Full text: Lübeckische Blätter. 2002 (167)

S§ ert U- "m nd kk- G 2/19 LITERATUR . THEATER . MUSIK . AUSSTELLUNGEN . VERAN Theater „Aulßer Kontrolle‘ in den Kammerspielen Die erste halbe Stunde der Farce des Engländers Ray Cooney lässt sich viel- versprechend an: Statt der Parlamentssit- zung im britischen Unterhaus beizuwoh- nen, hat der Staatsminister Richard Wil- ley selbiges mit Jane Worthington vor; sie ist ausgerechnet die Sekretärin des Oppo- sitionsführers. Zu diesem Zweck hat er eine Suite im ehrwürdigen Londoner „Westminster Hotel‘ bezogen, das allerdings, wie Chefdramaturg Matthias Heid in der „Kostprobe“ versicherte, ent- schieden gediegener sein soll als die me- diokre Herberge, die Ausstatterin Nicola Reichert in köstlichen Fehlfarben für die Lübecker Inszenierung entworfen hat. Doch zu dem erhofften Schäferstündchen kommt es nicht. Ständig platzen der Ho- telmanager (britisch cool und gelegent- lich in bewährter Form neben seiner Rolle stehend: Sven Simon) oder der spleenige Zimmertkellner (orientalisch angehaucht: Volkmar Bendig) herein, und schließlich bringt eine Leiche im Fenster (mit ma- kabrer Gestik: Roman Dudler) das Fass zum Überlaufen, denn abgesehen vom möglichen Mordverdacht darf Willey na- türlich auf keinen Fall beim Fremdgehen erwischt werden, denn er ist verheiratet. Und die Sekretärin (Astrid Färber als ver- kührerisches Doofchen in Strapsen) ist es auch. Im Laute des Abends überschlagen sich die Ereignisse; das ist beileibe nicht untypisch für eine Farce. Wenn die Vor- stellung mit kast drei Stunden Spieldauer jedoch zu lang wirkt, dann wegen der ewigen Wiederholung von Gags und „Standardsituationen“, wie man im Fuß- | ball sagen würde. So könnte man entwe- | der den Aufttritt der - aufgepasst! - Krankenschwester der Mutter des Sekre- tärs der Staatsministers oder, besser noch, den dramaturgisch wenig ergiebigen Auf- tritt der Ministergattin streichen, da es sich um eine bloße Motivverdopplung handelt. Womit individuell gegen das wahrhaft reizvolle Erscheinungsbild bei- der (Sylvia Habermann bzw. Anna Mag- dalena Fitzi) nichts gesagt sein soll. Und: Mit Politik hat das Stück eigentlich nur durch die Abwesenheit derselben bzw. durch Abwesenheit von derselben zu tun; Richard Willey könnte auch Unternehmer oder Handelsreisender oder sonstwas sein. Eher schon ist die Farce typisch bri- tisch insofern, als in dem Hotel immer ir- gendetwas nicht klappt, bzw. dann klappt, wenn es nicht soll: das sash window auf diejenigen, die daraus heimlich entwei- chen wollen, oder das Porträt der Queen von der Wand. Wer jemals in England Farcen LESE- hen hat, weiß, dass man sie so inszenieren kann, wie Regisseur Uwe Dag Berlin es getan hat. Indes: Bereits seine erste Lübe- cker Regiearbeit, „Gestochen scharfe Po- laroids“ in der letzten Spielzeit, zeigte, dass er nicht gerade zum Weglassen, An- deuten, Aussparen neigt. So sind in „Au- Ber Kontrolle“ vor allem Richard Willey und Martin Olpertz, der als Sekretär vom Muttersöhnchen zum Möchte-gern-Wüst- ling mutiert, im schon rein physisch im- ponierenden Dauereinsatz. Das Pensum, das insbesondere Hutzel mimisch, moto- risch und mnemotechnis:ch zu bewälti- gen hat, ist enorm. Da bleibt Jost Wie- gand in der Rolle des gehörnten Ehe- manns kaum mehr, als staunend zuzuse- hen. Lebhafter Applaus in der Premiere. Dem Gros des Publikums schien die Auf- kührung