Full text: Lübeckische Blätter. 2002 (167)

10 Jahre Junge Oper „Liebste Freundin, was haben Sie heute abend nur für ein entzückendes Kleid an!“ - dieser Satz, ehrlich gespro- chen, kann seinen Inhalt tatsächlich mei- nen. Er kann jedoch auch so intoniert werden, dass sowohl die Angesprochene wie auch die Sprecherin genau wissen, dass eher das Gegenteil gemeint ist, etwa: „Sie alte Ziege haben heute aber wieder einmal einen besonders schrecklichen Fummel an!“ Das Gemeine an dieser Form von „Kompliment“ besteht darin, dass sich die Angesprochene ärgern wird, ohne sich richtig zur Wehr setzen zu können, denn die Bedeutung des Tonfalls, in dem ein Satz gesprochen wird, mag völlig klar sein, einer argumentativen, so auch einer gerichtlichen Auseinandersetzung würde sich diese analoge, unterschwellige Form von Information entziehen. Sprache als digitale, Gesang als analoge Kommunikation Die meisten von uns erinnern sich noch an die Zeit, als die ersten Digital- Uhren auf den Markt kamen: da gab es plötzlich kein Ziffernblatt mehr, auf dem sich Zeiger in Anlehnung an die Drehung der Erde um die Sonne im Kreis drehten. Auch die Sonnenuhr kennt jeder von uns, die noch unmittelbar die Erdumdrehung mit Hilfe eines Schattens abbildet und da- mit die Uhrzeit analog anzeigt; schließlich erinnern sich die Alteren von uns noch an die Sanduhr, bei der das lang- same Rieseln des Sandes vom oberen Glaszylinder durch eine schmale Engstel- le in einen unteren Glaszylinder eine bild- hafte (zanaloge) Darstellung vom Verrin- nen der Zeit darstellt. Ganz anders bei der neuen Digitaluhr: da wurde nichts mehr abgebildet, sondern Ziffern zählten nun digital (digitus = der Zeige-Finger) den Ablaut der Zeit, Zik- fern, deren Gestalt nichts mit der Uhrzeit zu tun hatten. diese nicht mehr abbilde- ten. Wir erkennen: in Formen analoger Information gibt es einen inneren Zusam- menhang zwischen Inhalt und Darstel- lung,. der Inhalt wird durch die Darstel- lung abgebildet. . Bei digitalen Kommunikationsformen besteht dieser innere Zusammenhang nicht, die Bedeutung der Zeichen ist ver- abredet, muss erlernt werden und bleibt letztlich austauschbar. Nach dem, was wir über Gesang und Sprache zusammengetragen haben, kommt man zu dem Schluss, dass Spra- che in ihrer reinen Form, also losgelöst von Tonfall und Klang, wesenhaft digita- le Kommunikation bedeutet, Gesang da- gegen analoge Kommunikation darstellt. „Am Anfang war kein Wort“ Das ist der nur scheinbar provokative Titel einer Veröffentlichung von Bernd Weikl, in Anspielung aut die Bibel und natürlich Goethes Faust. Weikl möchte darauf hinweisen, dass sich unsere genetischen Anlagen, unser Gehör und unser Kehlkopf mit der Fähig- keit, Töne und Klänge zu erzeugen, zu ei- nem Zeitpunkt entwickelt haben, als es eine Sprache, wie wir sie heute verstehen, noch nicht gab, wohl aber Laute, mit de- nen sich unsere frühen Vorfahren verstän- digten, indem sie ihren Empfindungen mit ihrem Stimmorgan freien Lauf ließen. Singen und Sagen - von alters her wurde das Begriffspaar in dieser Reihenfolge genannt. Steht für uns das Wort am Be- ginn aller Erkenntnis, dann steht das Sin- gen als durch und durch kreatürliches Verhalten am Beginn allen Seins. Es war sozusagen schon da, als die Menschen noch im Paradies lebten (und nicht wuss- ten, was gut und böse ist). Carl Zuckmayer formuliert (1970): „Welch bedeutsame Rolle gerade dem Singen unter diesen Grundbedürfnissen zufällt, wird dadurch erhellt und bekräf- tigt, dass die höchstentwickelte der