Volltext: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

Lübecks Altstadt - immer ein Erlebnis!? Sehr persönliche An- und Einsichten eines geborenen Lübeckers Lübeck ist eine schöne Stadt: die hi- storischen Bauten, das Ambiente. das Flair. Gerade bei schönem Wetter offen- bart sich die ganze Pracht der Hanse- stadt: Flanierende Menschen, gute Stimmung, interessante Veranstaltun- gen; hier lohnt es sich zu leben... ...oder vielleicht doch nicht? Denn manchmal überkommt einen auch eine ganz andere Stimmung: Ein Zustand schwankend zwischen Traurig- keit und Verblüffung. Warum das? Viele originelle und attraktive Geschiätte, aber auch Schauerliches: in der Müh- len-, Holsten- und Breiten Straße, zu- letzt in der Große Burgstraße ein Laden, in dem alles einen Dollar kostet, ein Geschäft, das einen auffordert, „zuzu- schnappen“, ein Teppichhändler, der über Lautsprecher seine Ware im ,..To- tal-Räumungsausverkauf“ feilbietet. aber fünf Jahre Garantie verspricht. Reißerisches und Marktschreierisches leider immer mehr, Traditionelles und Originelles immer weniger. Es fällt mir als „altem“ Lübecker auf, daß viele traditionsreiche Geschäf- te schon längst nicht mehr am Platz sind, zum Beispiel in der Großen Burg- straße: die Schlachterei Diesterer und das Feinkostgeschäft Rühlicke sind längst verschwunden, jüngst auch noch das Schuhgeschäft Bucholz. Da mögen wohl die derzeitigen Umbaumaßnah- men eine Rolle spielen - aber ist es das allein? Auch in der Breiten Straße: wer erinnert sich noch an das Wäschehaus Behn oder das Lampenhaus Müller? Warter hat bereits eines seiner Häuser in der Breiten Straße geschlossen, Haerder will sein Haus Breite-/Ecke Wahmstraße räumen. Schauen wir zum Beispiel in die Hol- stenstraße: dort haben sich auch schon viele angestammte Einzelhändler wie Schartl verabschiedet, aber auch Filiali- sten wie Bata, Jeans und Blazer und Werdin sind weg. Warum nur? Bei der Erreichbarkeit der Holstenstraße hat sich seit über 20 Jahren nichts geändert und wird sich so schnell auch nichts än- dern. Belastet Lübecks Ruf als „L ESPETIT- te Stadt“ selbst Bereiche, die nie von der Verkehrsberuhigung betroffen waren? Eine weitere Unart, die die Altstadt befallen hat, ist die Aufstellung von so- genannten „Passantenstoppern“ alleror- ten. Man läuft stellenweise geradezu Slalom durch die zahlreichen Aufstel- ler, Aktionsstände und Wühltische, die sich einem in der Fußgängerzone in den Weg stellen. Ich weiß es nicht, möchte auch keine Prognose stellen oder gar jemanden die Schuld in die Schuhe schieben: Mich stört nur der an einigen Punkten massi- ve Billigtouch, der sich einem in unse- rer Altstadt, immerhin UNESCO-Welt- kulturerbe, an einigen Punkten gerade- zu aufdrängt. Ich wünsche mir für die Lübecker Altstadt mehr Aufenthaltsqualität: mehr Grün, mehr Bänke, mehr schöne Brun- nen, noch mehr attraktive Geschäfte - wie zum Beispiel in der Hüxstraße - ; aber auch weniger fliegende (Teppich-) Händler und Schnäppchenläden. Nur ein frommer Wunsch? Hoffentlich nicht! Eine Menge muß getan werden, innerhalb eines Leitbildes für Lübeck muß auch die Altstadt-Identität klar de- kiniert werden. Die Innenstadt kann weder grüne Oase noch Wohnreservat werden, sie ist auch Arbeitstätte und Einkaufsziel für leider immer weniger Menschen. Sie ist ein Multifunktionsort, in dem