Full text: Lübeckische Blätter. 1999 (164)

Norddeutsches Theatertreffen grammhefts erahnen. Es ging um Red Cattle, ein besonderes Rind, von dem ein Exemplar als potenter Zuchtbulle auftrat. „Ochse“ steht im Programm, was biolo- gisch nicht geklappt hätte, denn diese Hauptfigur produzierte täglich Sperma, mit dem die Kühe des Königreichs be- fruchtet wurden. Da die Nachkommen je- doch unfruchtbar waren, verschwand der Bulle in der Versenkung, dessen Begat- tungsversuche auf Leinwand oder Bühne vorgeführt wurden. „Spect“ hieß die zweite Szene, in die man vielerlei hinein- interpretieren mag. Real fiel einem nichts ein, da auch das Programmheft schwieg. Gelegentlich eingestreute englische Sätze - teils verständlich, teils kaum zu erahnen - halfen nicht weiter. Bleibt als Fazit: Daß man auf der Bühne von den Akteuren Bier kaufen konnte, machte das neue Theater- gefühl aus. Hotel Pro Forma - Operation: Orkeo Ganz anders das Gastspiel aus Kopen- hagen. „Hotel Pro Forma“ heißt das Thea- ter von Kirsten Dehlholm, die mit diesem Namen die Assoziationen an normale Formen der Oper verhindern will. „Ope- ration: Orfeo‘ - so der Titel des Gast- spiels - knüpft inhaltlich an den Mythos von Orpheus und Euridyke an. Es ging ums Abschiednehmen, um Loslassen und Zurücksehnen in dieser „Oper“, die ohne Orchester auskam. Dirigent Bo Holten stand allein im Graben, leitete eine Auf- führung sinfonischen Gesanges. Auf die Bühne war ein Guckkasten gesetzt. Eine Treppe füllt ihn in voller Breite aus. Auf weißen Stufen verteilten sich die 14 Mit- wirkenden, ganz in Schwarz, quasi als Notenköpfe über die Szenerie verteilt. Ein Glöckchen gab den Einsatzton, da- nach entfaltete sich 60 Minuten lang kul- tivierter Gesang Einzelner und des En- sembles. Einmal wurde Christoph Willi- bald Gluck zitiert, mit der Arie des Or- pheus „„Ach, ich habe sie verloren“, sonst stammte die Musik von John Cage und Bo Holten: gepflegt, konzentriert, mal harmonisch, mal rauh durch moderne Reibungen. Als weiterer Faktor muß das Licht erwähnt werden. Kirsten Dehlholm. setzte es so geschickt ein, zunächst nur schwarz und weiß, später mal ein Stück- chen rot, ein Stückchen grün, daß ästhe- tisch überzeugende Bilder entstanden. Am Schluß hüllte Laserlicht zunächst die Menschen auf der Bühne, dann den ge- samten Zuschauerraum ein, wogend wie Wellen des Meeres oder Wolken am Him- mel. Einhellige Zustimmung, ja sogar Ju- bel im Großen Haus. Molière - Der Henker der Komödianten Ganz anders die Reaktion bei der ein- zigen „wirklich neuen Oper“, beim Gast- spiel des Bremer Theaters mit „Molitre oder Der Henker der Komödianten“ von Johannes Kalitzke. Das Auftragswerk für Kiel kam über Bremen endlich nach Schleswig-Holstein. Kalitzke spielt Thea- ter auf dem Theater, illustriert das Ver- hältnis von Kunst und Macht sowohl am Beispiel Molières und Ludwig XIV. als auch am Gegenüber von Stalin und Bulgakow. In der Wäscherei des Moskau- er Künstlertheaters treten die Truppe Mo- lières und die des Moskauer Intendanten Stanislawski auf. Wer nicht pariert, fällt in Ungnade - so das inhaltliche Fazit. Eine flächige, auf Skalen und Reihen auf- gebaute Musik für großes Orchester, viel Schlagwerk, starker Bläsereinsatz, gele- gentliche Zitate - lateinische Messe bei Ludwig XIV., eine Geigenkantilene zum Abschied Moliètres -, viele Besucher hat- ten beim ersten Hören dieser „gnadenlos neuen Musik“, wie Dietrich von Oertzen bei der Begrüßung gesagt hatte, ihre Schwierigkeiten. Eher verhaltener Bei- fall, aber im Gespräch hinterher doch im- mer wieder das