Full text: Lübeckische Blätter. 1999 (164)

50 Jahre Stadtkernarchäologie in Lübeck Vom Rohbernsteinbrocken zur Perle - dieses erreichte der Paternostermachermeister durch die Arbeitsgänge Schneiden, Bohren und Drehen, und wenn die Perle qualitätsmäßig nicht den Anforderungen entsprach, landete sie in der Kloake ben waren. Erstmals hat man einen reprä- sentativen Schnitt durch die Bevölkerung - die Untersuchungen dauern noch an. Lubeke - aller steden schone Es ist oben schon angesprochen wor- den, daß Lübeck für die Archäologie eine Besonderheit darstellt, und zwar einer- seits durch seine Geschichte als erste deutsche Stadtgründung an der Ostsee und spätere Königin der Hanse, anderer- seits durch die hervorragenden For- schungsbedingungen, durch die meterdik- ken ungestörten Kulturschichten, die zu- dem durch ihre Feuchtigkeit einzigartige Funde durch die Jahrhunderte hindurch konserviert haben. Diese Einzigartigkeit führte dazu, daß der gesamte Stadthügel zum Grabungsschutzgebiet'* erklärt wur- de, um die Befunde und Funde zu schüt- ZEN. Auch die Eintragung Lübecks in die Liste des Weltkulturerbes erfolgte nicht nur aufgrund des eindrucksvollen Bestan- des an oberirdischen Denkmalen, son- dern, so hebt die UNESCO in ihrer Be- gründung ausdrücklich hervor, wegen der einzigartigen archäologischen Befunde. Blick in die Zukunkt Die Rezession dauert noch an, vor al- lem im kulturellen Bereich ist dadurch das Geld knapp geworden - dieses ist auch in der Archäologie zu verspüren, ha- ben sich doch die Planstellen seit 1963 's Vergleiche hierzu unter anderem Günter P. Fehring, Lübeck-Innenstadt - Weltkulturerbe und Grabungsschutzgebiet, in: Archäologie in Deutschland, 1992, Heft 4, Seiten 55-56. nur um eine weitere Stelle erhöht: Der Bereichsleiter und sein Stellvertreter sind die tätigen Archäologen, 2 Techniker, 1 Werkstattleiter, 1 Verwaltungsbeamter und I halbtags tätige Schreibkraft sind die Säulen der Lübecker Archäologie und sollen ausgraben, magazinieren, auswer- ten und so weiter, und so weiter. Die Ar- beit kann nur durch Forschungsprojekte und Projekte von Arbeitsbeschaffungs- maßnahmen bewältigt werden. Hinzu kommt, daß auch die Kultur darauf ange- wiesen ist, andere Wege als bisher zu be- schreiten, um das Interesse in der Öffent- lichkeit zu wecken. Auch die Archäolo- gen müssen den Elkenbeinturm verlassen! Daß die Lübecker Archäologie unan- gefochten als eine der wichtigsten Säulen in der europäischen Archäologie dasteht, ist unbestritten und wird deutlich bei al- len Kongressen und Tagungen. Das zeigt auch das Kolloquium, das alle zwei Jahre in Lübeck selbst durchgeführt wird und auf großes Interesse stößt. Vor allem das daraus resultierende Handbuch zu dem jeweiligen Thema steht in Fachkreisen hoch im Kurs'°. Doch auch der nichtwissenschaftli- chen Öffentlichkeit, dem Lübecker Bür- ger und dem Besucher der Stadt, soll die- : se Bedeutung vermittelt werden. So führ- te der Bereich Archäologie in Ermange- lung einer ständigen Ausstellung in den 's Vergleiche hierzu Manfred Gläser, Herausge- ber, Lübecker Kolloquium zur Stadtarchäologie im Hanseraum I: Stand, Aufgaben und Perspek- tiven, Lübeck 1997. Der zweite Band mit dem Thema „Der Handel“ ist im Druck. Im Novem- ber 1999 wird das dritte Kolloquium unter dem Schwerpunktthema „Der Hausbau“ stattfinden. letzten Jahrzehnten schon mehrere Son- derausstellungen durch: Die erste fand schon 1950 statt und stielß auf sehr vie] Interesse, in kurzen Abständen präsen- tierte sich die Archäologie aber erst in den letzten Jahren mit den Ausstellungen ,.In Lübeck fließt Wasser in Röhren ... seit 700 Jahren!“ 1994, „Daz kint spilete und was fro’ - Spielen vom Mittelalter big heute‘ 1995 und „geFUNDEn in Lübeck - Archäologie im Weltkulturerbe“ 19971 Allgemeinverständliche Publikatio- nen sollen das Interesse in der Bevölke- rung wecken, interaktive Spektakel, Tage des Offenen Denkmals, Faltblätter, Vor- träge - das alles spricht für eine gute Öf. kentlichkeitsarbeit. Doch Lübecker ung Besucher können - bis auf wenige kon- servierte Objekte! - nichts selbst in Au- genschein nehmen. Deshalb benötigt die Archäologie ein Museum, um ihre Funde in historischem Zusammenhang anschau- lich darzubieten, und darüber hinaus muß es eine Möglichkeit geben, den mittelal- terlichen Alltag hautnah zu erleben, in ei- nem Museum anderer Art, im Malßstah 1:1, als eine Fahrt durch Zeit und Raum". Diese Erlebniswelt - wissenschaftlich ab- gesichert - würde nicht nur der Öffent- lichkeit ein wichtiges Stück Kultur ver- mitteln, sondern es wäre auch, als Anzie- hungspunkt für Einheimische und Touri- sten, ein Wirtschattsfaktor für eine ,.ver- armende‘ Stadt. Und damit schlösse sich wieder ein Kreis: Graf Adolf übertrug im Jahre 1143 den slawischen Namen Liv- bice auf seine neu gegründete Stadt, weil dieser in europäischen Kaufmannskcreisen bereits wohlbekannt war - die Rekon- struktion der damaligen Lebenswelten würde heute eben dieser Stadt einen neu- en Impuls in wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Hinsicht geben! " Die letzten drei genannten Ausstellungen fan- den in der Langen Halle des Burgklosters statt, zu jeder Ausstellung gibt es eine Begleitpubli- kation unter dem gleichen Titel. 1s Dabei handelt es sich um den Backofen im Künstlerzentrum Engelswisch 65, um einen Brunnen, ein Steinwerk und eine Kloake in der | Buchhandlung Weiland in der Königstraße 67 a, um einen gotischen Kaufkeller in der Becker. grube 2, um einen Oken eines neuzeitlichen Handwerkers - vermutlich Seifensieder - in der Dankwartsgrube 50, um einen Brunnen in einen Kaufhaus in der Königstraße 70-74 und - vorläu- fig noch - um die Ruinen der mittelalterlichen Bebauung zwischen Alf- und Fischstraße. 1° Zur näheren Ausführung und zum Konzept ver- gleiche Doris Mührenberg, Das Wikinger-Zen- trum in York - ein Vorbild für Lübeck?, in: Lü- beckische Blätter, 162. Jahrgang, Heft 13, 1997, Seiten 205-207. 180 Lübeckische Blätter 1999/12
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