Full text: Lübeckische Blätter. 2004 (169)

Wissenschaftlicher Förderpreis verheerender Kraft gegen sie wandten, nur allzu verständlich. Sie erklärt den in der Dissertation erwähnten,. mit dem Alter wachsenden Hang zu nunmehr auch resi- genativer Ironisierung. Diese befällt ja selbst ein Vollblut wie Günther Grass, wenn er nach lebenslangem Kamptft für Toleranz erleben muss,. dass sein Vor- schlag eine von Christen nicht mehr be- nötigte Kirche in eine Moschee umzu- widmen, -ein Zeichen höchster Toleranz, ja mehr noch, des Versöhnungswillens hinweg über Kreuzzugsmassaker und Ko- lonialismus einerseits und sarazenische und türkische Okkupation sowie funda- mentalistisch-islamischen Terror anderer- seits -, noch im 21. Jahrhundert in eine Attacke gegen das Christentum umgedeu- tet wird. Hier hilft nur Ironie als, wie Grass for- muliert. selbst den Schmerz mit Heiter- keit aufwiegende Erzählweise“. Meine Damen und Herren, so sehr Malte Herwig einesteils den Eindruck, der Ehrendoktor der Naturwissenschaften der eidgenössi- schen technischen Hochschule Zürich, Thomas Mann, sei ein umfassend natur- wissenschaftlich Gebildeter gewesen, ab- schwächt., indem er z. B. am Zauberberg nachweist, dass nicht gesichertes Wissen übernommen wurde, so deutlich arbeitet er andererseits die handlungstreibende Funktion aus fach- und populärwissen- schaftlichen Büchern übernommenen Wissens insbesondere für den Zauber- berg, den Doktor Faustus und den Felix Krull heraus. Unzweifelhaft geschah die Übernahme naturwissenschaftlicher Be- funde zufallsabhängig aus vielen Quellen unterschiedlicher Qualitäs und war sicherlich mühsam. Doch hat das Eindringen in die Natur- wissenschaften dazu beigetragen, ein reichhaltiges Lebenswerk „von großer in- tellektueller Spannweite und ästhetischer Harmonie“ entstehen zu lassen. Wie in der Dissertation gezeigt wird, hat daran allerdings auch die bildreiche und gefühl- volle. den Leser fesselnde Sprache der populärwissenschaftlichen Publikationen nicht unwesentlich mitgewirkt. Diese Dissertationsschrift ist nicht einkach von des Gedankens Blässe angekränkelte Analyse, sondern ein gut durchblutetes eigenständiges und, obwohl es wegen der Präzision auch der Fachsprache bedart, so doch sprachlich elegantes Werk. Es speist sich aus weit mehr als der angeführten Primär- und Sekundärlite- ratur und gibt damit wieder ein Beispiel dafür, dass wir alle in unseren Hirnen unser Ich aus den Worten und Wirkun- gen anderer Menschenhirne erbaut ha- ben, willentlich und unwillentlich, wis- sentlich und unwissentlich, keiner von uns ist aus sich selbst. Diese eigentlich banale, dennoch nicht sehr verbreitete jedenfalls aber toleranzstiftende Ein. sicht sollte jedem schon in der Jugey eingeprägt werden. Malte Herwigs Di,. sertationsschrikt erregt kraft sprach]. cher Farbe und geistiger Facettieruy des Lesers Gedanken- und Fantasic. welt. Der Laudator ist nur einigen Wenigen der Fährten gekolgt, die die Dissertation; schrift aufnimmt, und hat sich, was ein schwacher Text nicht vermocht hätts auch auf Nebenwege verkühren lassen Damit sollte ein Eindruck von der Vie]. schichtigkeit und Komplexität vermitteh werden. Die Laudatio wird aber nicht de; Difkerenziertheit der Arbeit gerecht. Let,. tere verdankt sich der sorgfältigen Re. cherche und der Aufdeckung naturwiz. senschaftlicher und medizinischer