Full text: Lübeckische Blätter. 2001 (166)

Die Kirche im Spiegel der Buddenbrooks Neujahrslied „Nun lasst uns gehn und tre- ten“. Gib mir und allen denen, die sich von Herzen sehnen nach dir und deiner Hulde, ein Herz, das sich gedulde. (EG 58, 9) In dieser Szene wird eine Pennäleran- ekdote - sicher nicht ohne biographi- schen Hintergrund - mit politischem Witz und kalauerndem Wortspiel verbunden. Etwa 20 Jahre später, gegen Ende des Romans, stehen wir am Sterbebett von Thomas Buddenbrook. Die Familie ist versammelt. Pastor Pringsheim und Dok- tor Grabow sind gegangen. Da beginnt Tony, „sehr laut und mit gefalteten Hän- den, einen Gesang zu sprechen... Mach End’. o Herr, [...] mach Ende mit aller seiner Not; stärk’ seine Füß’ und Hände und lass bis in den Tod...‘“. Hier blieb sie „Jämmerlich“ stecken, und „jedermann im Zimmer wartete und zog sich zusam- men vor Geniertheit“. Sie haben den Texteingrift in die letz- te Strophe von Paul Gerhardts Trost- und Vertrauenslied .„Befiehl du deine Wege“ (EG 361) bemerkt: Aus „unsrer“ Not macht Tony , seine“ Not; auch die „Füß’ und Hände“ bezieht sie grammatikalisch aut den Bruder. Vielleicht spürt sie ja die Unlogik ihres Gebets, wenn sie dem Ster- benden damit nun einerseits den Tod, an- dererseits die Stärkung seiner Glieder, also die Gesundung wünscht, und verliert deshalb den Faden. Die steife Feierlich- keit der Szene schlägt jedenfalls um in peinliche Beklommenheit. Der Leser teilt aber weniger die Geniertheit der Umste- henden als die Freude des Erzählers über seinen satirischen Einfall und die Sympa- thie für Tony. Sie wirkt bei aller Konven- tion aufrichtig. Sie macht zumindest den Versuch, ein religiöses Bedürfnis, das sie individuell nicht mehr ausdrücken kann, mittels einer Kirchenliedstrophe zu arti- kulieren. Sie versucht da einzuspringen, wo Pastor Pringsheim. den sie ans Sterbe- bett hatte holen lassen, versagte. Gefühllos und theatralisch Mit seinem gekünstelten Selbstdar- stellungsdrang und seiner glatten Perfek- tion steht er in krassem Gegensatz zu ih- rer ehrlichen Absicht und dem Lapsus, den man ihr gerne verzeiht. Alles an ihm ist gefühllos und theatralisch, er insze- niert sich ständig selbst und bleibt im Ge- gensatz zu Tony natürlich auch nicht ste- cken. So beschreibt Thomas Mann seinen Auttritt: In halbem Ornat, ohne Halskrause aber in langem Talar, erschien er [...]. Er bat den Kranken, ihn zu erkennen und ihm ein wenig Gehör zu schen- ken; da dieser Versuch aber fruchtlos blieb, so wandte er sich direkt an Gott, redete ihn in stilisiertem Fränkisch an und sprach zu ihm mit modulierender Stimme in bald dunklen, bald jäh ac- centuierten Lauten, indeß finsterer Fa- natismus und milde Verklärung aut seinem Gesichte wechselten [...] Und dann sprach er mit wirksamerPointie- rung noch zwei in solchen Fällen übli- che Gebete und erhob sich [...], streif- te Schwester Leandra [die katholi- sche] nochmals mit einem kalten Blick und hielt seinen Abgang. Der Vertreter der Amtskirche, der dem letzzen Buddenbrook’'schen Familien- oberhaupt zugeordnet ist, zeigt an dessen Leopold Friedrich Ranke (1842-1918), Hauptpastor an St. Marien Sterbebett also sehr viel mehr schauspie- lerisches Talent als seelsorgerliche Quali- täten. In dieser Überzeichnung der Person des Pastor Pringsheim wird noch einmal