Bekenntnis, einen interes- santen Abend erlebt zu haben. In Sekten - Rattenfänger „In Sekten“ nannte das Wilhelmsha- vener Theater die aufgrund einer Auffüh- rung in Süddeutschland selbstgeschriebe- ne Szenenfolge zum Thema des religiö- sen Suchens und der Antwort von autori- tär strukturierten Sekten. Die Hinweise auf die Erkennungs- und Strukturmerk- male von Sekten im Programmheftt sind fundiert, die vorgeführten Szenen von Regisseur André Bücker waren klar. Sechs Sektenmitglieder machen nach in- nen und außen deutlich, wie gefährlich das Agieren der Psychokulte ist. Ein gründlicher Denkanstoß. bei dem man sich fragte, wie es möglich ist, daß Men- schen solch glatten Rattenfängern aut den Leim gehen können. K. D. s Wer das Veranstaltungsprogramm des 21. Norddeutschen Theatertreffens unter dem Titel „Theaterlust - Zwischen Tradi- tion und Trash“ durchblätterte, konnte den - richtigen - Eindruck gewinnen, daß der Anteil der für „Tradition“ stehenden Stücke relativ gering sei, und zu dem - falschen - Schluß gelangen, auch hier werde Aktualisierung um jeden Preis an- gestrebt. So liels beispielsweise die An- kündigung zu Schillers „Räubern“, val]. ends in der verkürzten Form, in der sie sich in der Tagespresse niederschlug schlimme Verklachung befürchten: :D Szenen aus Schillers böhmischen Wü]. dern werden direkt nach Bosnien, Mölln oder Solingen verlagert.“ Die Verant- wortlichen werden zu prüfen haben, oh man nicht auk diese Weise mehr ältere Besucher abgeschreckt als jüngere Besy- cher dazugewonnen hat - sieht man ein- mal ab von Abonnenten und von einzel. nen Schulklassen, die einen Theaterbe. such ohnehin eher als Pflichtvergnügen ansehen mögen. Der Reterent bekennt, dal} seine Erwartungen durchweg über. troffen wurden. Diese Feststellung be. zient sich vor allem auf zwei Auf. führungen, die verblüffende Parallelen aufwiesen. Beide spielten sich auf der Bühne des Großen Hauses hinter dem Ej- sernen Vorhang ab, beide kamen, obwoh] ihnen wahrhaftig personenreiche Stücke zugrunde liegen, mit vier Darstellern ung einem höchst kreativen Musiker aus, bei- de schließlich fanden einen ganz eigenen Ansatz, um die Substanz des Sujets zy vermitteln: auf hoher Ebene kragwürdig im Falle von Ignace Cornelissens ,„Hein- rich der Fünfte“ nach William Shake. speare, dargeboten vom Deutschen Thea. ter in Göttingen, bezaubernd gelungen in „Käthchen oder Die Feuerprobe“ nach Heinrich von Kleist in der Bearbeitung durch die Kinder- und Jugendbühne .„Moks“ am Bremer Theater. Käthchen oder die Feuerprobe Kleists „großes historisches Ritter. schauspiel“ ist hier reduziert auf ganze sieben Rollen, und zu erleben ist die Wie- dergeburt dieses fürwahr problemati- schen Stücks durch einen neuen Blick auf die Kernhandlung, auf seine märchenna- he Substanz, an die man einfach glauben muß, will man sie erfolgreich vermitteln. Vonnöten ist dabei ein so natürliches - nicht: naives - Käthchen, wie es den Bre- mern mit Christine Ochsenhoker zur Ver- fügung steht. Natürlich und auf. geschlossen präsentierten sich nach ein- einviertel Stunden alle an der Aufführung Beteiligten einschließlich der Autorin/ Regisseurin dieser Neu- und Kurz-Fassung, Franziska Steiok, dem ver- bliebenen diskussionswilligen Teil des Publikums. 160 Lübeckische Blätter 1999/11 Szene Heir The: W wird: striert währe shake land I die ül Stück acht . simpl wie C nem I hier m müsst reizVc dramt: auch spear „Edw ler, de Gesct episcl schen Heinr ken, u termil ders : reichl nur m lissen Clav G Gasts. 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