gefallen zu haben. Klaus Brenneke Musik 20 Jahre Junges Kammerorchester Lübeck: Würdiges Jubiläum Beethoven, Britten, Mozart, Schubert: Das breit gefächerte Programm war des Jubiläums würdig. ,,20 Jahre Junges Kammerorchester Lübeck“ konnten im Kolosseum gefeiert werden, und sie wur- den gefeiert, mit vielen Blumen und stür- mischem Applaus. Dass schon nach dem „Einspielstück“ Blumen überreicht wer- den, gehört nicht zum Konzertalltag. Ger- hard Torlitz, den Leiter der Musikschule der Gemeinnützigen, hielt es nach eige- nem Bekunden jedoch nicht länger auf seinem Sitz. Er wollte sich bei den jungen Musikern und vor allem bei der Dirigen- tin, Britta von der Lippe, bedanken und herzlich gratulieren. 20 Jahre Aufbauar- beit, Konzertreisen „fast die ganze Welt“, Auftritte vor Eltern, Freunden und dem breiten Lübecker Publikum ließen die Zeit schnell vergehen. Für die Vorsteher- schaft der Gemeinnützigen gratulierte am Schluss Professor Hans-Helmke Goos- mann; auch er des Lobes voll: für die Leistung des Abends und die pädagogi- sche Arbeit, die nicht sichtbar ist, wohl aber hörbar wurde. Ein „Einspielstück“ jst Beethovens Coriolan-Ouvertüre keinesfalls. Gleich zu Beginn war das Orchester vol] gefor- dert. Der kraftvoll-kämpferische Duktus des Werkes wurde eindrucksvol] betont. Was darauf folgte, waren eigentlich drei Höhepunkte. Wahrscheinlich hängt es vom persönlichen Geschmack ab. was man an die erste oder zweite Stelle setzt. Im Programm erklang nach der Ouvertüre Benjamin Brittens „Simple Symphony“. Das Werk des Komponisten aus Studen- tenzeiten zeigt schon den ganzen Britten, unterstreicht seine Vorliebe, alten Formen neuen Geist einzuhauchen beziehungs- weise ein neues Gewand zu schneidern. Die „Wilde Bourrée“ am Anfang löste bereits eine überbordende Spielfreude und entsprechenden Hörgenuss aus. Der Pizzicato-Satz erklang präzise und sicher. Satte Streicherklänge bescherte die Sara- bande, in deren Mittelteil sich die Celli herrlich aussingen durften. Der Ausklang bis zum turbulenten Prestissimo brachte eine weitere Steigerung. Trotz des Beinamens ,„Jeunehomme“ ist Mozarts Klavierkonzert Es-Dur (KV 271) beileibe kein „Jugendstück“. Das wurde insbesondere im langsamen Satz deutlich. dem die junge Solistin Ilze Vai- vara aus Riga Tiefe und in den Mollwen- dungen viel Nachdenklichkeit verlieh. Eine fast selbstverständliche Ruhe. die keine Nervosität zu kennen schien. Per- lender, lockerer Anschlag zeichneten das Klavierspiel aus. Für ein harmonisches Miteinander zwischen Orchester und So- lopart sorgte Britta von der Lippe; nicht nur im Andantino, sondern vor allem auch in den schnellen Ecksätzen. Ein schöner Talentbeweis für die junge Let- tin, die seit einiger Zeit in Lübeck stu- diert. Zum Abschluss des Konzertes erklang Schuberts Sinfonie Nr. 5. seine zweite in B-Dur. Britta von der Lippe entlockte dem Jungen Orchester eine überaus große Spielfreude. Man sah und spürte es: die jungen Musiker waren konzentriert bei der Sache, hatten das Werk mit seinen wunderbaren Themen gründlich studiert und erarbeitet. Auch der langsame Satz wurde in frischem Tempo serviert, konnte dadurch nicht an Spannung verlieren. Forsch dann das Menuett. wobei die Diri- gentin den Ländler im Trio dazu nutzte. gemütvolle Wiener Stimmung in den Saal Lübeckische Blätter 2002/19 311
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