Full text: Lübeckische Blätter. 2003 (168)

è Von qie besondere Funktion des Textes neben dem Gemälde hingewiesen. Der - auch wenn es so scheint - ganz und gar nicht überladene, sondern in sich geschlossene. den Leser präzis informierende und be- . Ein NZ Zi. t sich lehrende Buchtitel sei in seiner ganzen | Tan, harocken Länge zitiert: gen. t auch SPiel Lübecker Todten=Tanr:. Oder sterbeus=Spiegel!TDarinnen aus allen ständen die Todten tantzend! und die wohl Juntrenden redend sich aufführen. Wie nicht selbiger an den Wänden Der so Lenand- r oder j;en Kinder=Capellen unserer Es To. Haupt=Kirchen zu St. Marien durch den pinsel des Kunst=Mahlers Ao. 1701. re- pariret, So wohl die Augen der vorbeyge- henden mit frischen Farben! Als das Ge- müthe der lesenden mit neuen hochteut- schen Reimen ergötzet! Und zur Betrach- 1 tung menschlicher Nichtigkeit f J Christ=geziemend anführet! Durch die I Feder Nathanaelis Schlotii Dantiscani. Im selben Jahr veröffentlichte Schlott den Totentanz noch ein weiteres Mal in seiner ebenfalls in Lübeck erschienenen Gedichtsammlung „Eine Hand=voll Poe- tischer Blätter“, die er sechs ehrenwerten Lübecker Bürgern, darunter den Ratsher- ' ren Hermann Focke und Hermann Rodde # widmete. Zur Ergänzung des Totentanzes fügte Schlott hier zwei Gedichte über die 1hese „Der Tod ist kein Tantz“ und die antithese „Der Tod ist ein Tantz“ hinzu. Im Unterschied zu seinem Totentanz haben Schlotts andere Werke - zumeist Gelegenheitsgedichte für Hochzeits- und vor allem Trauerkeierlichkeiten Lübecker und zuvor Jenaer Bürger - nicht über den Anlass hinaus, für den sie gedichtet und bei dem sie wohl auch vorgetragen und den Gästen überreicht wurden, weiterge- wirkt. Dieses Schicksal teilen sie mit Tau- senden von Gelegenheitsgedichten der Zeit. Schlotts Totentanz-Verse sind dage- Ibeins Twen- las igt Barocke Verse für den mittelalterlichen Totentanz weil der Totentanz von St. Marien SEINE Faszination nicht verlor. Mit dem Gemiäl- de haben Schlotts Alexandriner weite Verbreitung erfahren. So sind sie in einer großen Zahl von Drucken. in denen der Name des Autors oft ungenannt bleibt. er- schienen und 1738 in dänischer Sprache sowie I1768 in der Reisebeschreibung Thomas Nugents in der englischen Über- setzung einer jungen Lübeckerin publi- ziert worden. Noch 1776 beeinflussten Schlotts Verse den 1872 verbrannten Er- kurter Totentanz. Während der Lübecker Pastor und Se- nior von St. Marien Jacob von Melle über seinen Zeitgenossen Schlott ein wenig gönnerhaft urteilt, er sei „„ein nicht unebe- ner Poeta‘, hat man im 19. und 20. Jahr- hundert fast ausnahmslos bedauert. dass die niederdeutschen Verse bei der Reno- vierung des alten Totentanzes im Jahr 1701 durch die als manieriert empfunde- nen Alexandriner aus der Feder des baro- cken Dichters ersetzt worden waren. Nachhaltiger Eindruck bei Hans Henny Jahnn Umso auffälliger ist der nachhaltige Eindruck. den Schlotts Verse bei dem jun- gen Hans Henny Jahnn hinterließen. der über einen Besuch in der Marienkirche im Januar 1915 in seinem Tagebuch notierte: „Wir standen in der Totentanzkapelle. Rings herum an den Wänden war der Tod gemalt, wie er den Reigen tanzt mit allen Menschen dieser Welt [...].“ Ein jeder sagte seinen Vers so glatt und rhythmisch. wie ich selten Verse las. Und immer Sang der Tod den Takt, im selben Versmaß leicht und hart die Antwort [...]. Sie sind sehr gut, diese Verse - man muss den Tod nur tanzen sehen und heimlich lauschen. wie doch ein Zittern in den rhythmischen Gesängen liegt“ (Tagebuchaufzeichnung Jahnn. Werke und Tagebücher in sieben Bänden). In der rhythmischen Prosa des Tagebucheintrags hat Jahnn spürbar einen Einklang der barocken Verse und der Be- wegung der Figuren des Totentanzes nachempfunden. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg wollte Alfred Mahlau seine Totentanz- Fenster in der Marienkirche durch Schlotts Verse ergänzen. Der Plan wurde aber nicht verwirklicht. Überhaupt sind Totentänze im öffentlichen Raum in der jüngeren Zeit wohl durchweg reine Bild- kunstwerke. In den knapp vier Jahren seines Lebens und Wirkens in Lübeck scheint der gebür- tige Danziger Nathanael Schlott, dessen Poesie den talentierten und selbstbewuss- ten gelehrten Dichter verrät. in Patrizier- und Predigerkreisen der Stadt als Autorität für Begräbnisgedichte gegolten zu haben. wie er sie schon während seines Studiums in Jena verfasst hatte. Sein Name ist aber nicht indie Geschichte der deutschen Lite- ratur eingegangen: auch die großen biblio- graphischen Handbücher der Literatur des Barockzeitalters verzeichnen ihn nicht. Aber in Verbindung mit dem im Sakral- raum der Marienkirche offen zugängli- chen Bild-Text-Kunstwerk Totentanz - einem Genre religiöser Kunst. dessen Au- toren zumal im späten Mittelalterund noch in der frühen Neuzeit eher anonym geblie- ben sind - hat man Schlotts barocke Ale- xandriner bis ins 20. Jahrhundert gelesen. Über die Totentanz-Dichtung hinaus wer- fen die Verse ein Licht auf das Selbstver- ständnis des Dichters in seiner Zeit und die Funktion des poetischen Schaffens im so- zialen Leben Lübecks um 1700. also vor nunmehr 300 Jahren. als der Präceptor Nathanael Schlott im Armen- und Werck- Haus zu St. Annen Waisenkinder Psalmen und Bibelsprüche aufsagen ließ und sie in Religion. Rechnen. Schreiben und Lesen uf den gen jahrhundertelang publiziert worden, .„.Nach dem 12. Januar 1915. Lübeck“. in: unterrichtete. ist al- neine, | Dienstagsvorträge 21.10. Michael P. Schulz, Lübeck itspre- Lübeck in Lyrik und Prosa . f 28.10. Dr. Peter Guttkuhn. Lübeck tiiben Im Schatten von Goethe und Schiller - Erinnerung an den vergessenen Lübecker Romantiker J. B. Vermehren, der vor 200 Jahren starb niguz. gemeinsam mit dem Lübecker Autorenkreis monu- Alle Veranstaltungen sind öffentlich. n Ge- Veranstalter: Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit : 1702 Ort: Großer Saal des Gesellschaftshauses. Königstr. 5 2m Ti- Eintritt frei - Beginn 19.30 Uhr 2 und 2003/16 Lübeckische Blätter 2003/16 255
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