Volltext: Lübeckische Blätter. 2001 (166)

LITERATUR . THEATER . MUSIK . AUSSTELLUNGEN . VERANSTALTUNGEN IOOrrrOwO b æRæRQOaann.nnSseSt„- ea. | Theater „VIarius et Jeannette‘ - Uraufführung in den Kammerspielen Was ist zu tun, wenn es an guten neu- en Schauspielen mangelt? Richtig: Man greift auf Filmdrehbücher zurück. Nicht nur das Schultheater profitiert von dieser Möglichkeit; auch das Lübecker Theater reüssiert 1989 und 1977 mit Woody Allens „Mach noch einmal, Sam“ und „Kugeln überm Broad- way“. Und das Hamburger Thalia-Theater hat die Saison gerade mit dem Jahrhundert-Film „Kinder des Olymp“ eröffnet. „Marius et Jeanette“ ist ein Low-Budget-Film aus dem Jahre 1996, der mit dem bedeutendsten französischen Filmpreis, dem César, ausgezeichnet wurde. Drehbuch: Jean- Louis Milesi; Regisseur: Robert Guédiguian; Jean- nette: seine Ehefrau Aria- ne Ascaride. Alle drei wohnten jetzt der mit gro- H Bem Beifall aufsenomme. nen Premiere bei. Über- setzung und deutsche Be. arbeitung: Oberspielleiter | Reinhard Göber und seine Lebensgetährtin Bettina Thierig. Regie: Göber. Schauplatz des Films ist Marseille. Mediterra- nes Ambiente, zweitgröß- te Stadt Frankreichs, wie will man das an der Bek- kergrube vermitteln? Die Umsetzung gelingt indes, weil es sich um einen fran- zösischen Film handelt, mithin um einen gehöri- gen Anteil an Dialogen. Göber, der sich sonst gern „nonverbal“ artikuliert, übernimmt sie so getreulich, dass die Nettodauer der Aufführung gar ein Drittel länger ist als der Film! Dieser Umstand verdankt sich freilich einer Ten- denz zur Dehnung. der auch schon Andre- as von Studnitz in seiner „Cyrano‘-Versi- on huldigte. Südländisches Temperament erscheint hier stark abgekühlt, wie denn die ~- wenn auch schnieken - Wellblechin- terieurs eher an, sagen wir, Stockholm als an einen Hinterhot oder eine Fabrik aus Marseille erinnern. (Bühnenbild: Ariane Salzbrunn) Es sei aber betont, dass cha- rakteristische Details, die Licht- und die gegenüber dem subtilere Musikregie ge- nügend atmosphärische Valeurs vermit- teln. Im Zentrum des Geschehens steht die Begegnung und allmähliche zögerliche Annäherung von Marius, Wächter in ei- Szene aus „Marius & Jeannette ‘“ mit Mario Gremlich und Heidi Züger (Foto: Thomas M. Jauk) ner Zementkabrik und Jeannette, einer - bald gefeuerten - Kassiererin in einem Supermarkt, Mutter zweier Kinder von zwei verschiedenen Vätern. Sylvia Ha- bermann verleiht der Studentin Magali den spröden Ernst einer Tochter, die die aufkeimenden Gefühle der Mutter mit Argwohn betrachtet; der sechzehnjährige Schüler Matthias Kauffmann als Malek, glühender Anhänger des Islam, behauptet sich beachtlich zwischen all den profesgzj. onellen Schauspielern. Unter ihnen erhält Volkmar Bendig Sonderbeifall, als er den jungen Fanatiker wie ein moderner Na. than entgegentritt. Er verkörpert den Nachbarn Justin. Inm ebenbürtig an kraft. voller Vitalität: Ila Hedergott als Caroli. ne, die am meisten für die sozialkritische ja kommunistische Grundierung des Stü. ckes steht. Anna Magdalena Fitzi (Moni. que) und Neven Nöthig (Dédé) verstär. ken als Jeannettes Nach- barn zur Linken das real. stische Unterfutter des Stückes. Besonders gespannt sein durkte man auf die Besetzung der weiblichen Hauptrolle, die es gegen- , über Ariane Ascaride nicht , leicht haben würde. Heidi : Züger, in ihrer ersten Lù. „ becker Saison stark ein- " und angespannt, geht die aAiultgabe auk eine ganz ei- " gene Art an: zerbrechlich. " aber doch zäh; misstrav- isch gegenüber dem Frem- den (Marius) und dem ihr Gefühlen), aber doch lie- besfähig und hungrig - sq trifft sie die strukturelle Labilitäi der Jeannette überzeugend. Neben ihr hat es Andreas Hutzel als Marius schwerer, da ihm weniger starke Pendelaysg- gleichwohl bietet er mit männlicher Introvertiert- heit einen stimmigen Kon- trast. Und wie steht es um Mario Gremlich, neben dem jetzt nach Berlin auf- gestiegenen Norbert Stöß der Göber-Schauspieler par excellence? Er verkör- pert den schillernden Monsieur Ébrard, der beispielsweise in einer eminent suggestiven Szene (rotes Licht, Tannhäuser-Pilgerchor) die Damen zum Kauk kostbarer Dessous verführt. Aut einmal ist er über alle Berge, und die krustrierten Frauen stehen düpiert da wie die Studenten in Auerbachs Keller nach Mephistos Verschwiüden ... Insgesamt: eine sehenswerte Auffüh- rung! Klaus Brenneke 256 Lübeckische Blätter 2001/16 | Fremdgewordenen (ihren schläge vergönnt sind; [ m Ü o m hÊh i rx © . c . 2 C = O. W
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