Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

| | j ] Revolution in der Buddenbrook-Republik von Thomas Mann beginnt die Bürgerschaftssitzung gegen I5 Uhr und soll bis zum Kaffee, also etwa gegen I8 Uhr, abgeschlossen sein. Histo- risch begann die Sitzung bereits morgens um 9 Uhr, gegen 17 Uhr fiel die Entschei- dung für die Senatsvorlage, dann kam es zur Stürmung des Saales, in dessen Ver- lauf die Bürgerschaftsmitglieder bis Mit- ternacht festgehalten wurden. Ob der Au- tor die detaillierten Zeitzeugenberichte kannte, wissen wir nicht, deutlich aber wird im Vergleich, daß seine Schilderung den außerordentlichen Charakter der Er- eignisse in den Rang normaler Alltäglich- keit stuft. Die politische Außenwelt im Roman korrespondiert mit den Anschau- ungen des Konsuls, der die Unruhe als unbedeutenden Störfall interpretiert, im Sinn gegenseitiger Bestätigung und Ver- stärkung. Aber auch der Anlaß der Unru- he selbst, die Abstimmung der Bürger- schaft über das künftige Wahlrecht, wird in seiner Tragweite als historisches Ereig- nis heruntergespielt. IV Revolution als Spiel der Poesie Konsul Buddenbrook durchschritt ei- lig sein weitläufiges Grundstück. Als er in die Beckergrube hinaustrat, vernahm er hinter sich Schritte und erblickte den Makler Gosch, welcher malerisch in sei- nen langen Mantel gehüllt, gleichfalls die schräge Straße hinauf zur Sitzung strebte. Während er mit der einen seiner langen und mageren Hände den Jesuitenhut lüf- tete und mit der anderen eine glatte und höfische Gebärde der Demut vollführte, sprach er mit gepreßter und verbissener Stimme: „„Herr Konsul ... ich grüße Sie!“ Dieser Makler Sigismund Gosch, ein Junggeselle von etwa vierzig Jahren, war trotz seines Gebarens der ehrlichste und gutmütigste Mensch von der Welt; nur war er ein Schöngeist, ein origineller Kopf ... „„ Welche Zeiten, in denen wir le- ben! “ sagte er zu Konsul Buddenbrook, während er, in gebückter Haltung auf sei- nen Stock gestützt, neben ihm die Straße hinaufschritt. „Zeiten des Sturmes und der Bewegung! “ „Da haben Sie recht“, erwiderte der Konsul. Die Zeiten seien bewegt. Man dürfe auf die heutige Sit- zung gespannt sein. Das ständische Prin- rip ... „Nein, hören Sie!“ fuhr Herr Gosch zu sprechen fort. „„Ich bin den Lan- ren Tag unterwegs gewesen, ich habe den Pöbel beobachtet. Es waren herrliche Bursche darunter, das Auge flammend von Haſ und Begeisterung ... Johann Buddenbrook fing an zu lachen. ,,. Sie sind mir der Rechte, mein Freund! Sie schei- nen Gefallen daran zu finden? Nein, er- lauben Sie mir ... eine Kinderei, das al- les! Was wollen diese Menschen? Eine Anzahl ungezogener junger Leute, die die Gelegenheit benützen, ein bißchen Spek- takel zu machen ... “ ,„Gewiß! Allein man kann nicht leugnen ... Ich war dabei, als Schlachtergeselle Berkemeyer Herrn Benthiens Fensterscheibe zerwarf ... Er war wie ein Panther! “ Das letzte Wort sprach Herr Gosch mit besonders fest zu- sammengebissenen Zähnen und Fuhr dann fort: „„O, man kann nicht leugnen, dafs die Sache ihre erhabene Seite besitzt! Es ist endlich einmal etwas anderes, wis- sen Sie, etwas Unalltägliches, Gewalttä- tiges, Sturm, Wildheit ... ein Gewitter ... Ach das Volk ist unwissend, ich weiß es! Jedoch mein Herz, dieses mein Herz, es ist mit ihm ... “ Der zweite Auftritt des Konsuls spielt auf der Straße; man bewegt sich vom pri- vaten in den öffentlichen Bereich, vom Wohnhaus ins Versammlungslokal. Die Szene bringt eine vertiefende Profilierung von Jeans Haltungen, Einstellungen und Gedankengängen, wiederum durch eine wirksam eingebaute kontrastive Gegenfi- gur. Es ist der Makler Sigismund Gosch, ein poetischer, ein intellektueller Geist. Dessen äußeres Erscheinungsbild ist da- durch