Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

Revolution in der Buddenbrook-Republik von Thomas Mann Und dann ist von Trina, der Köchin, zu sprechen. Sie ist in der Figurenwelt des Romans die exemplarische weibliche Ver- treterin des Teils der demonstrierenden Einwohnerschaft Lübecks, den staats- männisch zu bändigen die politische Lei- stung des Konsuls sein wird. Im Roman ist vom „Volk“, den .Tumultanten“, „Aufrührern“, dem „Pöbel“ und der „Ca- naille‘“ die Rede. Und was will die Köchin? Der Erzäh- ler zitiert sie in direkter Rede. Dabei fällt der Begriff Ordnung. Aber will sie wirk- lich eine andere Ordnung? Trina träumt doch wohl eher von einem anderen Platz innerhalb der bestehenden Ordnung, sie möchte an Stelle der Kunsulin im seide- nen Kleid auf dem Sofa sitzen. Sie ist eine vitale Anarchistin, keine klassenbewukßte Proletarierin. Schließlich haben wir unsere Auf- merksamkeit auf den Erzähler zu richten. Er wertet die Ereignisse aus der Perspek- tive der Konsulin und des Konsuls. Und in den Augen Bethsys stellt sich der Vorgang entschieden sozialrevolutionär dar, wenn man die Sprachbildlichkeit der Wahrneh- mung, die Rede vom „ewig blutigen“ Schlachtergesellen und der Köchin mit den in die Hüften gestemmten nackten Armen ins Politische assoziiert als Aus- druck von roher Gewalt und körperlicher Bedrohung. Die Ereignisse von 1848 begegnen dem Leser von Buddenbrooks im vierten Teil des Romans, in den Kapiteln drei bis sechs. Die Teile drei und vier bilden eine thematische Gestaltungseinheit. Sie be- schäftigen sich mit den Einstellungen, den Haltungen und dem Verhalten von Jean Buddenbrook. Er ist der zweite von vier Hauptvertretern der verfallenden Fa- milie. Seine Psyche ist geprägt durch eine eigentümliche Mischung aus idealisieren- den Praxisbezügen und naiver Religiosi- tät. Als er am Ende von Teil vier im Jahre 1855 stirbt, erscheint dem Leser des Ro- mans der Ertrag der Existenz Jeans für die Familie höchst zweifelhaft. Der Roman bildet in seinem zeitlichen Verlauf die Gestalt einer genealogischen Chronik nach. Erzählt wird eine Famili- engeschichte über vier Generationen in Lübeck zwischen 1835 und 1877. Der Roman will indes kein Geschichtsroman sein, nicht im literarischen Gattungssinn und auch nicht im Sinn gesellschaftsge- schichtlicher Theoriebildung. Dem Leser wird kein geschichtlich bedingter, son- dern ein biologisch verursachter Verfall vorgeführt. Für den Thomas Mann der Zeit um 1900 gilt: Geschichte hat keinen Sinn, keine Regel, kein Gesetz. Diese An- schauung, die er überwiegend bei Nietz- sche und Schopenhauer rezipiert, geht geistesgeschichtlich auf Goethes Ausein- andersetzungen mit der Französischen Revolution zurück: „Geschichte“ ist für Goethe „ephemer“, regellos, nur „Natur“ hat eine erkennbare Ordnung. Die nunmehr auch bereits seit fast ein- hundert Jahren tätige Forschung zu Bud- denbrooks hat inzwischen eine Lanze Reihe weitgehend unbestrittener Ergeb- nisse zu den universellen Sinnstrukturen des Werkes ans Licht gebracht. So spricht Eckhardt Heftrich davon, daß man hier einen in vier Generationen sich verstär- kenden ..Verlust an Instinktsicherheit“ vor sich habe. Herbert Lehnert bezeichnet diesen zuspitzend als einen Verlust an Liebesfähigkeit. In den folgenden Abschnitten des Ro- mans zur Revolution von 1848 folgen wir nun dem Konsul hinein in eine weitere Bewährungsprobe seiner biologischen Vi- talität, dieses Mal nicht im familiären, sondern im öffentlichen Raum seiner Le- benswelt, und dabei können wir beobach- ten, welche psychischen Begleiterschei- nungen für diesen zweiten Vertreter des verfallenden Herrschaftsgeschlechtes charakteristisch sind. II Das Geschichtswissen des Romans und seine Quellen Der Konsul schüttelte den Kopf. Er selbst hatte in letzter Zeit allerhand