Full text: Lübeckische Blätter. 1999 (164)

LITERATUR . THEATER . MUSIK . AUSSTELLUNGEN . VERANSTALTUNGEN Bildende Kunst Peter Wels zeichnet für Ingenhoven, Overdiek, Kahlen und Partner - Ausstellung in der averbeck-Gesellschaft Mit dieser Ausstellung öffnet die ”Gverbeck-Gesellschaft ihren Pavillon lichten Horizonten. Zum einen ist dieses die Schau eines Zeichners, dessen groß- formatiges Werk die Wände nicht nur deckt, sondern erweitert durch die zentra- le Perspektive seiner Bilder, die an den Fotorealismus erinnern. Zum anderen werden hier der Architekt Christoph In- genhoven und sein Team vorgestellt. So wird demonstriert, wie man Architektur populär macht, seien es virtuelle Visionen in einer realen Umwelt, im Bau befindli- che Projekte oder bereits fertig errichtete Bauten. Peter Wels, geboren 1946, arbeitete nach dem Studium zunächst als Architekt, bis er sich 1981 einem in Deutschland im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten von Amerika bisher ohne Tradition bekannten Beruf als Architekturzeichner zuwandte. Die Basis der Qualität der fast impressio- nistisch anmutenden Großbilder liegt in der Originalzeichnung: Wels führt sie mit farbigen Wachskreiden aus. Deren weiche gubstanz reagiert auf Unebenheiten, strukturen des Papiers, auf dem sie ent- stehen, gelenkt vom Duktus, der Hand- schrift des Zeichners. Ist die Zeichnung fertig, kolgt der Computer den Anweisun- gen des Künstlers: Farbe wird optimiert, die Perspektive korrigiert, die Vergröße- rung gesteuert mit Laser-Power-Print. Teamarbeit mit dem Architekten und sei- nen Mitarbeitern ist dabei selbstverständ- lich. Neben den großen Architekturzeich- nungen hängen klein, aber nicht überseh- bar, die ersten Entwurkskizzen des Archi- tekten Christoph Ingenhoven, geboren 1960. Linien bewegen sich mit tänzeri- - scher Anmut über das kaum mehr als handtellergroße Papierblatt, verharren in - hräzis rechtwinkligen, statischen Positio- nen, enthalten bereits als Vision das Ar- - chitekturprojekt. Realisiert hat Ingenho- ven zum Beispiel die Vision vom ökolo- gisch orientierten Hochhaus in Essen. Der Bau der Rheinisch-Westfälischen Elektri- zitätswerke, „Turm der atmenden Wän- de‘ wird er genannt, wird durch ein natür- liches Ventilationssystem mit Frischluft versorgt. Im Bau befinden sich Grolßpro- jekte wie die Neugestaltung des Stuttgar- ter Hauptbahnhofs. Ein Wolkenkratzer von bizarrer Anmut auf dreieckigem Grundriß im Zentrum von Shanghai weist ebenso wie andere Werke Ingenhovens in das 21. Jahrhundert. Diese zukunftsweisende Ausstellung der Overbeck-Gesellschaft vom 7. März bis 18. April wird von einem kleinen, vor- züglichen Katalog begleitet. Ein grolfor- matiger Bildband über Peter Wels mit ei- nem Text von Manfred Sack liegt eben- kalls vor. Gerda Schmidt Darstellende Kunst Max Frischs „Biografie“ in den Kammerspielen Wenn ein leitendes Mitglied des Thea- ters, in Lübeck sogar der Herr Generalin- tendant persönlich, zu Beginn einer Auf- kührung vor das Publikum tritt, so hat das in der Regel nichts Gutes zu bedeuten: „Ausfall oder Umbesetzung aufgrund von Indisposition?