Folgendes deutlich: Dem äußeren Verfall der Familie entspricht die Veräußerli- chung der Religion und die Vergröberung ihrer kirchlichen Amtsträger. Neben dem Spiegelbild des Vertalls erkennen wir aber auch das Gegenbild einer Décadence im Sinne von Verfeinerung. Das heißt, je weiter der religiöse und sittliche Nieder- gang sowie der gesellschaftliche und bio- logische Verfall voranschreiten, desto mehr reflektieren die Buddenbrooks, des- to mehr werden sie sensibilisiert für das Philosophisch-Künstlerische, das schließlich in Hannos lebensverachtender Musikleidenschaft, in seiner Kunstreligi. on gipfelt. Sein Vater Thomas Buddenbrook hat- te sich noch nach dem wirklichen Leben und nach Erlösung gesehnt, die er bei der „Schopenhauer-Lektüre‘“ in einem meta- physischen Erlebnis gekommen glaubte: „Und siehe da: plötzlich war es, wie wenn die Finsternis vor seinen Augen zerrisse, wie wenn die samtne Wand der Nacht sich klaffend teilte und eine unermesslich tieke, eine ewige Fernsicht von Licht ent- | hüllte... Ich werde leben! ‘“ Geistige Extravaganzen Doch schon am nächsten Morgen hat- te er sich wegen der ,. geistigen Extrava- ganzen“ geniert und sich 14 Tage später in den sicheren Haken der „Begriffe und Bilder, in deren gläubigem Gebrauch man seine Kindheit geübt hatte“, hinüberge-. rettet, ohne dass sie ihm wirklich zur Le- benshilfe wurden. Er rief sich die Grund- Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht in Erinnerung und fand doch keinen Frie- | den. Mehrere Tage plagte ihn die Frage, „ob nun eigentlich die Seele unmittelbar nach dem Tode in den Himmel gelange, oder ob die Seligkeit erst mit der Aufer- stehung des Fleisches beginne ...“ und r û häng: testar tentul Fami gie 8 die i1 „die : kirck jahrs] wohl In 144, zum ' von 1 Mwunc en Li das , herrli te.]; 3 ren u 3. da deuts | ten. sätze der christlichen Lehre von der | t wo die Seele bis dahin bliebe? Er warf Schule und Kirche vor, ihn niemals dar- über belehrt zu haben, und wäre beinahe zu Pastor Pringsheim gegangen, was er jedoch im letzten Augenblick aus Furcht. sich lächerlich zu machen, unterließ. Stattdessen machte er sein Testament. und ein halbes Jahr später war er ton. Pastor Pringsheim hätte ohnehin we. nig Verständnis gehabt für derlei differen- zierende Fragen und unbürgerliche An- wandlungen. Er beobachtete mit Abnei- gung die zunehmenden Deécadence- Merkmale bei den Buddenbrooks und sagte nach dem Tode des Senators über dessen Sohn Hanno, man müsse ihn auf- geben, denn er stamme ,,aus einer verrot- teten Familie“. Dies hat nun der „echte“ langjährige Hauptpastor an St. Marien, Senior Leo- pold Friedrich Ranke (1842-1918). der in mancherlei Hinsicht für sein literarisches alter ego „Pastor Pringsheim“ Pate ge- standen hat, tatsächlich über die Familie Mann gesagt. „Die ,verrottete‘ Familie, so genannt von einem voreiligen Pastor, sollte noch auffallend produktiv sein“, | mokiert sich Heinrich Mann in .Ein Zeit- alter wird besichtigt“. Her über 30 Jahre an St. Marien wirkende Konfirmator von | Heinrich und Thomas Mann trat als An- 236 Lübeckische Blätter 2001/15 von I ren k chen! schm Ges D 18-jä Herb noch Pastc stitut zwei. rakte schert eins, Lübe Rank schält dern ein s Refo der auch thisc Bayr T pastc Thor der ande len: Lübec
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