Full text: Lübeckische Blätter. 1999 (164)

Norddeutsches Theatertreffen terwoche plaziert war, etwas von seinem Drive. K. B. Im Rahmen des Norddeutschen Thea- tertreffens hatten wir die Gelegenheit, drei Aufführungen aus dem Bereich des Trash- Theaters zu sehen. Trash - neue außerge- wöhnliche Theatertendenzen mit augen- blicklich relevanten Inhalten, wie zum Beispiel jugendlicher Perspektivlosigkeit, Suchtverhalten oder Arbeitslosigkeit. Trainspotting Das Stück Trainspotting vom Jungen Theater Göttingen stimmt exakt mit die- ser Beschreibung überein und läßt dar- über hinaus die Triebfeder aller Protago- nisten erkennen: den Wunsch nach Liebe, Geborgenheit oder einfach sozialer Inte- gration. In der Bühnenfassung des Bu- ches von Irvine Welsh werden die Junkies Mark, Tommy, Simon, Alison, Franco und June mitsamt ihrer Umwelt portrai- tiert. Sie sind die Underdogs der engli- schen Gesellschaft, arbeits- und perspek- tivlos, und sorgen mit ihrer kultivierten Drogensucht fortlaufend dafür, daß sich daran in Zukunkt auch nichts ändern wird. Zwar suggerieren sie sich, die Droge wür- de ihnen die ultimative Erkenntnis der Realität bescheren, doch der Zuschauer weiß an dieser Stelle des Stückes längst, daß es sich hierbei nur um den verzwei- felten Versuch handelt, ihre eigene Le- thargie in Bezug auf ihr verkorkstes Le- ben zu verarbeiten. Interessanterweise of- fenbart sich nämlich durch ihre ständige Selbstironie und ihre Fähigkeit, sich nicht allzu ernst zu nehmen, daß sie sich ihrer aussichtslosen Lage vollends bewußt sind, wodurch das Stück auf uns geradezu tragisch wirkte: Die Figuren sind trotz weitreichender Selbsterkenntnis nicht fä- hig, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Stattdessen gelingt es ihnen immer wieder, die Schuld von sich zu weisen; so in der emotional unglaublich aufwühlenden Szene, in der Alisons Baby stirbt. In jenem Moment, in dem einer von ihnen das Stichwort ..plötzlicher Kindstod“ einbringt, wandelt sich ihre Stimmung fast in Euphorie, da eine sim- ple medizinische Erklärung sie von jegli- cher Verantwortung befreit und sie sich somit der Konfrontation mit ihrem Egois- mus entziehen können. ,Ich schlag’ die Schlampe tot, wenn ich dem Baby ’was angetan habe wegen ihr!“ Oft bleibt innen als letzte Ausdrucksmöglichkeit nur noch Aggression und Brutalität, was dieses Zi- tat eines Vaters eindrucksvoll belegt. Disco Pigs Hier zeigt sich eine der Parallelen zu der Aufführung des Deutschen Schau- spielhauses Hamburg, die uns zwei Prot- agonisten präsentierte, die auf ihrer Suche nach „Irgendwas“ genug haben, sinnlos auf ihre Mitmenschen einzuprügeln. Die Disco Pigs von Enda Walsh, Mücker und ihr einziger und bester Freund Schwein, hetzen rebellierend gegen die Wirklich- keit unaufhaltsam durch die schnelle und laute Inszenierung. Dabei wird ihnen schauspielerisch viel abverlangt, da die Kulisse nur aus zwei Stühlen und einem großen weißen Leinentuch besteht. Un- terstützt werden sie lediglich von einem grandiosen Schlagzeuger, der die Szenen auch mit diversen Soundetfekten unter- malt und intensiviert. Aufgrund ihrer von Geburt an bestehenden Isolation von der „spießBigen Gesellschaft“ stenen Schwein und Mücker unter dem Zwang, sich stän- dig berieseln zu lassen. Im Gegensatz zu den Trainspottern ist ihre innere UVnzu- friedenheit jedoch noch so stark, daß sie immer wieder versuchen, die Flucht aus dem Alltag zu beenden und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Doch wie soll das funktionieren, wenn sie in ih- rer eigenen Beziehung schon total neben- einander herleben? Dies ist nämlich auf tragische Weise