Full text: Lübeckische Blätter. 2002 (167)

Thomas Mann und die Juden Jüdische Zeitgenossen Thomas Manns Hermann Broch Karl Wolfskehl Max Horkheimer Paul Levi Frauen zum Gegenstand hat, als Heinrich Detering,. Kiel, Herausgeber und Kom- mentator der Essays I (1893-1914) der neuen, großen Frankfurter Ausgabe in seinem Vortrag Juden, Frauen, Literaten. Anmerkungen zu Thomas Manns Essays seine Ausführungen von 1998 über ,Das- Ewig-Weibliche“ weiter vorantrieb. So zeigte er zunächst die Identifikation Tho- mas Manns mit weiblichen Künstlern und deren Zerrbild auf. um in einem zweiten Schritt diese identifikatorische Bezie- hung mit pro und contra aut das Judentum zu übertragen. Das Stigma-Management des Gezeichneten bestehe darin, dass er sein homoerotisches Stigma in der Span- nung zwischen Bekenntnisdrang und Ent- blößBungsangst auf das jüdische Außensei- tertum übertrage. „Man muss wissen, wer man ist“, schreibe er und bezeichne anders gewendet damit die Pole Stigma und Identität. Detering erweiterte seine Hypothe- senbildung noch um den Typus des Lite- raten, dessen Stigmatisierung antisemiti- sche Typisierungen mit einschließe und dem ein moderner Künstler, der ein kri- 246 „Das Potential eines Textes“ Inspiriert von einem Verdikt Ruth Klügers las Hans Rudolf Vaget, profunde; Kenner nicht nur der Erzählungen Tho- mas Manns, dessen frühe Erzählung 1 „Wälsungenblut“ von 1905, seine „Ju- „ dengeschichte“ neu: „Von hokfknungslog Hans Sahl Anna Seghers anderer Art“ ~- Wälsungenblut im Lichte unserer Erfahrungen. Die in Europa igno- rierten Arbeiten Marc Gelbers aufneh- mend, plädierte Vaget im Stil einer Ge- richtsverhandlung nicht nur für mildernde Umstände, sondern führte einen reflek- tierten Autor der Moderne vor, dessen Text die antijudaistischen Impulse und Reflexe aufnehme, ironisch breche, die antisemitischen Klischees unterminiere und im Gegensatz zu Fontanes „Poggen- puhls“’ statt Assimilierung das Andere, die Fremdheit positiv als unentbehrlichen Bestandteil für die Kultur darstelle. Am Ende weite sich der Text, in dem der In- . m zest der Zwillinge auf das Schicksal der .. WMiäülsungen in Wagners „Der Ring der Ni- belungen“ bezogen werde, der den Inzest als befreiend und normsprengend auffas- se, so Vaget. Thomas Mann halte beide ) Aspekte - positive und negative - in der Nelly Sachs Erich Mühsam tischrironischer Geist sei, automatisch angehöre, ob er jüdischer Herkunkt sei oder nicht; ein moderner Künstler wie Thomas Mann fühle sich diesem Geist des „Künstlerjuden“ jedenfalls zugehö- rig. Detering brachte subtil und luzide das Männlich-Weibliche in Thomas Mann mit dem Judentum und dem Typus des Literaten zusammen. Dieses Fremde und Halbherzige in sich, diese schwankende Identität, diese Gefühle der Auserwählt- heit und des Ekels brächten ihn zum Schreiben: „Nur wenn das Ich eine Auf- gabe ist, hat es Sinn zu schreiben“. „Der Ekel vor dem, was man ist“ scheine, so Detering, Eigenschaft der Ju- den, der Frauen und der Literaten zu sein. Er erfahre sich jedenfalls so und stelle sich so dar; alle drei Bereiche verklechte- ten sich für ihn. Er mache aus der Not eine Tugend, indem sich Ekel und Selbst- behauptung verbänden. Er sei Philo- und Antisemit, so weit wie er sich selbst liebe und hasse. „Literarisch gehört Thomas Mann zu den Juden“, so Detering am Ende seines in die Zukunkt weisenden Beitrags. Schwebe und interpretiere Wagner im Lichte seiner eigenen Erfahrungen. Er selbst wisse wie Sieglind, dass große Werke aus der Leidenschaft geboren wür- den. Bei der Erzählung handele es sich um das erste Werk in der neuen Lebens- etappe. Mag er bürgerlich-wohlhabend geworden sein, die Leidenschaft und das Leiden an der Homosexualität würden auch nach der Heirat bestehen bleiben. Nur oberflächlich sei der Text judenfeind- lich. Bei „Wälsungenblut“ handele es sich um eine eingehende Analyse des an- tijüdischen Affekts, die tief mit dem Au- tor verbunden sei, ließ der Vortragende am Schluss die Hörer wissen. „Die Handschrift lügt - wie gedruckt“ Yahya Elsaghe, Bern, arbeitet an ei- nem Projekt über die Genese und Proble- matik nationaler Identität am Beispiel L ~ alles def ler Täusc Alterität ma deut „Dichter selbst“‘, : Methodi lich wi hinlängl. Re-Lekti schen K zum Vo wurden | Die: führung ger und | den. „Das 2 Etwa tiv gerie ziologer zigste J: von 189 Brüder ] win Bau sOwie ra Thomas die Jahr auk acht einem v gehalter noch we Thol gend, Pr Milieu I genüber Seine D mit den antisem von Thomas Manns Gesamtwerk. Der 1960 Geborene gehört zur jüngsten arri. vierten Forschergeneration, geschult etwa an Derrida und Kittler, wählte er einn. gänzlich anderen Weg in seinem Vortrag Judentum und Schrift, in dem er an Det- lev Spinell, der „bloß aus Lemberg ist!!, zeigte, wie sich Identität, und zwar jüdi- sche, in der Schrift abbilde. Die Art der Schrift, die Interpunktion, das Papier etc., Lübeckische Blätter 2002/16 leben di 213. Am 8 Wir l: Näher Dier 22.10 29.10 Alle ' Verar Ort: ( Lübeckisc
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