Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

Vor I50 Jahren in Lübeck: Reform oder Revolution dagegen die unabweisliche Pflicht, soweit die Mittel dazu geboten sind, dafür zu sorgen, daß den heran- wachſenden Staatsbürgern je nach ihren geiftigen und materiellen Mitteln die Gelegenheit geboten werde, die Gewerbe zu erlernen, welche ihnen ihre Exiſtenz als Bürger und Familienväter. gewähren können. Dazu iſt der Staat jedöch nur im Stande, sobald dem Ein- zelnen die Wahl seines Berufes freigelaſſen wird. Wenn diese freie Wahl gesichert iſt, wird die überall hervortretende weise Vertheilung der Anlagen und das persönliche Interesse eine den Verhältnissen entsprechende Ausgleichung herbeiführen. Ueberfüllte Gewerbe wer- den weniger gesucht werden als die, welche ein besseres Auskommen versprechen, und ein vielleicht augenblick- lich unnatürlicher Zuſtand wird alsbald wieder ein natürlicher werden. Die Erfahrung beſtätigt dies. Wenn der Staat dieſen Grundſat nicht feſthält, so begeht er, wie gesagt, eine Ungerechtigkeit, überdies ſtellt er ſich auf das Gebiet der Willkür. Denn bei welchem Gewerbe soll er die beanspruchten Beſchrän- kungen eintreten lasſen? Welches Gewerbe iſt nicht überfüllt? Um bei Lübeck stehen zu bleiben, so frage man ein- mal darnach. Alle Gewerbe, namentlich alle Hand- werke, werden über Ueberfüllung klagen, zum Theil mit Recht, meiſtentheils mit Unrecht. Aber gesetzt einmal, sie wären sämmtlich überfüllt, würde man dann zu einer Beschränkung der Theil- nehmer greifen dürfen? Gewiß nicht! Besser iſt es immer, der Bevölkerung die Möglichkeit zu einem dürftigen Erwerb in einem die Ausbildung von gewissen Fähig- keiten erfordernden Gewerbe zu gewähren, ihr Gelegen- heit zur Erlernung eines Gewexbes zu bieten, welches dem Einzelnen die immer noch nicht mangelnde Aus- sicht auf ein Fortkommen im Auslande eröffnet, als solche Gewerbsbetriebe einzelnen Bevorzugten, nament- lich den Söhnen der bis dahin Begünstigten vorzu- behalten, und die ganze übrige Bevölkerung in die Classe der bloßen Handarbeiter zu verweiſen, in die Claſſe, welche mehr denn jede andere der Abhängigkeit von einzelnen Menschen und von Zufälligkeiten preisgege- ben iſt, in welcher bis zur gänzlichen Armuth nur ein kleiner Schritt zu thun iſt. Das hieße sie zum Prole- tariat zwingen. Das kann und darf der Staat nicht thun. Und wo solches verlangt wird, da müssen die Behörden mit der größten Entschiedenheit widerſtehen. Hier handelt es sich um den Schutz gerade der Bedürftigſten. Mögen daher auch diese sich über den Character der neueſten Bewegungen nicht täuſchen. j Wir hielten es für nothwendig, diesen Gesichtspunkt hervorzuheben; denn so sehr wir auch der Vereinigung der Gewerbe in Corporationen und insbesondere der Zünftigkeit des Handwerks das Wort reden möchten, so entſchieden halten wir uns für verpflichtet, Auswüchsen derselben und namentlich der Geltendmachung von Son- derinteresſen zum Nachtheil des gesammten Gemein- weſsens und zumal des vom Schickſal minder begünstig- ten Theils der Bevölkerung mit Bestimmtheit entgegen- zutreten. 