herausgearbeitet, als Schwein über Selbstliebe singt, während seine beste Freundin Mücker fast zu Tode geprügelt wird. Viel zu spät erkennt er ihr Bedürfnis nach Hilfe und kann wiederum nur mit einem explosiven Ausbruch von Aggressivität reagieren. Am Ende des Stückes, nachdem sie gemeinsam einsam das Meer aut sich haben wirken lassen, unternehmen sie einen letzten Versuch, einmal „mittendrin zu sein“: Mit dem Co- dewort ,blue“, der Farbe, die Mücker vorher schon als die der Liebe definiert hat, gelingt ihnen der Eintritt in den ulti- mativen Discopalast. Hier treibt es Mük- ker zu ihrem finalen Annäherungsversuch an einen, der „dazu gehört“. Er mißlingt, hat jedoch zur Folge, daß sie erahnt, wie es für sie weitergenen kann oder sogar muß: Sie trennt sich von Schwein, der daran zugrunde geht, und macht sich auf ihren eigenen Weg, an dessen Ende sich schemenhaft endlich ein Ziel wahrneh- men läßt. Total krass In Total krass von William Mastrosi- mone, einer Inszenierung des Theater Os- nabrücks, geht es um die völlige Identifi- zierung zweier Jugendlicher mit den Hauptdarstellern ihres Lieblingsfilms. Das gesamte Stück spielt in der Wohnung des Regisseurs, der ebendiesen Film ge- dreht hat und somit für den Tod beider Hauptdarsteller am Ende des Streifeng verantwortlich gemacht wird. Jeder der vier Protagonisten entspricht mit allen nötigen Attributen genau den Klischee. vorstellungen der Zuschauer. Keiner von ihnen kann seinem engen Stereotyp ent- rinnen, was zwangsläufig zu Konfronta- tionen führt. Die jugendlichen Außensej- ter verbringen ihre Zeit damit, Filmsze- nen zu zitieren oder diese sogar nachzy- spielen. Im Verlauf der Geschichte, in der sich die Rolle des Regisseurs und seiner Freundin zu der der Geisel wandelt steckt einer der beiden Jungen, der mitt. lerweile völlig in der Rolle des Polizisten „Derk“ aufgegangen ist, den Papageien des Regisseurs, „wie im Film“, in die Mi- krowelle, um „ein bißchen mehr Action in die Bude zu bringen“. Das Stück endet mit dem Tod der beiden, die sich, „genay wie im Film“, gegenseitig erschießen. Diese Szene stellt deutlich die Ziellosig- keit der beiden Hauptcharaktere dar, die, von der Gesellschaft nicht akzeptiert, ihr Leben fern der Realität in einer Welt aug Film und Fernsehen leben. Losgelöst von moralischen oder sozialen Richtlinien gilt ihr gesamtes Streben lediglich der Erfah- rung von mehr Spaß und Action, um sich nicht mit der eigenen trostlosen Situation beschäftigen zu müssen. Man könnte sagen, wir haben den Trash kennengelernt als den Jazz des Theaters: Oberflächlich betrachtet er- scheinen die Werke sinnlos, chaotisch und vielleicht gerade zur lauten Beriese- lung geeignet. Macht man sich aber die Mühe und versucht, hinter die „Kulissen“ zu blicken, so offenbart sich dem Zu- schauer eine Fülle von Interpretationsan- sätzen und es zeigt sich, wie inspirierend es sein kann, die Aussage nicht durch den bloßen Handlungsstrang vorgesetzt zy bekommen. Natürlich erfordert der Um- gang mit solchen Stücken etwas mehr Anstrengung, aber dafür hat man am Ende das Gefühl, einen Teil seiner ganz persönlichen Wahrheit gefunden zu ha- ben. Und das ist es doch, wonach wir jun- gen Menschen wirklich suchen! Daß das auch sehr humorvoll vonstatten gehen kann, wissen wir nun spätestens seit „Trainspotting“ und hoffen daher, daß das Lübecker Theater in Zukunkt mehr „trashige“ Stücke offeriert. Dabei muß es gar nicht unbedingt zu Lasten der klassi- schen Werke gehen, denn man möchte ja manchmal auch einfach nur genießen ... T. H. / J.. 162 Lübeckische Blätter 1999/11
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