Full text: Lübeckische Blätter. 2006 (171)

Brahms-Festival der Musikhochschule für Tradition im höheren Sinne. Denn es geht ja nicht allein um die Besetzung, sondern um jenen „Ton“, der in seiner heiteren. von aller irdischen Schwere ge- lösten - fast möchte man sagen erlösten - Atmosphäre bewusst an das Mozartsche Vorbild anknüpft. Ton, Atmosphäre oder auch „Geist“ einer Musik - solche Begrif- fe können einen Sachverhalt nicht kon- kret benennen, allenfalls eine Beziehung andeuten. Als Letztes sei das Klavierquartett genannt. Mozarts g-Moll-Quartett ist Be- ginn der Gattung und erster Höhepunkt zugleich. Seine Geschichte ist aufschluss- reich, denn sie zeigt, wie sehr die Erwar- tungshaltung des Publikums und die hohen kompositorischen Ansprüche auseinander klaffen. Im Jahre 1785 begann er seine Klavierquartette für den Wiener Verleger Franz Anton Hoffmeister. Dort sollten sie in einer Reihe herauskommen, die sich ausdrücklich an die „Liebhaber der Mu- sik“ richtete. Mozart hatte sich vertraglich verpflichtet, drei Quartette zu liefern. Ge- druckt wurde allerdings nur das erste, das in g-Moll, KV 478. Als dieses jedoch beim Publikum nicht die erwünschte Abnahme fand, trat Hoffmeister vom Vertrag zurück;: er erließ Mozart die Rückzahlung des er- haltenen Vorschusses, wenn er das zweite nicht publizieren müsse und Mozart von einer weiteren Komposition Abstand näh- me. Das Es-Dur-Quartett KV 493 ist dann 1786 bei einem Konkurrenten Hokkmeis- ters, im berühmten Verlagshaus Artaria, erschienen, und ein drittes hat Mozart nie geschrieben. Die Diskrepanz wird deutlich: Noch war eine solche Gattung, die als „normale Musik für Dilettanten“ (also auch für die Hausmusik) zu schwer ist und für „große lärmende Konzerte“ zu intim ist, und die mit allen Konventionen bricht - Einheit des Affekts, Klarheit des Periodenbaus, formale Übersichtlichkeit und diverti- mentohafte Plausibilität - noch war die Zeit dafür nicht reif. Aber es ist wie im Falle des Klaviertrios: Die Gattung mit dem Anspruch großer Kammermusik war geboren. Damit ist unser Blick auf einzelne Gat- tungen, in denen Mozart faszinierend und inspirierend auf seine Nachfolger wirkte, beendet. Umdas Verhältnis zwischen Schumann und Brahms zu betrachten, muss man im- mer wieder Schumanns berühmten Auf- satz „Neue Bahnen“ in Erinnerung ruten, mit dem Brahms 1853 in der Künstlerge- meinschaft willkommen geheißen wurde. Angesichts des jungen Hamburgers macht Schumann sich zum Sprecher der älteren Generation: „Seine Mitgenossen begrü- Ben ihn bei seinem ersten Gang durch die Welt.“ Das ist ganz nüchtern gesprochen und auf die Gegenwart bezogen. Aber danach erhalten die Worte einen empha- tischen, geradezu prophetischen Ton: „Es waltet in jeder Zeit ein geheimes Bündniß verwandter Geister. Schließt, die Ihr zu- sammengehört, den Kreis fester, dass die Wahrheit der Kunst immer klarer leuchte, überalle Freude und Segen verbreitend.“ Amen! möchte man fast hinzufügen - zu- mindest klingt es an; der sakrale Unterton ist unüberhörbar. Wie in einem Gebet be- schwört Schumann das „geheime Bünd- nis verwandte Geister.“ Was ist damit ge- meint? Mehr jedenfalls als die momentane „Kunstgenossenschaft“, es geht um die ewige - Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft umfassende - Gemeinschaft der Künstler. Eine im 19. Jahrhundert verbrei- tete Vorstellung, die viele Stufen umfasst, vom alten Zunktgedanken bis zur religiös überhöhten Vorstellung von den Heiligen der Kunst. Schattenbild Otto Böhler Eine verwandte Welt tut sich auf, wenn wir das Schattenbild von Otto Böh- ler betrachten. Er war ein um die damalige Jahrhundertwende beliebter (und oft ko- pierter) Autor einer großen Zahl populärer Wiener Musikerdarstellungen - von Schu- bert, Bruckner, Johann Strauß, Mahler, und am berühmtesten wohl: Brahms aut