Full text: Lübeckische Blätter. 2005 (170)

In Gedenken Julius Lebers sen. Als sie sich von einer Lehrerin unge- recht bestraft fühlte, kam es zu einer Prü- gelei, in deren Verlauf die Schülerin ihre Lehrerin mit einem gefüllten Turnbeutel traktierte. Als sie ihrem Vater den Grund für diesen unüblichen Zweikampt schil- derte, habe er nichts eingewendet. „Mein Vater hasste Duckmäuser!“ Schon über die Ochsentour-Politiker seiner eigenen SPD habe er gespottet. Aber es scheint die Eigenschaft star- ker Männer zu sein, sensibleren Gemür- tern der eisenen Umgebung Unrecht zu tun. Denn ihr Bruder Matthias hatte es bei diesem Vater schwerer. Seine Schwester ist - bei aller Bewunderung für ihren Vater - heute nicht einver- standen mit der Art, wie der Ro- bustheit einkor- dernde Vater ihren etwas jüngeren Bruder behandelte. „Ich bin eben wie mein Vater eine handfeste und bäu- erische Elsässe- rin.“ Matthias Le- ber sei hingegen überaus sensibel gewesen und habe zuweilen in Angst vor seinem Vater gelebt, dessen An- forderungen ot nicht gewachsen war. Die langjährige Journalistin meint, ihr Bruder sei im Vergleich zu ihr der in- tellektuellere gewesen. „Er schlug eben eher nach der Familie meiner Mutter.“ Ihre Mutter Annedore Leber war eine ge- borene Rosenthal, deren Vater Georg Ro- senthal bis 1933 Direktor jenes Lübecker „Katharineums“ war, das einst durch Thomas und Heinrich Mann zur Bühne der Weltliteratur geworden war. Über die- sen Direktor schrieb der Philosoph Hans Blumenberg, der selber das Katharineum besucht hatte, in der Festschrift zum 450. Jubiläum seines Gymnasiums im Jahre 1981: „Die Erinnerung an Rosenthal, der stolz der Schmach den Rücken gekehrt hatte, wuchs in dem Maße dessen, was nach ihm kam, mit der Kümmerlichkeit der großen Worte und leeren Gesten, den hilflosen Machtansprüchen, dem wilden Herumfuhrwerken. Dieser Verfall kam von oben, und es gehört zu den lebens- lang zu verarbeitenden Erfahrungen des- sen, der gerade noch vergleichen konnte, dass es auch die wirklich gab, die sich nicht mitreißen ließen, die etwas zu be- wahren hatten. Rosenthals Schule über- lebte den Verfall, weil es ihn gegeben hat- te, weil die Zeit nicht ausreichte, seinen Standard vergessen zu machen.“ Georg Rosenthal war ein bürgerlich-konservati- ver Patriot mit einem elitären Anspruch. Die Heirat seiner Tochter Annedore mit Julius Leber hat er mitnichten begrüßt. Denn Leber war im damaligen Lübeck ein Bürgerschreck. Er war nicht nur ein Sozialist, er galt im Lübecker Bürgertum Julius Leber im Sommer 1943 mit seinen Kindern Katharina und Matthias am Strand von Nidden auf der Kurischen Nehrung - übrigens nicht zu Unrecht - auch als Frauenheld und gewaltiger Zecher. Ihr Großvater Georg Rosenthal sei über die Heirat seiner Tochter mit Leber im Jahre 1927 unglücklich gewesen, habe mit sei- nem Schwiegersohn politisch keineswegs harmoniert und ihn bis zum Schluss ge- siezt. Dass er aber im Sinne Blumenbergs einen auch menschlich hohen Standard besaß, zeigt sich darin, dass er sich, wie seine Enkelin berichtet, strikt weigerte, vor der Gestapo gegen seinen Schwieger- sohn auszusagen. Die Weigerung, sich von seinem eigentlich nicht geliebten Schwiegersohn zu distanzieren, das Ge- rücht, allein aufgrund seines Nachnamens sei er „jüdisch versippt“ und seine an an- tik-humanistischen Idealen ausgerichtete Direktorenschaft, führten dazu, dass er 1933 vom Lübecker NS-Senat als Schul- direktor abgesetzt wurde. Die Umstände seines Todes am 16. März 1934 sind bis heute ungeklärt. Seine Enkelin vermutet mit guten Gründen einen Freitod ihll Großvaters. Es habe keine richtige Behandlung digung gegeben und sie sei eigentlich ykich vor; ihren Eltern nie wirklich über die Begld|! umstände seines Todes unterrichtet wl den. Während seiner KZ-Haft bis 19 drängte der katholisch getaufte aber sfr nen Katholizismus nicht praktiziere Leber darauf, dass seine Kinder ebenftfäaf: katholisch getauft würden. „Er woll: dass wir Kinder in dieser Zeit so et i wie einen festen Halt bekämen.“ Sed h Frau Annedore hatte sich schon vor d [€ L ber pa N 1 Elte L nanzipit te bei d mög für d 1E§ vang e all getre Weg dieser emanzipis ten politischr-relid ösen MWandlungf redete di durchaus bibelfes undcd eudil § Leber sie in sein ertugun Briefen gerne n5funr L. „Paulus“ an - voflessen Ve bürgerlichen evd 0. . gelischen ..SaulufPP' cl sei sie zum linkgh!cnt gew „Paulus emanJ ; U piert. Einige JanVochen i nach der Taufe " das : rer Kinder ließ sie sich selber katholis(flie Kind taufen. Fragt man Katharina Christianseé les G warum auf allen verfügbaren Fotos i hristiar Vater stets etwas grimmig wirke, gibt Noche 1 eine einfache Antwort: „Ich glaube, P'" zt wollte gerne so wirken. Einige hatten uf'!§ auch 1 ihm auch Angst.“ Eigentlich habe . t mit ihm aber gut lachen können, eine H higkeit, welche die Journalistin Katharil] tt Christiansen von ihrem Vater geerbt J] Diensc haben scheint - freilich bevorzugte er d 11.01 nen etwas schwarzen Humor. Einen bill B f! sonderen Sinn habe er für den berliniscl jüdischen Witz gezeigt. Die Sozialdem kratin Katharina Christiansen ist s 18.01. darauf, dass ihr Vater nicht nur ein begal ter Arbeiterführer gewesen sei, sondel] auch ein fähiger Geschäftsmann. Der prd movierte Nationalökonom, der zusätzlid eine Kaufmannslehre absolviert hatte, sI nach seiner Entlassung aus dem KZ I Berlin ein erfolgreicher Kohlenhändl| gewesen. „Aus einer Klitsche machte d 2 Lübeckische Blätter 20098 „übeckische
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