Full text: Lübeckische Blätter. 2003 (168)

Romeo und Julia „Romeo und Julia‘ im Großen Haus: Kurzes Liebesglück in tristem Ambiente Montag, 6. Januar, „Kostprobe“: Über 100 Besucher drängen sich im Mittel- rang-Foyer. Dramaturgin Karla Mäder er- scheint: „Ich muss Ihnen leider gleich eine unangenehme Mitteilung machen.“ Wegen der plötzlichen Erkrankung der Julia-Darstellerin Lisa Wallmann musste Sylvia Habermann einspringen. Die Fol- ge: erhöhte, angespannte Proben-Aktivi- tät, kein Probenbesuch für die Öffentlich- keit. Murren im Foyer, einige Besucher gehen. Anschließend hält Frau Mäder ein kompaktes einstündiges Shakespeare- Kolleg und teilt u. a. mit, dass die Regie Tilman Gerschs auf eine „extrem körper- liche Spielweise“ setze und es infolge dessen schon mehrere Verletzte gegeben habe ... Freitag. 10. Januar, 19.30 Uhr: Die Premiere ist von ungewöhnlich viel jun- gen Leuten besucht, die - wie alle ande- ren Besucher auch - der dreistündigen Ausführung (mit über 30 Minuten Pause) konzentriert lauschen. Der Text: Die Übersetzung stammt von Thomas Brasch, der Lübecker Thea- terbesuchern durch sein 1986 im Studio aufgeführtes Stück „Mercedes“ bekannt geworden ist. Sie betont weit mehr noch als die Übersetzung Frank Günthers, die der Lübecker Aufführung von 1988 zugrunde lag, die Krass- und Derbheiten des Shakespeareschen Textes, die uns Schlegel/Tieck weitgehend unterschlagen haben, und ist vielfach unglaublich flach („Was is’? „Is’ was?“). Die Ausstattung: Der Sprache ent- spricht das auf den einzelnen Schauplät- zen der Drehbühne verwandte, bewusst schäbige Inventar. In der Mitte ein vergit- terter Turm, den DDR-Wachttürmen un- seligen Andenkens nachemptunden: Julia in Käfighaltung. Um zu ihr hinauk zu ge- langen, muss nicht nur Romeo ganz schön akrobatisch sein. Kein Zweitel: Diese Inszenierung, zu der Andreas Aucherbach die Ausstattung beitrug, ist stark der „West Side Story“ nachempfunden. Auch im Großen Haus muss sich die Liebe aut den ersten Blick und bis zum bitteren Tod gegen mancher- lei Widerstände behaupten, hier gegen - die Feindschaft zwischen den Häu- sern Montague und Capulet, wenn die Mhoch ein Szene aus „Romeo und Julia “ mit Sylvia Habermann und Florian Müller-Morungßgr hit männlichen Protagonisten mit ihren Ein- kaufswagen zusammenrasseln; - die Unreife und das Unverständnis der Freunde: Benvolio (Martin Schwar- tengräber als Punk) futtert dauernd Chips, Marcutio (Silvio Caha, am Ende mit Ex- trabeifall bedacht) neckt Romeo mit zweideutigen Sprüchen und Gesten; - die Konkurrenz (Andreas Hutzel als lässig-machohafter Grat Paris) und die offene Feindseligkeit (Hartmut Lange als tückisch lauernder Tybalt); - die wenig Autorität verkörpernden Elternhäuser: Vater Capulet (Volkmar Bendig) markiert den Haustyrann und Lady Capulet (Heidi Züger) die hysteri- sche Möchte-gern-Jugendliche. wenn es gilt. die - laut Text - vierzehnjährige Julia unter die Haube zu bringen. Romeos Mutter, die Lady Montague, sitzt im Roll- stuhl (Hannelore Telloke), Vater Mon- tague (Rainer Luxem) hat wenig zu sa- gen. Die Amme (Anna Magdalena Fitzi, von der Regie etwas unentschlossen ge- führt) ist der aufkeimenden Liebe durch ihre Schwatzsucht teils hinderlich, teils förderlich. Einzig Bruder Lorenzo waltet als guter Geist über dem jungen Glück und beugt ihm zuliebe auch einmal die Wahrhaftigkeit, wenn es denn sein muss. Dietrich Neumann, ein Darsteller, der auch noch wirklich Verse sprechen kann, (Foto: Thomas M. Jagchuldet Das ( verkörpert ihn ähnlich überzeugend ['s den Puck im „Sommernachtstraum“. )rarhei Das Ereignis dieser Aufführung, spielten stellenweise gefährdet ist durch ein Ühgchon di mali an Akrobatik, an Trostlosigkeit y Leichte auch an Musik, ist Sylvia Habermayjinssstin Julia. Sie findet ganz unmittelbar ant sohn) ; rende Töne für das Liebesglück und [nes Ge Seelennot des jungen Mädchens. Ü.cins, d Florian Mliüller-Morungen ist Auch G zumindest in der Intention ebenbürtig Len so h melancholisch-bleichgesichtiger ſiasonist ling im Parka, auch wenn seine Al;;crt. w. drucksmittel weniger differenziert sindT jalves . In dem I Starker Beifall am Schluss einer hern Gei sonders für die Darsteller strapaziögesellte Aufführung. Er wurde von Generalintider ansc dant Marc Adam unterbrochen, der B] zcheln mensträuße verteille an Sylvia Hahgen Da mann - und an Imanuel Humm, der liberzeu. den erkrankten Sven Simon eingespnOrchest gen war und zusammen mit Neyund mi Nöthig und Andreas Hutzel (in Doppglut“ de rolle) ein Dienertrio bildete. Lehé Fazit: Wiederum eine Klassiker-hführte, i zenierung, die bewusst jugendliche Beiden zw cher ansprechen will. Wenn man eine hschlosse wusste Verarmung und Reduzierung dWeib un Milieus in Kauf zu nehmen bereit ILiebche dann kann man Tilman Gerschs Produk maus“. on als schlüssig und packend bezeichne des Tenc Klaus Brennt vom Bl 28 Lübeckische Blätter 20( Lübeckisct
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