105. desystems unter Schaffung einer sechsten Klasse, die die bisher unvertretenen Einwohner zusammenfassen sollte. Allein der Senat blieb fest; schließlich konnte sich auch die Bürgerschatt, namentlich dank der unermüdlichen Tätigkeit des Berichterstat- ters, des späteren Bürgermeisters Dr. Theodor Behn, dem Ge- wicht seiner Gründe nicht mehr entziehen. Als sich die Bürger- schatt zur endgültigen Entscheidung am 9. Oktober 1848 zur Sitzung im gewohnten Versammlungslokal, der Reformierten Kirche, zusammenfand, zeigte sich bald, daß der von Behn et- was modifizierte Senatsantrag siegen würde; das allgemeine und gleiche Wahlrecht schien gesichert. In diesem Augenblick - man befand sich in den Nachmittagsstunden bereits bei der Ab- stimmung - ereignete sich jener einzige ernsthafte, für die Alt- lübecker Verhältnisse so unendlich bezeichnende Volksauklauk, der in einem bekannten Kapitel der „Buddenbrooks“ dichte- risch festgehalten worden ist: eine tobende Volksmenge, die sich in der Königstraße vor der Reformierten Kirche angesam- melt hatte und die schließlich auch in den Sitzungssaal selbst eindrang und die Abgeordneten tätlich zu bedrohen begann, kor- derte - Ablehnung der Senatsvorlage auf Einführung des allge- meinen und gleichen Wahlrechts! Es wäre unmöglich, diesen sonderbaren, jeder revolutions- geschichtlichen Erfahrung und Erwartung geradezu ins Gesicht schlagenden Vorgang zu begreifen, wollte man sich nicht daran erinnern, in wie hohem Maße der Schwung der gesamtdeut- schen Revolution von 1848 durchsetzt und durchkreuzt wurde von Partikularistischen und historischen Reminiszenzen oft kleinlichster Art. Eben diese Revolution, die beispielsweise in Südcdwestdeutschland zu den radikalsten und blutigsten demo- kratischen Folgerungen im badischen und pfälzischen Aufstand führte, sah in Lübeck die gleichen Klassen der kleinen Gewer- betreibenden, Angestellten und Gesellen als ängstliche Hüter altüberkommener Bindungen. Die weitverbreitete wirtschaftli- che Not, die anderswo schon kommunistische Tendenzen her- vorriek, verursachte in Lübeck, wo die Masse der Bevölkerung noch vom handwerklichen Kleinbetrieb lebte, eine panische Angst vor der Aufhebung der alten zunftmäßigen Berufsbe- schränkungen; von der Gewerbefreiheit, deren Einführung überall in der Luft lag, erwartete die Masse der Lübecker Hand- werktreibenden den gänzlichen Ruin und die Arbeitslosigkeit. Diesem zunächst unüberwindlich scheinenden Vorurteil war durch die erwähnte ständische Klassengliederung des Wahlsy- stems Rechnung getragen worden; in der Einführung des allge- meinen und gleichen Wahlrechts sah man - nicht ganz zu Un- recht - einen ersten Schritt zur Gewerbefreiheit. So gern also auch die „Einwohner“ künftig in der Bürgerschaft vertreten sein wollten, so unbedingt beharrten sie darauf, daß das nur im Rah- men der ständischen Gliederung geschehen dürfe; die drohende Ablehnung dieses Vorschlages hatte die Massen auf die Straßen getrieben. Vom Standpunkt der gesamteuropäischen Entwicklung wa- ren diese Befürchtungen kurzsichtig, Senat und Bürgerschaft daher im Recht, als sie sich, unbeeinflußt von dem Volksauflauf vom 9. Oktober, zur Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts entschlossen. Die Gewerbefreiheit ist dann tatsäch- lich erst I866 in Lübeck als einem der letzten deutschen Staaten eingeführt worden. Die Periode der innerpolitischen Umgestal- tung Lübecks war jedoch im November 1848 im wesentlichen abgeschlossen; die weitere Entwicklung verlief ohne Störung in der einmal eingeschlagenen Bahn. Der Gedanke der Reform hatte sich in Lübeck als stärker erwiesen, als der der Revolution. Aus: Ahasver von Brandt, Lübeck und die deutsche Erhebung 1847-1848. Gedenkschrift zur Hundertjahrfeier der Revolution, Lübeck, 1948 252 Lübeckische Blätter 1998/16 Dri ger Lül unc WO! LET Büi wal Ie 193 grü der SEN aus Eis bis ren geh len inté ten bei ihre der Dr. Fra Lübe
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