charakterisiert, daß er sich unleid- lich und abstoßend macht. Er will den Eindruck erwecken, er sei buckelig. Sein Handlungsprofil, das wir aus Gründen des Umfanges hier nicht ausführlich zi- tiert haben, wird vom Autor plastisch dar- gelegt. Gosch ist ein Junggeselle, aber, und das spricht für ihn, kein ,.Suitier“’, kein Lebemann. Er betreibt ein „bescheidenes Makler- geschäft“, und dessen tadelloser Ruf si- chert ihm die Anerkennung der Lübecker Bürger. Ferner heißt es von ihm: ,.In sei- nem engen dunklen Kontor aber stand ein großer Bücherschrank mit Dichtwerken aus allen Sprachen“. Und man munkelt, er arbeite seit zwanzig Jahren an einer Übersetzung der Werke des spanischen Dichters Lope de Vega. Und schließlich gibt uns der Erzähler den Hinweis auf das Ereignis in Goschs Leben: in einer Lieb- haberaufführung des Schillerschen Don Carlos hat er einmal den Domingo ge- spielt. Wie aber ist nun die Wahrnehmung der politischen Ereignisse durch einen poetischen Geist? Aus ihm spricht eine romantische Sehnsucht nach Abenteuern, wie er sie nur aus den Dichtwerken in sei- nem Bücherschrank kennt, während sein tägliches Leben geprägt ist durch das be- scheidene Maklergeschäft. Reale Ereig- nisse werden ihm zu Elementen einer Bühneninszenierung. Vergleichen wir Sigismund Goschs Zeichnung als Gegenfigur zu Jean Bud- denbrook, so erscheint der Konsul als nüchtern, sachlich, kühl, politisch klug, während wir an dem Makler eine Art LE- spielter Erregung, hohles Pathos und spontaneistische Begeisterung bemerken. Man ahnt, daß auf den Höhenkflug der Ge- fühle rasch ein Katzenjammer kolgen könnte. Der Erzähler schließt sich dem Konsul in der Einschätzung Goschs ein: Männer wie Gosch - wenig später wird im Roman mit Verachtung von einem Journalisten, dem , Scribifax Rübesam“ gesprochen, der die Menge aufgewiegelt haben soll, schließlich wird Jean die allgemeine Ur- sache für die 48er Unruhen bei ..literari- schen Theezirkeln“ in Berlin suchen - sind gefährlich, sie spielen ein lebensge- kährliches Spiel mit dem Feuer. Anarchie und Chaos brechen aus, wenn lebensent- kremdete Figuren wie Gosch ins politi- sche Leben eingreifen. Die dem Autor wünschenswerte Les- art dieser Stelle könnte heißen: seht, der Konsul ist innerlich frei von der Fantaste- rei des verhinderten Poeten. Der Leser erlebt nun die folgenden Ereignisse aus doppelter Perspektive: mit den Augen des Staatsmannes und des Li- teraten. In diesem kurzen Kapitel kommt der Roman einmal unmittelbar auf eines sei- ner ansonsten hintergründigen Zentral- themen zu sprechen: auf die Funktion von Literatur, auf die soziale Stellung des Dichters in der Gesellschaft. Es gibt in Buddenbrooks eine kompositionelle Li- nie von Jean Jaques Hoffstede über Sigis- mund Gosch zu Kai Graf Mölln. Alle ge- sunden, lebenstüchtigen Lübecker, egal welchen sozialen Ranges, wenden sich instinktiv von den Poeten ab - man nennt sie einfach Affen. Die Dichter ihrerseits ändern im Gange der Handlung ihre Hal- tung zur Gesellschaft: Hoffstede zu Be- ginn sitzt noch als gefeierter Mittelpunkt im Zentrum der herrschaftlichen Gesell- schaft, er dichtet als Freund des Hausher- ren Buddenbrook zur Verklärung von des- sen persönlichem und gesellschaftlichen Ruhm, zugleich aber weil er um seine engen Handlungsgrenzen. Gosch hat sich bereits aus der feinen Gesellschaft zu- rückgezogen, er spiegelt aber in seinem 304 Lübeckische Blätter 1998/19 Zeic man Aul3 LELE gen. posi aukk. von für c ESSIL Lüil JUue broc fach Hau zung mas nich in de den Was Abe schi det i näct nisse brie den in d' rege Dar Bige te, m ordn mal der I Oktc geta Lüb. kür c terb: heln korn nige Man ber von der ; man den scha gers mitt: mes Lübec
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