Full text: Lübeckische Blätter. 2005 (170)

Gespräch in St. Petri . HE Gespräch in St. Petri über Schillers „Ästhetische Erziehung“ mit Peter-Andre Alt, Friedrich Dieckmann und Adolf Muschg Von Günter Kohfeldt In seinen Taten malt sich der Mensch“ - unter diese prägnante Formulierung Schillers stellte Wend Kässens vom NDR Kultur ein Gespräch mit ausgewiesenen Fachleuten. Für eine Sendung der Hör- funk-Reihe „Das literarische Caféhaus“ hatte er eingeladen Peter Andre-Alt als derzeit führenden Schiller-Biographen, Friedrich Dieckmann als Autor eines Wer- kes über den jungen Schiller sowie den Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg. Auf Initiative von Antje Peters-Hirt vom St.-Petri-Kuratorium fand die Veran- staltung in der Kulturkirche St. Petri statt. Die Aufzeichnung vom 22. April wird am 8. Mai 2005 im Sonntagsstudio gesendet. Hintergrund der 27 „Briefe zur ästhe- tischen Erzienung des Menschen“, die Schiller zwischen 1793 und 1795 ver- faßte. Einerseits setzte Schiller sich mit Kants „„Kritik der Urteilskraft“ auseinan- der, wichtiger war aber andererseits das Ereignis der französischen Revolution. Schiller war seit 1792 zum französischen Ehrenbürger ernannt worden, weil er den Aufbruch zu Freiheit, Gleichheit und Brü- derlichkeit begeistert begrüßt hatte. Die Hinrichtung König Ludwigs XVI. 1793 und der blutige Terror unter Robespierre erfüllten ihn jedoch mit Abscheu, sodass er auf Distanz ging. Die Ideale der Revo- lution waren „im Blut ertrunken“. Es ging Schiller nun nicht mehr um eine politische Revolution, ihm kam es auf die Rettung des Menschen, auf sein Heil an. Allerdings schrieb er die Brie- fe an fürstliche Leser, deren öffentliches Wirken auf kulturellem Felde durchaus zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse beitragen sollte. Den Einstieg in das Thema selbst mar- kierte die Lesung des 5. und einiger Pas- sagen des 6. Briefes. Dietrich Neumann vom Lübecker Theater meisterte diese herausfordernde Aufgabe souverän. Mit seiner mustergültigen Sprechkultur ge- lang es ihm, die langen Perioden und ge- schliffenen Antithesen des großen Rhetors Schiller durchsichtig zu vermitteln. Im 5. Brief konstatiert Schiller: „In sei- nen Taten malt sich der Mensch“ und er gibt eine kritische Analyse des „mensch- lichen Verfalls“ unter den gesellschaftli- chen Verhältnissen seiner Zeit. Geradezu prophetisch und auch für unsere Zeit nicht überholt wirkt Schillers Charakterisierung der Moderne (6. Brief) mit der berühmten Formulierung: „Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das erumtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur aus- zuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.“ An diese Textstelle knüpfte Alt seine Charakterisierung, Schiller versuche im Rahmen seiner Zeitdiagnose Wege zu zei- gen, wie der zersplitterte Mensch zu hei- len sei. Kässens pflichtete ihm bei und sah Parallelen zur Reformpädagogik. Kein Zwiespalt zwischen Geist und Natur bei den Griechen Schiller kontrastiere die zeitgenössi- sche Bruchstückhaftigkeit des Menschen mit der Ganzheit der Griechen, für die es keinen Zwiespalt zwischen Geist und Natur gegeben habe. Die Aufklärung des Verstandes allein habe nicht zur Heilung geführt. „Woran liegt es, dass wir immer noch Barbaren sind?