- '! (Heinrich Vogeler) zu nutzen. Die Künstlerin verwandte bei ihrer Ar- beit die in München hergestellten „Wurm- schen Temperafarben in Tubes“, die sie mehrschichtig, lasierend und zugleich sehr pastos auftrug. Anschließend strukturier- te sie die getrockneten Farben mit einem Borstenpinsel oder einem Pinselstil. Auf diese Weise entstand die matte und relief- hafte, aber zugleich auch sehr vital leuch- vs Abbildung auf der Titelseite: Knie ender Mädchenakt von Paula Modersohn-Becker (Fotos: Museum für Kunst und Kulturgeschichte) 00f Lübeckische Blätter 2006/3 33
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