dem Weg zu seinem Lieblingslokal, dem „Roten Igel“. In diesem Bild nun geht es um „Brahms’ Ankunkt im Himmel“. Statt Schumanns hymnenhattem Ton herrschen hier eher heitere Klänge, wenn es auch Johann Sebastian Bach selbst ist, der an der himmlischen Orgel sitzt. Er wird vom paukespielenden Haydn nebst einer gro- Ben Schar von fliegenden und musizie- renden Putten und Amoretten begleitet. Eine volkstümelnd biedere, sich gewis- sen Publikumsvorstellungen anbiedernde Darstellung, über deren geschmacklichen Rang man nicht streiten muss. Zugleich ein aufschlussreiches Stück Rezeptions- geschichte - ein Dokument, das auf seine Weise auch etwas über Brahms und be- stimmte mit ihm verbundene musikhisto- rische Vorstellungen aussagt. Dargestellt ist, der Titel sagt es, Brahms’ Ankunft im Himmel. Nun, wer sich das biblische Paradies vorstellt, wird nicht unbedingt streng theologische Maß- stäbe anlegen, sondern seine eher privat gefärbten Vorstellungen zugrunde legen. So auch hier, im Paradies eines Wiener Musikfreundes um 1900. Interessant, y nicht zu sagen tröstlich ist es, dass sich q alten Feindschaften aufgelöst haben; ; may steht zwar noch in Gruppierungen zUsam. men, aber die Atmosphäre ist Paradiesis locker. Mit einiger Mühe lassen sich di einzelnen Personen erkennen: Brahn, wird links unten in Empfang genomney. wiederistes Schumann, derihnpräsentie, Der ein Jahr zuvor verstorbene Bruckne; kommt mit offenen Armen auf ihn ,; Auch der neben ihm stehende Mendel,. sohn scheint den Neuankömmling freud; zu erwarten, während Schubert sich Fran, Liszt zuwendet (genügend Gesprächsstot; [s0 mag man denken] haben sie jedenfa]]; schon was die virtuosen Liedbearbeity, gen und die Konzertfassung der Ersten Wanderkantasie betrifft). Hans von Bülqy. hat sich noch seinem Freund und Schvwi;. gervater (bevor Cosima Liszt 1867 von ihm zu Wagner überliek) zugestellt, Wird sich jetzt aber freuen, dass er sich wis. der mit dem vertrauteren Freund. der von ihm einst als Schöpfer von „Beethoven, Zehnter“ bezeichnet wurde, unterhalte, kann. Etwas abseits der einzige Ausländs; im Saal, Hector Berlioz. der als geistige; Urvater der „Neudeutschen“ dazu gehöy (wiewohl er im Franzosenhimmel siche; schmerzlich vermisst werden dürfte). Ay; erhöhter Wolkenstuke steht rechts anschej. nend, nicht ganz eindeutig zu identifizje. ren, Christoph Willibald Gluck und ne. ben ihm nach oben grüßend - Händel. Er vermittelt zur Orgelempore, mag sich hej Mozart für dessen Messias-Bearbeitung und beim grüblerisch misanthropischey Beethoven für seine Judas-Maccabäy;. Variationen bedanken oder dem Altersge. nossen an der Orgel zuwinken. Der wirg freilich vom Spiel abgelenkt. Dass sich ausgerechnet Richard Wagner Vorwitzig vorgedrängt hat und den Orgel spielende Bach in ein Gespräch zu verwickeln ay. schickt, ließe sich wohl auf verschiedene Weise interpretieren. Carl Maria von We. ber zu seiner Linken hält sich zumindez zurück. Und Haydn hofft, den Einsatz jn der Paukenschlagsinfonie nicht zu verpas. sen. Nun - man könnte angesichts dieser paradiesischen Gesellschaft noch man- ches, Heiteres wie Ernsthaftes, assoziie. ren, könnte etwa über die Gruppenbildung und bestimmte Zusammengehörigkeiten nachdenken oder auch nach denen fragen, die hier nicht im Musikerhimmel erschei- nen. Stoff für manches Gedankengpiel. Auch die Frage, wer eigentlich in dieser Versammlung den Ton angebe, wird ur- terschiedliche Antworten finden - nicht für jeden Musikfreund wird es der Tho- 152 Lübeckische Blätter 2006/10 L maskantor ; gioacchino zlar; er bek ſufkomme meinte: , „SC uad erhabe! alten. die 1 zeitliche SE hin ich sic! Hörer eina! u. jen Gesicht Rolle. Abgesel gen: Was sa ja ihr L geht verwandter ! als in | 0tto Böhlé jicht im Gr chichtlichs malige Wie war. 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