“ Erst die Beantwor- tung dieser Frage könne den Weg ökknen zum „Menschen“. Die Gesprächspartner haben Schillers Vorschlag zur Humanisierung zunächst nicht inhaltlich diskutiert, sondern weitere Aspekte beleuchtet. Dabei ging es um die Stellung der Schrift in Schillers Gesamt- werk. Wie kam es, dass der Universitäts- professor für Geschichte zum Streiter für die Kunst, für das Schöne wurde? Alt führte aus, dass Schiller in einer Zeit der Krankheit den Text verfasst hat. Sie gab ihm die Möglichkeit, sich inner- lich von der französischen Revolution zu lösen und ihr seine Konzeption des Hu- manen entgegenzustellen. Dieckmann er- wog einen Zusammenhang zwischen der Krankheit und der tiefen Enttäuschung Schillers über den Gang der Ereignisse in Frankreich. Adolf Muschg blickte auf die weitere Entwicklung und sah in Hum- boldts Bildungsidee und seiner Univer- sitätsgründung eine direkte Wirkung der Schillerschen Gedanken. Wend Kässens richtete nun den Focus auf die schon zitierte provokante Frage. „Woran liegt es, dass wir immer noch Ba. baren sind“ und forderte seine Gesprächs. partner auf, sich Schillers Vberlegungey zur Veredelung des Charakters zuzuwen. den. Alt fasste nochmals Schillers , äg. thetische Glaubensartikel“ zusammen. Den Verlust der Ganzheit gelte es auszy. gleichen, die ästhetische Erfahrung solls | den Menschen harmonisieren, das Schöne solle mediatisieren. Dem stimmte Musch zu. betonte indes zusätzlich, dass Schiller zentrale Begriffe auch ambivalent ver. wende. So spreche er von der ,.reinen Natur“ der Griechen, aber von der „rohen Natur“ entfesselter Sinnlichkeit beispiels. weise. Hier nun sah Muschg ein protes. tantisches Element bei Schiller . Dessen These . der Mensch habe im Laufe der Zivilisierung seine Ganzheit verloren, zei. ge eine heilsgeschichtliche Komponente. Auf die Frage: Wie soll der im Sündenfa] gescheiterte Mensch wieder aufgerichtet werden? antworte Schiller nicht mit den Hinweis auf Christus, sondern entwickele statt dessen seine Theorie des Spieltrieb Muschg verwies auf die Apfelschuss-Szs. | ne im ,.Tell‘“ als einer Chiffre: Ein „Kunst. stück“ rettet den Menschen! Mit dem Begritt des „Spieltriebs“, da. rin waren sich alle einig, sei das Herzstück der Schillerschen Schrift angesprochen. Der Schluss des 8. Briefes zeigt schon die Tendenz, die sich im Spieltrieb reali- | siert. Schiller schreibt dort. dass ,. der Meg zu dem Kopf durch das Herz muß geötfnet | werden“ und dass es auf die „Ausbildung | des Empfindungsvermögens“ ankomme, Hierliegt der Widerspruch zur Aufklärung, den Dieckmann mit den Worten kommen- tierte: „Schillers Kritik der Aufklärung ist die philosophische Rettung der Sinnlich. keit“. Alt erläuterte das Wesen des Spiel- triebs als eines Mittlers zwischen Form- und Stofftrieb, während Muschg eine inte- ressante Parallele zu Freud zog. Schillers Formtrieb erinnere an Freuds Überich. der Stofftrieb an das „Es“. Mit der Konzeption des Spieltriebs erkasse Schiller das Wesen der Kunst im Sinne der Schönheit. Und ebendiese Schönheit mache den Menschen nach Schiller frei: Schiller zeige, wie der Mensch überleben könne. Kässens spitzte diesen Gedankengang zu der Frage zu, ob man in Schiller dem einen Psychotherapeuten sehen könne. Alt 128 Lübeckische Blätter 2005/19 und Muschg ler ja ATZt VC jnsbesonderc heib und Se es immer uv cätze gegant mremist des I Im Schli um die Re gchillers §c in der Tat den. Den or argumentat während Di Neuc Aus den Viele A Denkmalpk auch wiede aus dem je gelegten Ja “ lm Ber pflege galt derem den taph des K 1584) in de Gemälde C lich in mel tet: das Bi in die En zu datiere Grab vern überkasst auferstehe Anschein | ]etzze um 1984/85 s! 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