Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

2Nt- ipkt nd. ild- Der Jer“ Ge- len. ag, be: the, an ÖSE raft irbt ine cht En- hti- dals ist. 8- kür lar- 106 ph na. ien ren be- 1nd ein IEr- tZt; ) Es Ing nd- ein „U- der bis rit- 1nd he. SET ra- eil Ing 8/18 der Menschen sieht. Er behauptet, daß der Deutsche immer aristokratisch Lewesen sei. Und eben diese aristokratische Wer- sensart spricht Thomas Mann Luther zu, weil er das Prinzip der Freiheit und der Individualität vertreten habe. Die Freiheit werde bei Luther verinnerlicht und entpo- litisiert. Luther ein Paradigma Thomas Mann, so führte Schwöbel nun aus, habe sich zwar als Literat, mehr aber noch als Musiker verstanden. Und in diesem Selbstverständnis habe er sich ge- nealogisch auf Luther zurückgeführt. Denn nach Thomas Mann habe die Erzie- hung zur Musik mit Luther begonnen, ja Musik sei gleich Religiosität. Von Luther habe Thomas Mann ferner Lesagt, daß seine Freiheit über die politische hinaus- gehe. Er sei der wahre Unpolitische, und zwar deshalb, weil es sich bei ihm immer um der eigenen Seele Seligkeit handle. Schwöbels Fazit: Luther repräsentiert in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ das Paradigma deutscher Identität und ist damit das Gegenbild des Zivilisationslite- raten. Schwöbel zeigte nun, daß in der Zeit der Weimarer Republik eine Umorientie- rung in bezug auf das Luther-Bild Tho- mas Manns erkennbar sei. Er sehe jetzt Luther aus der Perspektive Goethes. Goe- the sei für Rom und gegen Luther LEWE- sen. Und so rücke Thomas Mann Goethe in die Nähe des Erasmus. Die Polarität von Naphta und Settembrini im „Zauber- berg“ als einer Polarität von Mystik und Aufklärung beziehe Thomas Mann auch auf Luther, insofern Settembrini ihn als Repräsentanten des Ostens, aber auch der Individualität sieht. Für Naphta dagegen sei Luther ein Mystiker. Im Jahre 1929 finden wir laut Schwö- bel eine neue Stellungnahme Thomas Manns zu Luther. Er bezieht sich auf den Streit Lessings mit dem Hauptpastor Goeze und sieht nun in Lessing den wah- ren Luther. Fr stellt indes 1929 im Sinne der Rede zum 75. Geburtstag Freuds LE- mäß der Formel ..Reaktion als Fort- schritt“ und „Fortschritt als Reaktion“ Luther in das Zwielicht einer Ambiva- lenz, die jetzt erlaubt, Luther in eine inne- re Verwandtschaft mit Goethe zu bringen, Luther wird als „Bruder Goethes“ be- zeichnet. Die Zeit des Nationalsozialismus sah Thomas Mann als einen Rückschlag ge- gen die Aufklärung. Und wenn Lessings Religionsphilosophie eine Reaktion auf die Orthodoxie Goezes war, so ist der Na- tionalsozialismus gegenüber Lessings Denken eine Reaktion gegen die Reakti- on, wie Schwöbel formulierte. In dieser Zeit ging Thomas Mann so weit zu sagen, Hitler sei eine Wiederkehr Luthers. Die- ses negative Luther-Bild wich aber 1945 einer anderen Beurteilung. Er sagt in dem Vortrag „Deutschland und die Deut- schen“, Luther sei „eine riesenhafte In- karnation deutschen Wesens“, er sei „au- Berordentlich musikalisch“ gewesen. Zwar liebe er ihn nicht, denn sein „Chole- risch-Grobianisches“), das ,.fürchterliche Robuste“ in ihm, „verbunden mit zarter Gemütstieke“, errege seine „,.instinktive Abneigung“. Jedoch erkenne er den Ge- Sensatz von Volkskraft und Gesittung, also den von Luther und Erasmus nicht als notwendig an, Goethe nämlich sei über diesen Gegensatz hinaus und versöh- ne ihn. In Goethe seien vereint „Lesittete Voll- und Volkskraft, urbane Dämonie, He;! und Blut auf einmal, nämlich unst.