Full text: Lübeckische Blätter. 2004 (169)

. | | | Kommentar m TS >-: 5. Literarische Nacht Lübeck als geile Lebensform 2 % an | | von Martin Thoemmes mer de; | | ' || Vor 78 Jahren, im Sommer 1926, kür ein | hielt Tnomas Mann anlässlich des 700. Linden. | Jubiläums der Verleihung der Reichs- | freiheit an Lübeck im vollbesetzten | | stadttheater eine Rede, deren Titel in seiner Heimatstadt und weit über sie hinaus zu einem geflügeltem Wort wur- de: „Lübeck als geistige Lebensform“. | | parauf bilden sich gebildete Lübecker | | aller Stände bis heute einiges ein. | So ist es ein einschneidendes Da- Moltke. | | Zusam- egt Pla. | tum, wenn die Hansestadt für ihre Mu- mit ej. | ¿en nun an prominenten Ein- und )O Milli. | Ausfahrtstraßen auf riesenhaften, ver- Frühjahr | schiedene Werbung abrollenden Pla- | | katflächen mit dem Satz wirbt.: „Geist | | jst geil!“ Hiermit begibt sich die Stadt | | kalauernd auf das Niveau einer be- kannten Marktkette, die mit dem Motto „Geiz ist geil! “ wirbt. „Geist ist geil! “: Ein solcher Satz ruft nach der Niveau-Polizei. Doch be- | vor wir sie anrufen, nur folgendes: Ú | Dass Geiz angeblich geil sei, mag man tirbt daz ethisch und moraltheologisch bedau- mgjähri. ern, dem damit werbenden Unterneh- Bürger. men gestehen wir aber zu, die Etymo- "r, Hans. logie, vermutlich unfreiwillig, nicht ganz verfehlt zu haben. Der „Kluge“, Israeliti. Iolstein) stimmig | | laft stei. Halbjahr das etymologische Wörterbuch der deut- schen Sprache, lässt es als möglich er- scheinen, dass , geil“ mit „Geiz“ und „Geier“ zusammenhängen könnte. Er- wogen werden auch sprachgeschichtli- che Wurzeln, die einst „schön“ bedeute- ten. Aber hauptsächlich wird „geil“ heu- te der Jugendsprache und vor allem den sexuellen Trieben zugeordnet. Nun ahnen wir seit Freud und vor al- lem seit unzähligen Tagebuch- und Ro- manstellen Thomas Manns, dass Geist und Kultur sich der Sublimierung des Triebes verdanken - einmal davon abge- sehen, dass die bildende Kunst, die jetzt offiziell als ,„geil“ gepriesen wird, seit der Antike schon in einem heiklen Span- nungsverhältnis zum Geist steht und mit ihm keineswegs identifiziert werden kann. Doch es scheint, die Stadt strebe mit ihrem flotten Unsinnsspruch nach der Jugend. Sie verkennt aber, dass die Ju- gend sich peinlich berührt abwendet, wenn gestandene Erwachsene versu- chen, sich ihr sprachlich ankumpelnd zu nähern. Wenn eine Stadt ihre Kunst- und Kulturschätze sprachlich derart billig verhökert, dann scheint grundsätzlich et- was im Argen zu liegen. Der französi- sche Dichter und Philosoph Charles Péguy (1873-1914), übrigens ein Sozi- alist, besaß ein untrügliches Sensori- um für die unterirdischen Zusammen- hänge verschiedener Korruptionen: derjenigen der Sprache, des Geistes und des politischen Ethos. 1909 schreibt er: „Alles was wir gefördert, alles was wir verteidigt haben, die Sit- ten und die Gesetze, der Ernst und die Strenge, die Prinzipien und die Ideen, die Redlichkeit der Sprache, die Red- lichkeit des Gedankens, Gerechtigkeit und Eintracht, Genauigkeit, ein gewis- ser Anstand: dies alles, was wir geför- dert und verteidigt haben, weicht von Tag zu Tag mehr vor einer Rohheit und einer Verwilderung zurück, die im An- wachsen sind, vor der Überflutung durch die Korruption in Politik und Gesellschaft.“ Eine Stadt, die öffentlich mit dem Satz wirbt: „Geist ist geil! “, droht sich solcher Rohheit und Verwilderung hin- zugeben. Wir dürfen gespannt sein, ob Lübeck, das sich derart genial um Kopf und Kragen wirbt, jemals zur Kultur- hauptstadt Europas promoviert wird. Triebtkedern - Erotik und Literatur | 5. Literarische Nacht in St. Petri | eröfäng | Ion Sylvina Zander . Trave. | . s | Die 5. Literarische Nacht in St. Petri 'eranstal- guchte am 12.6.2004 nach dem Geheim- nis der Erotik. Knapp 500 Zuhörer ließen dtansicht | sich von den Texten zu intensiven Ge- nach Lü. sprächen in den Pausen bei Musik und schen Ej. Kulinarischem inspirieren. Groß war die Zahl derjenigen, die ge- kommen waren, um sich durch ..Triebfe- | dern -Erotik und Literatur“ anregen zu auverein lassen und man muss wohl nicht so weit emaligen gehen wie Michael Lentz, der darin ,ein auch den positives Defizit“ sah: „Wahrscheinlich südlichen jind sie alle unglücklich.“ Sex, Lust und stehende Liebe, das ist eine alte Trias und sie muss immer wieder neu erzählt werden. hjw [rn Hermann, Michael Lentz,. Connie | Palmen, Urs Widmer und Wolf Wondrat- schek waren die literarischen Anreger und Martina Tegtmeyer (Akkordeon) und Christian Wolff (Klavier) sorgten für die sinnlichrerotische Umrahmung., die außerdem von zwei Tangopaaren durch eine Tanzeinlage ergänzt wurde. Silke Behl (Radio Bremen), die wiederum die Moderation übernommen hatte. war sichtlich nicht ganz in ihrem Element und ließ sich durch einige Provokationen Wolf Wondratscheks, der wohl seinem Ruf als „Machismo“ gerecht werden wollte, irritieren. So gingen einige der eingangs formulierten Fragen verloren., wie die nach der Balance der Geschlech- ter und dem vermuteten männlichen und weiblichen Blick auf Erotik. Auch aus dem Vorhandensein von unterschiedli- chen Generationen zwischen Urs Wid- mer (Jahrgang 1938) und Judith Her- mann (Jahrgang 1970) wurden keine Funken geschlagen. Nach dem bewährten Modell eines Wechselspiels zwischen Lesung und Dis- kussion war auch diese Literarische Nacht aufgebaut. Wie die Stationen einer Liebesgeschichte klangen die Impuls ge- benden Überschriften der einzelnen Blö- cke: Verlangen. Spiel. Passion, Bindung und Sehnsucht. Aber das eigentliche Thema des Abends war der Zusammen- ätter 2004/1175 Lübeckische Blätter 2004/15 241
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