Full text: Lübeckische Blätter. 2006 (171)

K I... Zuhörer beim Kolloquium: (v. . qlisskirchen, Dr. Blöcker und Prof. Heftrich fr sei nie ein Vertreter dieser Moden LE- vesen, er habe aber alle diese Strömun- - jven aufgenommen, sich in Teilen damit Yentikiziert oder sie ironisch gebrochen. Insofern sei Thomas Mann ein zeitgemä- ßer Autor. Zum Schluss fragte Karthaus: “ qyas bleibt - außer der Durchdringung der i. wirklichkeit? Seine Antwort: Unterhal- i- hung auf hoher Ebene. Genau das ist auch Jas Referat gewesen! Ein Buchtitel Thomas Manns heißt: altes und Neues. Der Leiter des Thomas- - Mann- Archivs Thomas Sprecher (Zü- jich) nahm diesen Titel für sein Referat zk. Er beschrieb Thomas Mann als Tech- nikkreund. Anhand einiger Briefstellen machte Sprecher deutlich, dass Thomas - Mann eine Bereitschaft zur Zukunkt LE- - habt habe; er habe Geburtshelfer sein wol- © qlenund gewusst: Gott ist mit dem Neuen! Sprecher fragte danach, wodurch ein » «Kunstwerk in der Zukunkt gesichert wer- » dlenkönne. Die entscheidenden Ingredien- Bi- jjen dafür sind seiner Meinung nach: dass » zich ein Werk erneuern kann: ein großes Kunstwerk sei nie fertig (wie ein Dom ; nicht kertig ist); ein großes Kunstwerk enthielte Bedeutungspotentiale, die erst in piterer Zeit deutlich würden; ein großes Merk sei unerschöpflich an Deutungen; es böte Werteofferten für viele; vor allem sei es nicht absolutistisch; Ironie sei hilfreich yegen Absolutismen; Widersprüchlichkeit I.) Prof. Dierks, Prof. Backhaus, Prof. (Fotos: Gerda Schmidt) sei notwendig; alles sei vereinbar; Ge- wissheiten müssten verworfen sein: der Konjunktiv sei die Zukunkt des Kunst- werks. Der Referent nannte in diesem Zu- sammenhang auch die flexible Sexualität und Androgynität als wichtige Elemente der Moderne. Thomas Mann sei nicht nur modern, sondern auch postmodern durch die Tendenz zur Pluralität. Thomas Mann habe verschiedene Doppelleben geführt. sein Lebenswandel sei ein „dazwischen“ gewesen, ein Nicht-Festlegen. Außerdem ging der Referent auf Tho- mas Manns Montagetechnik ein. Er be- richtete von einer Konferenz. die vor über 40 Jahren im Thomas-Mann-Archiv statt- gefunden hat, wo die versammelte Mann- schaft der Mannianer beraten hat. wie man damit umgehen soll, dass Thomas Mann - vor allem in seinem Alterswerk - eine Fülle von Zitaten in sein Werk einmon- tiert, „abgeschrieben“ hat. Die Fachleute hatten Sorge, dass der Ruf Thomas Manns leidet, wenn das bekannt wird. Für diese Sorge war nach Meinung des Referenten die früher verbreitete Auffassung vom Künstler als „Genie“, als „Schöpfer“ ver- antwortlich. Ein Genie schreibt nicht ab! Dieser Geniebegriff hätte eigentlich ein Verschweigen zur Folge haben müssen. Aber die Wissenschaftler waren sich im Klaren gewesen, dass sie das Bekannt- werden dieser Tatsache nicht verhindern konnten. Aber sie hatten ein schlechtes Thomas-Mann-Kollogium Gewissen. Entgegen dieser Auffassung führte Sprecher aus. dass das Zitat ein wichtiger Kunstgriff sei. der Diskontinui- täten schaffe. der Mischungen ermögliche. Das Zitierte entfalte in neuer Umgebung ein eigenständiges Magnetfeld. Diese Art zu schreiben und zu konstruieren sei keine Schwäche., sondern eine vitale Geste. Was Thomas Mann vor allem aus- mache. sei sein Bild vom Menschen. das durch Flexibilität geprägt sei. Der Vortrag Sprechers bestach durch seine Wortgewalt und Präzision im Ausdruck. Vielleicht rührt das daher, dass Sprecher nicht nur Germanist. sondern auch Jurist ist. Es ist eine gute Tradition. den Jungen Thomas-Mann-Forschern Raum zu LE- ben. Das geschah einmal durch ein Lektü- reseminar; in ihm wurden Abschnitte aus dem Teufelsgespräch im Doktor Faustus gelesen (Leo Domzalski. Berlin. war ein großartiger Leser!) und gemeinsam mit dem Publikum interpretiert. Dabei woll- ten die „Jungen“ (Tobias Kurwinkel/Tim Lörke) selbst wenig sagen, und sie haben das auch erreicht. Schw erpunkt waren die folgenden Stichwörter: „Explosionen“, von denen Zeitblom erzählt. der Dialog- charakter (oder Monolog?) und Kaisera- schern. Ist Letzteres nun ein Symbol für Deutschland. für Lübeck. für Naumburg (geographische Lage im Roman, zugleich Nietzschebezug). für Merseburg (..Zau- bersprüche“’). für Wittenberg (Luther). für Nürnberg (Dürer; Hitler)? Das Ergebnis war. dass die Antworten in der Schwebe bleiben. Stichwort: Postmoderne. Im Workshop stellte Markus Gasser vor, mit welchem abgrundtiefen Hass Na- bokov Thomas Mann beurteilt hat: ..ein Scharlatan!“. Dem Referenten machte es erkennbar Freude, diesen Künstlerhass mit Zitaten zu belegen. Ursache. so der Referent, sei eine unterschiedliche ästhe- tische Konzeption. Nabokov sei nicht an Realismus interessiert. sondern an Origi- nalität. ein schöpferischer Autor schaffe neu. nicht nach. Gasser wies dann aber auch nach. dass Thomas Mann vielfach durch Nabokovs Werk geistert; im Grunde seien beide verwandt. Daher hatte er sei- ne These auch so formuliert: Feindschaft aus Nähe. Unklar blieb. was diese Zusam- menhänge für die Interpretation Thomas Manns leisten können. Silke Grothues las aus einem Kapitel ihrer Habil-Schrift über das „„Faustische und das Schalkhafte“ und ihren Bezie- hungen zum Mittelalter und zur Moderne. Beide Prinzipien seien aber nicht klar ge- Lübeckische Blätter 2006/17 281
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