Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

Braucht Lübeck mehr Kultur? Braucht Lübeck mehr Kultur? „Die Stadt nutzt ihre Chancen nicht.“ So prangerte Franz Willnauver Anfang März, nur wenige Monate, bevor er nach dreijähriger Tätigkeit als Direktor des Schleswig-Holstein Musik-Festivals aus- schied, die Lähmung im Kulturleben Lü- becks an („Lübecker Nachrichten“ vom 8./9. März). Willnauver, vorher fünf Jahre Generalsekretär der Salzburger Festspie- le, sieht Lübecks Zukunktt allein in der Kultur und meint provokant, daß Lübeck „nicht durch seine Industrie gegen andere Stäclte bestehen könne, sondern durch sei- ne kulturellen Potentiale“. Diese Kritik ist aus der Perspektive eines vor allem im Kulturmanagement Aktiven nur allzu ver- ständlich, trifft auch darin. daß in Lübeck die kulturelle Fülle „als ständiges Ereig- nis gar nicht wahrgenommen“ werde. Kultur in Lübeck mit ihrem besonde- ren Kennzeichen einer bürgerlichen, je- doch weltoffenen Haltung ist nur in Ge- meinschaft mit Wirtschaft und Politik zu fördern. Ohne den Hintergrund einer viel- seitig soliden Wirtschaft kann Lübeck nicht gedeihen und konnte sich auch bis- her Kultur in Lübeck nicht entfalten. Das läßt sich schnell belegen, blickt man auf das über Jahrhunderte beachtliche Mäze- natentum in Lübeck und auf den heute noch bedeutsamen Einsatz wirtschaftli- cher Förderer. Dennoch hat Willnauers Hinweis offenbar wenig Spuren in der Stadt hinterlassen. Allerdings wirkt seit- dem doch in einigen Köpten, die es ehr- lich mit der Weiterentwicklung des kultu- rellen Lebens in Lübeck meinen, die von Willnauer aufgebrachte Vorstellung nach, Lübeck könne so etwas wie das „Salzburg des Nordens“’ sein. Hans Mlillies zum Beispiel setzt sich mit Willnauer auseinander, wenn er in seiner kritischen Rückschau auf das 13. Schleswig-Holstein Musik-Festival schreibt: „Lübeck ist ständig eine Musik- stadt‘, in der diese Kunst das ganze Jahr über Saison hat‘ mit „einer Überfülle mu- sikalischer Aktivitäten (,Lübeckische Blätter“ vom 12. September). Er beklagt aber zugleich: „Offensichtlich bahnt sich eine Verlagerung an“, weil er „Kiel in die- sem Jahr mit auffallend vielseitigem Pro- gramm bedacht“ sieht, und er fragt be- sorgt: „Verabschiedet sich das Musik- Fest aus dem Bewußtsein der Bürger?“ Die Vorhaben des nächsten Jahres geben seiner Sorge recht. Schon wird das Eröff- nungskonzert 1999 in die Ostseehalle nach Kiel verlagert, und für das Ab- schlußkonzert wird die Spielstätte noch gesucht. Lübeck ist nicht mehr selbstver- ständlich Ort für das Eröffnungs- und Schlußkonzert und dadurch wesentlich in das Festival eingebunden. Nun ist das sommerliche Festival kei- ne Einrichtung Lübecks. Außerdem lebt das Festival zu einen Großteil von der Idee der ländlichen Spielstätten und der über Schleswig-Holstein verteilten Auf- kührungen. Auch bleiben die Meisterkur- se in der Musikhochschule. Dennoch be- steht die Gefahr, daß die neue Festivallei- tung durch Christoph Eschenbach und Rolk Beck Lübeck weniger beachtet. Die Stadt muß hier gegensteuern. Und die Stadt sollte mehr noch durch Eigenes ihre Bedeutung, ihre Besonder- heit und ihre Fähigkeit hervorheben. Das tut sie bereits mit einigen Vorhaben, die weithin, auch über Landesgrenzen, Aner- kennung gefunden haben. Das Brahms- Festival mit seiner kammermusikalischen Ausrichtung ist ein Beispiel, allerdings liegt die Initiative bei der Hochschule, die vom 13. bis 27. September stattfindenden Kirchenmusikwochen sind ein weiteres, allerdings liegt hier die Organisation bei einigen aktiven Kirchenmusikern. Die Li- teratur findet in