“ Luthers geistesgeschichtliche Wirkung Chistoph Schwöbel machte nun deut- lich, daß trotz aller Kritik Thomas Manns an Luther er ihn doch als „Einen konser- vativen Revolutionär“ würdigt, der nicht nur das Christentum rettete, sondern durch die Sprengung der ,„scholastischen Fesseln“ und die Erringung der Gewis- sensfreiheit ein Bahnbrecher philosophi- scher Spekulation und der freien For- schung wurde. Vor allem aber habe er durch den Gedanken der Unmittelbarkeit des Menschen zu Gott die europäische Demokratie befördert, denn Demokratie bedeute: „Jedermann sein eigener Prie- ster“. Im Strom der Wirkungsgeschichte Luthers liege nach Thomas Mann die Phi- losophie des deutschen Idealismus, die Pietistische „Verfeinerung der Psycholo- gie“ durch die Gewissensprüfung und endlich die „Wahrheitsstrenge“ der Philo- sophie Nietzsches. Luther sei für Thomas Mann, so erklärte Schwöbel, .„ein Frei- heitsheld des Inneren“. Luther und Leverkühn Im letzten Teil seines Vortrages stellte Schwöbel die Frage, was Thomas Mann an Luther kritisiere. Er nannte das Aus- einanderfallen von Innerlichkeit und Poli- tik bei Luther. Innerlichkeit sei ,„Tiefsinn des Herzens“. Das sei die eigentliche Tat der Reformation. Aber gerade dabei habe Thomas Manns Essays über Schriftsteller laut Thomas Mann der Teufel seine Hand im Spiel, denn die Reformation habe das Abendland religiös gespalten und zum Dreißigjährigen Krieg geführt. Überdies habe die Innerlichkeit zur Devotheit vor Fürstenthronen geführt und den Dualis- mus von „kühnster Spekulation und poli- tischer Unmündigkeit“ begründet. Dieses Luther-Bild floß in die Gestaltung des „Faustus“ ein. Der „musikalische Theolo- ge“ Luther findet sich wieder in dem theologisch geprägten Musiker und Kom- ponisten Leverkühn. In dem Vortrag „Deutschland und die Deutschen“ ist nämlich schon der Gedanke vorgeprägt, daß deutsche Innerlichkeit und damit die Musik teuflisch tangiert sind. Thomas Mann sagt nämlich: „Die Musik ist dämo- nisches Gebiet“. Und schon hier bringt Thomas Mann jene Formel, die dann im „Faustus“ wieder erscheint: „„Sie (die Mu- sik) ist christliche Kunst mit negativem Vorzeichen“. Der Kontext dieser Gedanken führte Schwöbel zu dem Schluß. daß Thomas Manns Luther-Bild ein ,literarisches Pro- dukt“ sei. Es erfährt eine grandiose Aus- gestaltung im „Faustus“. Und wieder zei- ge sich, daß der Vortrag „Deutschland und die Deutschen“ Gedanken des „Faustus“ vorpräge. Er endet nämlich mit den Wor- ten: „Der Gnade, deren Deutschland so dringend bedarf. bedürfen wir alle.“ Und im „Faustus“ haben wir am Schluß, so formulierte Schwöbel, einen „„Gnaden- monismus“, denn das Werk ende ja im Tief der Verzweiflung mit einer Hoffnung jenseits „letzter Hoffnungslosigkeit“. Es schließt mit Zeitbloms Worten: “Gott sei eurer Seele gnädig, mein Freund., mein Vaterland.“ In einem 1950 gehaltenen Vortrag be- nutze Thomas Mann Formulierungen der lutherischen Rechtfertigungslehre. Tho- mas Mann vertrete dort den Gedanken, daß das künstlerische Werk nicht recht- fertige. am Schluß stehe die Verzweif- lung, und ihr antworte die Gnade. Tho- mas Mann gelange jetzt zu einer General- revision seines Luther-Bildes. Äußerlich zeige es sich daran. daß er jetzt Werke über Luther liest. die authentischer sind als seine früheren Quellen. Thomas Mann stehe jetzt vor der Frage: „Wenn die Rechtfertigung der Person durch das Werk nicht gelingt, kann dann im Werk die Gnade erscheinen?“ Wir wissen es nicht, meinte Christoph Schwöbel., denn das Werk, das vielleicht die Antwort ge- geben hätte, „Luthers Hochzeit“, hat Tho- mas Mann nicht mehr schreiben können. ek Lübeckische Blätter 1998/18 283
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