uns bekannten Weltkulturen, die des antiken Griechenlands, als eine ihrer zentralen Überlieferungen den Orpheus-Mythos hervorgebracht hat ... Das mögen, beim ersten Hinschauen, rückweisende Betrachtungen sein, auf die Menschwerdung, auf ursprüngliche, na- turentwachsene Phänomene, aut frühe und früheste Kulturen bezogen. Doch können solche Rückweisungen, auf das Außergeschichtliche, auf das unrefklek- tierte Leben hin, gerade in Zeiten seiner krisenhaften Bedrohung durch höchstge- spannte Progression, eine völlig gegen- wärtige, ja eine vorausleuchtende Bedeu- tung gewinnen.“ Beim gewöhnlichen Sprechen , so wie wir es bei den meisten Menschen heute erleben, werden die Möglichkeiten unse- rer Stimme, unseres Kehlkoptkes und un- seres Körpers nur zu einem sehr kleinen Teil genutzt; mit unserer Seele ist diese Stimme kaum noch verbunden, die emoti- onale Beteiligung auf ein Minimum be- grenzt. Es geht in erster Linie um die Unter- scheidbarkeit der Laute, die Textver- ständlichkeit, damit der Sinn intellektuell verstanden wird. Wenn ich die Worte spreche „ich machte“ im Vergleich zy „ich mache“, dann geht es darum, das ,t deutlich genug zu artikulieren, damit die Vergangenheit zum Ausdruck kommt, - die wiederum mit dem Laut ,.t‘“ im Prinz; nichts zu tun hat, unsere Seele nicht be. rührt. Der Sänger - eine wundersame Laune der Natur? Entsprechend dieser eigenen, höchst eingeschränkten Erfahrung hängen die meisten Menschen einem seltsamen Wunderglauben an: Der Sänger, dessen Existenz man nicht leugnen kann, sej eben mit besonderen physischen Gege- benheiten ausgestattet, an die der ge- wöhnliche Sterbliche nicht heranreiche: das ganze sei ein letztlich unergründli- ches Wunder, eine Laune der Natur. Sogar die Medizin, der wir die exakte Wissenschaft der Anatomie und Physio- logie des Stimmorgans zu verdanken ha- ben, ist bis heute zu einem guten Teil die- sem Aberglauben verfallen gewesen: So versuchte man, Carusos Kehle zu spie- geln, um dem Geheimnis seines Singens auk die Spur zu kommen - und fand quasj „normale“ Verhältnisse vor, wie sie auch bei einer Vielzahl von „Nicht-Sängern“ zu finden sind. Nach dem Tode von Fran- cesco Tamagnos, dem ,Stimmwunder“ und weltberühmten Tenor, unterzogen Arzte den Gesangsorganismus einer Sek- tion, um dem Geheimnis seiner unver- gleichlichen Stimme auf den Grund zy gehen. Als Ergebnis mussten sie ent- täuscht folgende Feststellung treffen: „Das Organ unterscheidet sich von dem eines normalen Menschen nur dadurch, dass es auffallend viele, von Katarrhen herrührende Vernarbungen an der Pha- rinx wand aufweist.“ Die medizinische Wissenschaft macht dabei einen - verzeihlichen - Fehler: sie geht bei ihren Untersuchungen aus vom (statistischen) Normalmenschen., stellt Normen auf, was ein Stimmorgan „normalerweise“ zu leisten imstande ist, um als gesund befunden zu werden. In diesem Kontext müssen stimmlich begab- te Natursänger tatsächlich als extreme Abweichung von der Norm, als Wunder erscheinen. Dabei hat man die gedankliche Mög- lichkeit auBer Acht gelassen, dass wir Menschen uns, als Folge einer gewalti- gen kulturell-technologischen Entwick- lung. insgesamt in einem ,,chronischen Zustand von Phonasthenie“ (Frederick Husler) befinden, eine Entwicklung, die 168 Lübeckische Blätter 2002/11 sich nicht digit: hat. vorst ger nicht gäng Und klang nis d diese der I unsc] gen, einig ZU S! der D er al: dann mehl als e seine aller nis, ( Geni Selb. der \ de d: sich Lübec!
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