“ ist dann meist die Frage. Anläßlich des ersten Abends von Max Frischs „Biografie - Ein Spiel“ war es nicht so dramatisch: Hausherr Dietrich von Oertzen lud lediglich zur anschlie- Benden Premierenkeier ein, kündigte aber auch an, es werde sogleich eine neue Fas- sung des Stückes gezeigt, die man in die- ser Form nirgends nachlesen könne. die sogar ins nächste Jahrhundert deute. Der Rezensent, der daraufhin einen kuturistischen Mummenschanz in Video- clipmanier befürchtete, lehnte sich als- bald beruhigt zurück: Er konnte das vor 31 Jahren uraufgeführte Stück gut wie- dererkennen. Zwar ist ein großer Teil des Personals gekürzt worden - das Pro- grammhett zur Aufführung im Hambur- ger Schauspielhaus verzeichnete 1968 noch 41 Darsteller! -, zwar fehlen in der von Regisseur Peter Hailer erarbeiteten Lübecker Fassung nahezu alle politischen Bezüge, zudem ist die Spiel-Gegenwart des Stückes nunmehr sinnigerweise das Jahr 1999 - geblieben aber ist die Ver- suchsanordnung: Der Verhaltensforscher Hannes Kürmann darf entscheidende Phasen seines Lebens revidieren. noch einmal neu leben. Ergebnis: Abgesehen von - relativ unwichtigen - Varianten bleibt er im wesentlichen seinem bisheri- gen Lebens-Lauf verhaftet, bedingt durch Charakter, Intelligenz und andere Deter- minanten. Während er erkennt, daß er - entgegen seiner ursprünglichen Intention - von seiner Frau Antoinette nicht los- kommt, verläßt diese, ebenfalls vor die Wahl gestellt, am Schluß des Stückes kur- zerhand die Szene; eine (Los-)Lösung, die heutzutage, am Ende des „Jahrhun- derts der Frau“, eher einleuchten mag als Mitte der sechziger Jahre. Damals wurde das Stück als Fortführung der wichtigsten Romane Max Frischs - Stiller“. „Homo faber“, „Mein Name sei Gantenbein“ - mit ihrem zentralen Thema der Identitäts- findung eines Intellektuellen, eines Man- nes wohlgemerkt, verstanden. Die Revisionen seiner Lebensphasen werden Kürmann auf einer Bühne mit Hilfe von zwei „Assistenten“ - früher: ei- nes „Registrators“ - ermöglicht. Wieder einmal also Theater im Theater. So ist denn auch die nackte Bühne, sind die Be- leuchtungsbrücken zu beiden Seiten des Zuschauerraums nahezu identisch mit dem „Bühnenbild“. das mit wenigen Ver- satzstücken auskommt - Ausstattung: Mayke Heeger. Regisseur Peter Hailer ist nun bereits zum drittenmal innerhalb von gut einem Jahr in Lübeck tätig: „Piaf. „Die Jungens nebenan“ und nunmehr ,Biografie“ tra- gen seine Handschrift. Vorläufiges Fazit: Hailer denunziert seine Figuren nicht, horcht vielmehr in die Stücke hinein und arbeitet mit subtilen Mitteln, zu denen nicht zuletzt die Komik gehört. Solcherart Text-Verständnis kommt hier besonders dem Spiel Sven Simons zugute, den wir lange nicht so differen- ziert haben agieren sehen wie hier in der Darstellung eines zunehmenden Verfalls der Selbstsicherheit eines Intellektuellen, zumal angesichts des nahen Todes. Auf- grund einer leichten Indisposition gab es bei Elke Wollmann als Antoinette gele- gentlich Probleme mit der Text-Verständ- lichkeit; souverän indes ihr Spiel: sie ist keine eiskalte Emanze, sondern eine küh- le. mondäne Partnerin. Miriam Gruden und Jörg-Heinrich Benthien, die Assi- stenten, erweisen sich als flexible Spiel- leiter mit zeitgemäßem Equipment. Volk- mar Bendig als ein auf eine Geduldsprobe Lübeckische Blätter 1999/7 105
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