Bezj. ge sowie der Berührung sozialwissen. schaftlicher und philosophischer Anre. gungen und Wirkungen und der Entklech. tung des emotional-erotischen Wurzel. werks, welches die zahlreichen geisteg. und naturwissenschaftlichen Pflanzungey in Thomas Manns humanistischer Weh ihrer maar glick (Gerc ] auk d | gen € | fi [ ] war a guhn ebens dung ztein . ganz Y geine alles : miteinander verbindet. Innen, Malte Hr. .LH wig, wünsche ich, dass sich nicht nur Ger. | manisten, sondern auch Interessierte an. derer Fakultäten an Ihrer substanzreichen überaus anregenden Promotionsschrif; erfreuen werden. Der Hochstapler - ein Bildungsbürger auf Abwegen Rede anlässlich der Verleihung des Thomas-Mann-Förderpreises von Malte Herwig (Oxford) Herr Präsident, liebe Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren. Der Alltag ei- nes Doktoranden, der sich Thomas Mann zum Thema gewählt hat, lässt sich ohne weiteres mit drei Zitaten des Autors um- reißen: Rigorose Disziplin: „Unser täg- lich Blatt gib uns heute“ (4.6.1920 an Ernst Bertram) und komfortable Gelas- senheit: „Nichtsthun im seidenen Schlaf- rock vormittags“ (Tb. 9.3.1939) wechseln sich ab, bis schließlich das Ende naht und es heißt: „Auch ungeschlafen werde ich arbeiten“ (Tb. 7.10.1946). Was dabei herausgekommen ist, darüber werden Sie demnächst selbst ur- teilen können, wenn Band 32 der Tho- mas-Mann-Studien, „Bildungsbürger aut Abwegen: Naturwissenschaft im Werk Thomas Manns“ erscheint. Ich wurde ge- beten, Innen heute bereits einen kleinen Vorgeschmack zu geben.Kein Ausspruch ist charakteristischer für die Weltsicht des wilhelminischen Bildungsbürgers als Francis Bacons berühmte Maxime: Wis- sen ist Macht. Das wusste schon der neunzehnjährige Thomas Mann, der sich aufmachte, „etwas zu lernen“, wie er an seinen Freund Otto Grautotfk schrieb. Denn: ,.zu der intellektuellsten der Küns- te, der Wortkunst, gehört nicht nur Gefühl und Technik, sondern auch Wissen, es sei denn, dass man unter die Lyriker gehen will und verhungern“.' Mit Wissen lässt sich schließlich hervorragend glänzen und die Umwelt beeindrucken. Unwissen zu offenbaren dagegen ist dem Bildungs- bürger peinlich. Besonders exotisches Wissen eignet sich, um die Mitmenschen zu blenden und von vornherein zu ent- wafknen. In seinen Erinnerungen schreibt Max Halbe über den Eindruck, den die erstaunlichen naturwissenschaftlichen Kenntnisse des populärwissenschatftl. chen Autors Wilhelm Bölsche auf seine Kollegen machten: Er erteilte uns andern, uns vollkom- menen Ignoranten Belehrungen etwa über die Fortpflanzung der Spulwürmer oder über den Knochenbau des vorweltlichen Megatheriums, dass wir bis in unsere in- nerste Seele über unsere Unwissenheit er. röteten? Mein Damen und Herren, ich bin si- cher, uns allen wäre es ähnlich ergangen. Aber wie sieht es damit nun in Thomzgs Manns Fall aus? Während das breite Le- sepublikum Thomas Mann nach wie vor als humanistischen Schöpfer enzyklopi- discher Romane schätzt, ist in der germa- nistischen Forschung seit einigen Jahr- zehnten eine gegenläufige Tendenz zy verzeichnen: Die Quellenkorschung hat Manns synkretistische Arbeitsweise ,in 196 Lübeckische Blätter 2004/13 Die . strec. und ! N Abw zuw'e mein selle disck sion! VerZt rühn glaul habe Schr | was dum); [ einei gerw | nen] risch ren, Lübec
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