kulturel- le, baudenkmalpkflegerische, anwohner- spezifische aber auch wirtschaftliche Interessen nebeneinander existieren. Die Anwohner müssen begreifen, daß es Zentralität und grünes Idyll nicht im Doppelpack gibt. Wer in der Altstadt wohnt, muß auch Kompromisse schlie- Ben, auch mit den ach so verhaßten fremden (Kunden-)Autos. Die Altstadt war immer ein Ort des Handels und des Verkehrs; sollte es uns nicht nachdenklich machen, wenn der Einzelhandel sich immer mehr von der Innenstadt verabschiedet und die Kun- denverkehre zu anderen Zielen abwan- dern? Es ist Zeit zu handeln ... Nicolaus Lange Leserzuschriſten 100 Jahre Lübecker Orchester - Konzert am 26./27. April Zur Leserzuschrift von Walter Runge in Heft 11 der „Lübeckischen Blätter“ In Heft 11 beklagt sich Herr Walter Runge in einer Leserzuschrift, daß die am 26./27. April uraufgeführte Sinfonie von Friedhelm Döhl nicht nur sehr posi- tiv von Herrn Arndt Voß in den ,Lübek- kischen Blättern“ besprochen wurde, sondern überhaupt mit großer Zustim- mung bedacht wurde. Er bezeichnet dieses musikalische Werk als „wahrhaft groteskes Durcheinander“ und ,„„Spekta- kel“. Ich bin zwar ebenfalls wie Herr Runge musikbegeisterter Laie und eifri- ger Konzertbesucher, gleichwohl kann ich seine heftige Kritik nicht teilen. Ich kfinde Döhls Auftragswerk für unser Philharmonisches Orchester interessant und bemerkenswert; doch - wie es gera- de bei moderner Musik nun mal so ist - stößt neuere, das heißt ungewohnte Mu- sik bei vielen Musikliebhabern, die der klassischen Musik sich ausschließlich 206 verbunden fühlen, auf wenig Gegenlie- be und wenig Toleranz. Fairerweise kann ich für die Ablehnung etwas Ver- ständnis aufbringen, aber andererseits sollten diejenigen, die der modernen Musik kein bißchen Sympathie zollen, denjenigen, die dieser Musik Beach- tung und gar Achtung erweisen, zumin- dest Wohlwollen bekunden. Wie überall in der Kultur- und Kunstbeurteilung - und damit auch in der Musikwürdigung ~ gibt es keine allgemeingültigen Auf- kassungen, sondern Meinung und Ge- genmeinung; Zustimmung und Ableh- nung, Beifall und Empörung treffen aufeinander. Damit muß man leben und kann man gut auskommen, wenn man sich tolerant zueinander verhält, denn eine Uniformität des Denkens wäre nicht wünschenswert und nicht mach- bar; die eigene Meinung ist ja gut, aber die andere - abweichende - Auffassung hat immer auch was für sich! Folglich sollten wir doch - ohne „böse Worte“ - zum Ergebnis kommen: Herr Runge findet nach seinem Musik- verständnis Döhls Sinfonie als mißlun- gen, ich dagegen erachte sie nach ,.mei- nem Geschmack“ als wirkliches Ge- schenk - „Geschenk“ als „musikalische Gabe“ an unser Orchester verstanden -, das in unsere Zeit paßt! Beide Auffas- sungen stehen sich hart gegenüber, je- doch beide Meinungsgegner treffen sich in Übereinstimmung wieder bei Brahms - hier beim Hören der Sinfonie Nummer 3 F-Dur opus 90. Karl Egon Bichel Das Modell Maastricht - Vorbild für Lübeck? Zum Aufsatz von Doris Mührenberg in Heft 10 der „Lübeckischen Blätter“ Selbstreflexion und ùSelbstkritik scheinen in Lübeck besonders nötig zu sein, da wir auf der einen Seite das be- deutende Weltkulturerbe um uns haben, andererseits die vielen der Altstadt eher negativ Gegenüberstehenden, die mit Lübeckische Blätter 1998/13 PI! FIP
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.