den Symposien zu Tho- mas und Heinrich Mann weltweite Be- achtung, und die Nordischen Filmtage nutzen eine Idee, für die gerade Lübeck sich besonders anbietet. Sie vereinigen die Filmschaffenden des ganzen nordi- schen Raumes. Lübecks Werbeslogan als „Tor zum Norden“ ist hier besonders sinnfällig. Dieser Slogan ist sinnkräftig auch durch die Anfang September abgehaltene siebente Parlamentarische Kontkerenz. Wenn sich die Zusammenarbeit der An- rainer weiterhin vertieft, könnte das für Lübeck, das sich durch seine historische Rolle als Hansemetropole am Mare Balti- kum dafür empfiehlt, von großer Bedeu- tung werden. Daraut vorausschauend hin- zuweisen, sollte zukunktsträchtiges und werbewirksames Handeln hervorrufen. Aber wo bleibt die Stadt? Gerade war in der Tagespresse zu lesen, daß Herr- mann Junghans, seit Ende April Vorsit- zender im Kulturausschuß, das Fehlen ei- ner „kulturpolitischen Konzeption“ be- klagt („Lübecker Nachrichten“ vom I16. September). Wie Willnauer sieht er für Lübeck die Chance, die Rolle einer Kul- turhauptstadt des Nordens zu spielen. Sei- ne Ansätze sind die Museen. Unverständ- lich allerdings, daß er dem Theater nur regionale Bedeutung zumißt. Denn LEra- de hier hat Lübecks Wirschaft Wege ge- wiesen, die in die Zukunft führen. Dazu gehört der „Markt der Völker in Lübeck“, zum dritten Male abgehalten und in die- sem Jahr Kolumbien gewidmet, dazu LE- hörten die „Polnischen Kulturtage‘ vom 28.8. bis 6.9. mit der Fülle von Veranstal- tungen, die Kultur im umfassenden Sinne spiegeln: vom Essen über Literatur, Male- rei, Film und Konzert bis hin zum Tanz- theater. Und gerade das letzte, das Tanztheater Posen/Poznan, heben wir besonders her- vor, weil hier, wie schon bei dem „Markt der Völker“, in dessen Rahmen am I. Juni die kolumbianische „Companie Triknia Käbbelioz“ in den Kammerspielen auf- trat, eine Sparte der Theaterkunst von sich reden machte, die wie keine andere über die staatlichen Grenzen hinweg verstan- den wird, weil sie ohne Sprache aus- kommt. Lübeck hat als Metropole für Musik, nicht zuletzt durch seine renommierte Musikhochschule, für Film und für Lite- ratur bereits einen Namen. Malerei mit nordischem Akzent, eine Art Dokumenta des Nordens oder Jahresschau nordischer Künstler, oder/und ein Festival für Tanz- theater mit Blick auf das, was im Ostsee- raum mit seinen Anliegerstaaten geboten wird, könnten das Angebot wesentlich er- weitern und ergänzen, Presse, Teilnehmer und Kunstinteressierte, auch neugierige Touristen in die Stadt locken. Solch ein nordisch-internationales Treffen von Tanzcompanien trüge Lübecks Namen weiter, wertete die idealistisch arbeitende Lübecker Tanzcompanie auf, machte auch das Fehlen einer eigenen Tanzsparte am Theater erträglicher, nachdem das Ballettensemble des einst als Drei-Spar- ten-Theater geführten Lübecker Hauses an der Beckergrube verabschiedet wurde. Das Ballett fehlt in Lübeck, während sich die Bühnen der Landeshauptstadt Kiel weiterhin eine über zwanzig Tänzer um- fassende Truppe leisten können. Fantasien? Vielleicht, aber doch reali- sierbare, wie wir am Beispiel einer ver- gleichbaren Stadt, an dem norditalieni- schen Bozen, in einer der nächsten Aus- gaben zeigen möchten. Arndt Volz 238 Lübeckische Blätter 1998/15 O No . schl: ner nien trau. Fluſ Stad viel. ser . mit . / sche scha dern daf tet fi LE TI Heft [ 199 schu Wak Öffn Ges: Ges: mer ausge Wak (für und zu ] tung é Schr Schyv wir, hätt. wen. stan he v reiz, scha besc Som ge! Sep! denl ] mitgs sem cher einfi Fols Zzurü sche sch nich vom. Lübec
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