Full text: Lübeckische Blätter. 1999 (164)

e Ne If. le. I] " Ig, Ig. el. 'ie ie. tu. ch Ig. el. ie. ise Eh Ire )en ern Er. ren Ne. cht ten ten 1de un: an Ien ger rkt ung Img ein val. hei. die hju 3996 Eine Gesellschaft für einen Anarchisten 10 Jahre Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck Die Erich-Mühsam-Gesellschaft wur- de vor 10 Jahren am 6.4.1989 - am 111. Geburtstag Erich Mühsams - in Lübeck gegründet. Erich Mühsam, Schriftsteller, Hramatiker, Bänkelsänger, Lyriker, Zeichner, Essayist, Agitator, Revolutio- när, Journalist, gehört zu den bedeutend- sten und vielseitigsten Talenten Deutsch- Jands im frühen 20. Jahrhundert. Er ist in Lübeck aufgewachsen; später hat er vor allem in München und Berlin gelebt und vewirkt. 1934 wurde er auf grausame Weise im Konzentrationslager Oranien- burg ermordet. Die Gesellschaft will an diesen wichtigen und zu Unrecht weitge- hend vergessenen Schriftsteller erinnern. wie sehr auch Erich Mühsam mit Lübeck verbunden ist, macht das folgende Ge- dicht deutlich, das 1914 in dem Band wüste - Krater - Wolken“ erschienen ist: In den alten Winkel-Ecken, wo ich mit den andern Jungen Greifen spielte und Verstecken, such ich nach Erinnerungen. Such in väterlichen Räumen hinter wackelndem Gemäuer, was den knabenhaften Träumen hoffenswert erschien und teuer. Und die heimlich trüben Lichter, die aus krummen Gassen schielen, zeigen flammend die Gesichter meiner kindlichen Gespielen. Über plumpe Pflaster holpern, zwischen längst vergeſßne Sachen, seh ich Spukgestalten stolpern, eingehüllt in Kinderlachen. Morsche Giebelhäuser neigen ihre Firste auf mich nieder. Grüne Musikanten geigen aus den Kneipen Heimattlieder. Schiffe schwanken, traumbeladen, in der Jugend frommen Hafen. Laßt mich, gute Kameraden, laßt mich träumen, laßt mich schlafen. Oh, die Sehnsucht, die die Ecken, die die Winkel, Höfe, Mauern in dem fremden Herzen wecken: Oh, die Sehnsucht! Oh, das Schauern! Meine Heimat! Meine Kindheit! Meine frohen Jugendstunden Oh, wo hätte meine Blindheit wieder soviel Licht gefunden:! Fort von den gestorbnen Steinen: Liebe! schreit aus meinen Süchten. Dir am Herzen will ich weinen und zu dir die Heimat flüchten. Die Gesellschaft gibt zwei Publikati- onsreihen heraus, das „Mühsam-Maga- zin“ mit unbekannten Texten von Erich Mühsam und Informationen der Gesell- schaft und die „Schriften der Erich-Müh- sam-Gesellschaft“ mit den Referaten der Tagungen und weiteren Materialien. In- zwischen sind 7 Magazine und 14 Schrif- ten erschienen; weitere Hefte sind in Vor- bereitung. Außerdem bemüht sich die Ge- sellschaft jetzt um die Publikation der sehr lesenswerten Tagebücher Erich Mühsams, viele Tausend Seiten, von de- nen vor einiger Zeit etwa 7 Prozent schon erschienen sind - herausgegeben von Chris Hirte -, die die Bedeutung dieser Tagebücher deutlich gemacht haben. Die Originale der Tagebücher liegen im Maxim-Gorki-Institut in Moskau; leider sind einige Teile der Tagebücher in der Stalin-Zeit „entfernt“ worden und bis heute nicht wieder aufgetaucht. Die Gesellschaft führt jedes Jahr eine Tagung durch; die Seminare finden im- mer in der Gustav-Heinemann-Bil- dungsstätte in Malente statt. Die diesjäh- rige Tagung ist nun schon die zehnte; das Thema lautet: „Erich Mühsam und andere im Spannungsfeld zwischen Militarismus und Pazifismus“. Interessierte können sich über die Gesellschaft zu der Tagung anmelden. In den letzten Jahren hat die Gesell- schaft eine Reihe von Konzerten, Lesun- gen, Liederabenden, Vorträgen zu Werken Erich Mühsams veranstaltet. Es gab auch Aktivitäten in anderen Städten. Im letzten Jahr organisierten Berliner Mitglieder der Gesellschaft beispielsweise aus Anlaß des 64. Todestages am Grab Erich Mühsams eine 248tündige Lesung aus Werken Erich Mühsams. Aufgrund der Spende des Lübecker Kunsthändlers Frank-Thomas Gaulin kann die Gesellschaft einen mit 5000 Mark dotierten Preis vergeben. Er wird vergeben an Leute, die Mühsams Anden- ken fördern, indem sie seine Werke und Gedanken verbreiten oder Leben und Werk wissenschaftlich aufarbeiten. Er kann aber auch an Personen vergeben werden, die in Mühsams Sinne wirken, indem sie sich den kulturellen, politi- schen und sozialen Herausforderungen der Gegenwart stellen, die Verhältnisse nicht als gegeben hinnehmen, sondern im Sinne einer lebenswerten Zukunft nach befreienden Alternativen suchen. Die Preisträger sollen undogmatisch sein. den politischen und kulturellen Unifor- ' mierungstendenzen die Bewahrung von ! Vielfältigkeit entgegensetzen, gesell- schaftliche Freiheit nur im Zusammen- ; hang mit individueller Freiheit sehen und Kreativität und Humor als Mittel anse- hen, um kaltes Zweckdenken aufzu- brechen. 1993 erhielt die Kölner „Graswurzel- werkstatt“ den Preis, 1995 der Totalver- weigerer Andreas Speck, 1997 wurde er zu gleichen Teilen an die Bremer Asyl- hilkegruppe „Ostertor“ und an das Lübek- ker „Bündnis gegen Rassismus“ verlie- hen. Der Preisträger 1999 ist der Kabaret- tist Dietrich Kittner; der Festakt der Preis- verleihung findet am 15. Mai im Budden- brook-Haus statt. Ein wichtiges Anliegen der Gesell- schaft war und ist es, Erich Mühsam in seiner Lübecker Heimatstadt stärker be- kannt zu machen. Inzwischen erinnert manches an den Schriftsteller. So ist eine Straße nach Erich Mühsam benannt: „Erich-Mühsam-Weg“. An der Löwen- Apotheke ist eine Plakette angebracht, aut der festgehalten wird. daß Erich Müh- sam mit Hilfe einer Bürgerinitiative vor 100 Jahren das alte Gebäude der Apothe- ke vor dem Abriß rettete. Im Katharineum gibt es eine Porträt-Plakette, die an den „schwierigen“ ehemaligen Schüler erin- nert, der 1896 von der Schule flog - we- gen „sozialistischer Umtriebe“. Im histo- Lüibeckische Blätter 1999/6 87
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