Full text: Lübeckische Blätter. 2006 (171)

217. Stiftungsfest rst W. | Lassen Sie mich kurz rekapitulieren: Hannah Ahrendt wurde am 14. Oktober 1906 in eine jüdische Familie hineingebo- ren und wuchs in Königsberg auf. Die für Hannah Ahrendt wichtige Mutter sorgte dafür, dass sie sich nichts gefallen ließ, sich nicht duckte, eigene Dinge selbst aus- kocht. Weil sie das Denken lernen wollte, ging sie 1924 zu Martin Heidegger nach Marburg und anschließend zu Karl Jaspers nach Heidelberg, bei dem sie 1928 promo- vierte. Mit inm und seiner Frau verband sie eine lebenslange Freundschaft. Der nationalsozialistischen Verfol- gung entging sie knapp. Sie entkam mit ihrer Mutter sowie ihrem Mann nach New York. Jahre später ist sie die berühmte Pu- blizistin, Schriftstellerin und Philosophin. Ihre erste amerikanische Artikelserie 1941 hieß: „This means you“ - oder auf gut Deutsch: Du bist gemeint. Heute interessiert mich nicht ihre To- talitariSmus-Theorie oder ihr Eichmann- Buch über die Banalität des Bösen. Mich interessieren ihre Gedanken über Öffent- lichkeit, über den aktiven Staatsbürger, über die Teilnanme am Gemeinwesen. Hannah Ahrendt wendet sich nicht der Vita contemplativa zu, wie es Philosophen oft zu tun pflegen, sondern der Vita activa, wie denn auch ihr Werk von 1958 heißen wird: „Vita activa oder Vom tätigen Le- ben“. Hannah Ahrendt fragt: Was tun wir eigentlich, wenn wir tätig sind? Sie trennt in ihrer Argumentation das „Herstellen und Arbeiten“’, die not- wendige Erwerbsarbeit, die sozusagen Direktorin Antje Peters-Hirt bei ihrer Tischrede im Verborgenen stattfindet, vom „Han- deln“ in der Öffentlichkeit, dem Reich der Freiheit und zugleich dem Raum des Politischen im weitesten Sinne. (Für ein Problem der Neuzeit hält sie übrigens die Weltentfremdung, und nicht die Selbst- entfremdung, in der jeder für sich selbst arbeitet. Die Hoffnung, Freizeit wird den Menschen von der Arbeit befreien, hat sich als Trugschluss erwiesen und besteht nur noch in der Freiheit zu konsumieren, so Ahrendt.) Grundbedingung für das Handeln in der Öffentlichkeit ist die Pluralität: Men- schen sind gleichzeitig verschieden, trotz- dem aber auch gleich. Ohne Gleichheit ist keine Verständigung möglich und ohne Verschiedenheit bedarf es keiner Verstän- digung mehr. Die menschliche Pluralität lebt von der Einzigartigkeit ihrer Glieder. Sprechen und Handeln sind die Tätigkei- ten, in denen diese Einzigartigkeit des Menschen sich darstellt. Im Unterschied zum Erscheinen des Menschen in der Welt durch seine Geburt, beruht sein aktives In-Erscheinung-Treten auf einer Initiative, die er selbst ergreift. Diese Initiative schafft die Beziehung zwischen Menschen und somit die ge- meinsame Welt. Sprechend und handelnd schalten wir uns ein in die Welt der Menschen., die existierte, bevor wir in sie hineingeboren wurden, und treten in die Verantwortung kür sie ein. Obwohl sich niemand einem Minimum an Initiative entziehen kann, so wird sie doch nicht erzwungen wie das Arbeiten. Die Anwesenheit von Anderen denen wir uns zugesellen, mag als Stimu. | Ilanz wirken, aber die Initiative selbst ist davon nicht bedingt; der Antrieb schein vielmehr in dem Anfang selbst zu liegen. Aus eigener Initiative fangen wir etwa Neues an. In diesem Sinne ist Handeh und etwas Neues anfangen dasselbe; je: Aktion setzt etwas in Bewegung, weil je. der Mensch aufgrund des Geborenseinz ein Anfang und ein Neuanfang in der Welt ist. Deswegen können Menschen Initiati. ve ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen. Es liegt in der Natur eines jeden An. | kangs, dass er schlechterdings unerwartet uncl unberechenbar in die Welt bricht. De; Neuanfang steht stets im Widerspruch ry Wahrscheinlichkeiten; er mutet uns daher in der lebendigen Erfahrung des Lebens, seiner Abläufe und Prozesse immer wie ein Wunder an. Aufschluss darüber, wer jemand ist. geben sowohl Worte wie Taten; aber Q) wie der Zusammenhang zwischen Han- | deln und Beginnen enger ist als der zwj. schen Sprechen und Beginnen, so sind Worte aufkschlussreicher als Taten. Taten. die nicht von Reden begleitet sind, verlie. ren einen großen Teil ihres Charakters, sie werden unverständlich. Handelnd und sprechend offenbaren die Menschen jeweils, wer sie sind, zeigen aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten gleichsam auf die Bühne der Welt, auf der sie vorher nicht sichtbar waren. 320 Lübeckische Blätter 2006/19 - Das R der in E jings mur | m Miteir ſmbewes w geben, jiche Frer verzichte! Hannc und Sprec ihr auch nannt — heitsätzel _Pie Fol teils ul und s0 q | der Me | sen. ] . Hannah mich sc tives M | nur vor schen, c etwas 17 wieder, anderge sich im des ges rem Sir walt. Hann: Wort „„ZW nen nicht hat sie ù ren. lm . die Welt politisch trennt un des Politi liche Pers dazwisch: schule, kt zugehörig Denl Direkt« Ausge die Antjel | Archivdie hat 1984 Mittelalte bei meine ihrer Ges | Dieser Z mann ber gerade w verdächti; engeschic Ihre für d lübeckische !
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