Be- sorgniserregendes verspüren nmiüssen. Freilich, die älteren Träger und Speicher- arbeiter waren bieder genug, sich nichts in den Kopf setzen zu lassen; aber unter den jungen Leuten hatte dieser und jener durch sein Benehmen Zeugnis davon ge- geben, daß der neue Geist der Empörung sich tückisch Einlaß zu verschaffen ge- wußrt hatte ... Im Frühjahr hatte ein Stra- Henkrawall stattgefunden, obgleich eine neue Verfassung die den Anforderungen der neuen Zeit entsprach, bereits im Ent- wurf vorhanden war, welcher ein wenig später, trotz des Widerspruches Lebrecht Krögers und einiger anderer störrischer alter Herren, durch Senatsdekret zum Staatsgrundgesetz erhoben wurde. Volks- vertreter wurden gewählt, eine Bürger- schaft trat zusammen. Aber es gab keine Ruhe. Die Welt war ganz in Unordnung. Jeder wollte die Verfassung und das Wahlrecht revidieren, und die Bürger zankten sich. ,„Ständisches Prinzip! “ sag- ten die einen; auch Johann Buddenbrook, der Konsul, sagte es. „Allgemeines Wahl- recht! “ sagten die anderen; auch Hinrich Hagenström sagte es. Noch andere schrieen: „Allgemeine Ständewahl! “ und vielleicht wußten sie sogar, was darunter zu verstenen war. Dann schwirrten noch solche Ideen in der Luft umher wie Aufhe- bung des Unterschiedes zwischen Biir- gern und Einwohnern, Ausdehnung der Möglichkeit, das Bürgerrecht zu erlan- gen, auch auf Nichtchristen ... Kein Wun- der, daſs Buddenbrooks Trina auf Gedan- ken verfiel, wie der mit dem Sofa und dem seidenen Kleid! Ach, es sollte noch ärger kommen. Die Dinge drohten eine Fürch- terliche Wendung zu nehmen ... Der literarische Charakter dieses Ro- manabschnittes weicht von der vorausge- henden dramatisierten Erzählung erheb- lich ab. Es ist ein zusammenfassender Be- richt der entscheidenden Ereignisse im Zusammenhang mit den Unruhen in Lü- beck im Jahre 1848. Es könnte sich um einen Lexikonartikel handeln, einen sehr gut inkormierten Artikel, wie man hinzu- fügen dark, wenn da nicht der Umstand wäre, daß die eigentlichen Sachinforma- tionen in mehrfacher Hinsicht subjektiv wertend überkormt und damit - für den Geschichtskenner unschwer zu erkennen - eigentümlich verfälscht erscheinen. Erzählt wird aus der Perspektive des Konsuls, und es bleibt kein Zweifel, daß Jean Buddenbrook politisch für die am 8. April 1848 in Kraft getretene Verfassung eintritt, die aus heutiger Sicht zwar eine erste echte Repräsentativverkassung ge- genüber dem alten Bürgerrezeß von 1669 darstellt, aber sofort nach Inkrafttreten in die Kritik geriet, weil der für die Wahl der Bürgerschaft beschlossene Rechtsmodus nur ein knappes Sechstel der Bevölkerung als wahlberechtigt zuließ und die Bevöl- kerung der Lübecker Landgebiete sowie Nichtehristen grundsätzlich ausschloß. Außerdem sah die vom sogenannten Jung-Lübeck in mehrjähriger Revisions- tätigkeit erarbeitete Konstitution kein all- gemeines Wahlrecht vor, sondern die Bei- behaltung ständischer Grundsätze. Interessant ist nun ferner, daß der Konsul, wenn er die Ereignisse vor sei- nem inneren Auge vorüberziehen lIälkt, ei- nen stark verzerrenden Blick offenbart. Denn die im Oktober 1848 aktuelle De- batte über die Aufhebung der Unterschie- de zwischen Bürgern und Einwohnern so- wie die Ausdehnung des Bürgerrechtes auch auf Nichtchristen stellt sich ihm so dar, als handle es sich um ,.Ideen, die in der Luft schwirrten“. Aber sein gering- 302 Lübeckische Blätter 1998/19 z schä das | sche Begi flissc Sena die F lern. selb: dern nen rech Herr also Jean trete die i hunc Hag: meir steht Les, LErs dies: schi denr wul3 Er: je WETr( Stell der I terla Vert gers strÖl dung Sieg LELE sein poli! an d ist je sche ren I man ]Ien:: eine grol: lese: 190( §Zel auf | der gent sche kern an, Deu bou: dart Lübec
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