Full text: Lübeckische Blätter. 2004 (169)

lant, darin ist er Artist“; im 3. Buch sei das schon erwähnte Kuckuck-Gespräch zu nennen. Der Typus des Hochstaplers, wie Fe- lix Krull ihn als glücklichen König ver- körpere, sei kein Politiker, habe kein LE- sellschaftliches Interesse, sei anders als alle anderen Beispiele (außer bei Gogol), nämlich nicht auf eine Rolle kestgelegt. Er habe vielmehr ein hoch reflektiertes Selbstverständnis; darin treffe er sich mit Erasmus Spikher in E.T.A. Hoffmanns „Geschichte vom verlornen Spiegelbilde“ (1814), dem Gegenstück zu Chamissos „Peter Schlemihl“, der eine habe sein Spiegelbild, der andere seinen Schatten verloren. Gerigk sah seine Einlassungen zur poetologischen Differenz bestätigt: „Das Schopenhauer-Ei ist ausgebrütet“. Krull habe einen Willen zum Leben und schaffe sich jeweils aktuelle Erlösung durch den schönen Schein. Thomas Mann schaue ihm wehmütig mit parodistischem Blick auf sich selbst zu, während poetolo- gisch der Kampf auf der Götterburg Lis- sabon tobe und Zeus als Kuckuck sich auf Heras Schoß niedergelassen habe. War es etwa nur kokett-naiv. dass Gerigk zum Schluss fragte: „Wer ist Kuckuck?“ Der Vortrag hielt stilistisch und inhaltlich, was der Titel versprach, und war hinrei- Bend vorgetragen. Die Diskussion wurde durch eine hitzige Debatte über die rechte Schopenhauer-Auslegung bereichert. Die biographische Arbeit Ein Thema mit einem Fachwissen- schaftler zu besetzen, der aus dem völlig neuen Blickwinkel einer anderen Wissen- schaft auf ein Sujet blickt, ist immer wie- der nötig und kann im Ergebnis fruchtbar aber auch fruchtlos sein. In dem vorlie- genden Fall handelte es sich um letzteres. Gabriele Rosenthal. Göttingen. hinterließ das Publikum ratlos nach ihrem Referat mit dem überlangen Titel: „Die biogra- phische Erzählung: Dichtung oder erlebte Wirklichkeit? Zur Rekonstruktion erleb- ter Vergangenheit in der soziologischen Biographieforschung“. Als Sozialwissen- schaftlerin mit dem Schwerpunkt Autobi- ographieforschung beschäftigt sich Ro- senthal mit erzählten Lebensgeschichten zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Sie gestand gleich zu Anfang, dass sie über Thomas Mann nichts zu sagen vermöge. Unumwunden gab sie preis, dass ihr die Fülle des Materials in ihrem Computer verraten habe, dass sie Wochen gebraucht hätte, um seine Biographie auszuwerten. Stattdessen erzählte sie eine andere Fall- geschichte. Thomas-Mann-Kolloquium ZAZza . Das Verhältnis von Erlebtem und Er- zähltem werde von der soziologischen Biographieforschung dialektisch ausge- wertet. Dabei helfe das von Rosenthal ständig beschworene ..feine Instrumenta- rium der unendlichen Hypothesenbil- dung“. Ist es falsch. davon auszugehen, dass bei aller biographischen Arbeit Ro- senthals das Erkenntnisinteresse der For- schung an ihrem Objekt doch ein deutlich anderes ist als bei der Thnomas-Mann-Phi- lologie? Um beide Bereiche zu verbin- den, was denkbar ist, braucht es für mein Gefühl Wissenschaftler von anderem Zu- schnitt. Gewinn und Verlust des Selbst Der treffliche philosophische Kopf. Friedrich Gaede. kanadischer Emeritus, wohnhaft in Freiburg. verglich eindrucks- voll Simplizissimus und Krull. deren pica- reske Bruderschaft Seidlin schon 1951 kestgestellt hatte. Fragen nach der Identi- tät leiten beide: Simplizissimus müsse die Welt definieren: Felix kämpfe mit seiner multiplen Persönlichkeit. Auf einem ver- schlungenen Pfad leitete Gaede die Un- terschiede zwischen Früh- und Spätmo- derne aus dem der Antike entstammenden Stoff-Form-Problem her, dass nämlich Thomas Manns Krull unter einem Hylos- Defizit. einem Stoffmangel also. leide: die geistreiche Verbindung und Mischungen seien alles. Laufe Simplizissimus sich quasi entgegen. in dem alle Gegensätze dyna- misch seien und die erfahrbare. lebendige Natur inklusive ihrer Materie sich ständig . Tendenzen tun. [.zichts dafür, dass er Hochstapler sei: er V. | olle s allerdings auch nichts anderes als die edonist sein, der bereitwillig die Welt ie in preise. ß: per Hochstapler als Krone der f schöpfung de; Etymologisch sei ein Hochstapler ein ir gettler, der sich vornehm ; Lebe, was laut imi. geriskk im Namen „Felix Krull“: der dem glückliche König“ (polnisch Krull) an- un juklingen schein; Es handele sich bei erds | felix Krull, Teil I. um ein abgeschlosse- nes Fragment eines hedonistischen Leis- jungsethikers, der sich anstrenge, aufspa- fe; zurückhalte und nirgendwo zur Ruhe ;omme und keine Erfüllung finde und ZU- ? der gleich um die paradoxe Figur eines glück- wist jichen Königs, der im Zuchthaus lande. rtrag fr delegiere sein Ich und sei immer tisti. ynterwegs. Eigentlich gebe es die Exis- und jenzkorm des hedonistischen Leistungs- glich ethikers nicht - nur in der Logik der bri]. | pichtkunst! Er stelle das „Ende der Wil- Der | Jensmetaphysik“ dar: Den Lebenswillen 1 der jm Leerlauf! Gerigk nannte drei Beispie- . d. | je: Trotz Müller-Rosés Anblick in Buch | aber; jege Felix die Illusion nicht ab, träume zich empor, ziehe den Schein vor. Im Zir- u-die pus in Buch 2 seien sich die Artisten ihrer ren? | wirkung, ihrer Tricks, ihrer Künste si- ’ttin. cher; sie schlössen Krull aus, der „vom 1 Ge. fach“ der Wirkung. der Menschheitsbe- chen t olückung „im Allgemeinen ist“. Der Me. | Hochstapler Felix Krull als Wirkungs- psy- zünstler simuliere nur, was er darstelle: > und „Per Hochstapler ist als Mensch Simu- n mit e Er. :kere. habe Pro- | hrist- tinug sam- Glau- | ie ein Omag Rei- itären | ewis- n nur Intnis att ei- einen | .rusa- | Ge. | open- hand 1auer- . xen Olympia Krull Krull 2004117 | Iübeckische Blätter 2004/17 273
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