Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

Mit der Overbeck-Gesellschaft auf Studienreise an die Côte d’Azur Vom 28. März bis 10. April führte die Overbeck-Gesellschaft eine Studi- enfahrt an die Côte d’ Azur durch. Die Leitung hatte Dr. Hella Ostermeyer, die den Mut besaß, mit immerhin 47 Teil- nehmern und Teilnehmerinnen das Un- ternehmen zu wagen. Mit Souveränität, großem Elan und ansteckendem Humor schaffte sie es, die Gruppe pünktlich und zielsicher zu führen. Hella Oster- meyer hatte im Vorwege mit eigenem Personenwagen die Reiseroute ausge- kundschaftet, alle Reiseziele, Buspark- plätze und örtlichen Reiseführer in Au- genschein genommen und erforderliche Unterlagen besorgt. Auf der Reise selbst wurde sie unterstützt von dem Schweizer Busunternehmer Knöpfkel, ausgestattet mit eisernen Nerven, gutem Ortssinn, viel Geduld und Humor. So landeten alle abends wieder sicher und müde im Hotel in Vence, ein Quartier, geradezu ideal gewählt für Ausflüge an die Côte d Azur. Allein schon die Namen der Städte wie Menton, Villefrachne, Cagnes-sur- Mer, Nizza, Mougins, Grasse, Saint Tropez. Cannes, Fréjus, Biot, Vallauris und nicht zuletzt Saint Paul de Vence versprechen südliches Flaire, Sonne, ganz besonderes Licht, vielfältige Ar- chitektur, Menschen verschiedenster Herkunkt, bezaubernde Gerüche, Blu- men, Speisen ... und natürlich Kultur! Nizza/Nice hat nach Aussage einer der drei kompetenten Reiseleiterinnen nach Paris die meisten Museen. Das Licht war der Grund für die gro- Ben Meister der klassischen Moderne, sich an der Côte d’ Azur anzusiedeln. Den weitesten Weg hatte Marc Chagall hinter sich, vom fernen Witebsk in Weißrußland über diverse Stationen sei- nes langen Lebens bis Saint Paul de Vence, wo er auch auf dem Friedhot be- erdigt liegt. Marc Chagall, der Poet un- ter den Malern, dessen 17 große Gemäl- de der biblischen Botschaft, entstanden zwischen 1954 und 1967, im „Musée National Message Biblique Marc Cha- gall“ in Nizza ihren zugedachten würdi- gen Platz gefunden haben, war zwar im offiziellen Programm der letzte Höhe- punkt, für die Mitverfasserin dieses Ar- tikels aber das Erlebnis überhaupt. „.Ich habe die Bibel nicht gelesen, sondern geträumt“, behauptete Chagall von sich selbst. Während seiner Kindheit vermischte sich in seiner Seele das Wort des Bu- ches mit den Bildern des Alltags, so dal jene Synthese entstand, die wir Cha- galls Welt nennen können. Lübeckische Blätter 1998/13 Der Klassiker sozialer Malerei, neu entdeckt: Fernand Léger. So stand es in „Die Zeit“ vom 15.7.1997. Auch für die Mehrzahl der Mitreisenden war Léger eine Neuentdeckung. Léger ist einer der großen Maler unseres Jahrhunderts. „Gegenüber den klassischen Repräsen- tanten des Kubismus, Picasso und Bra- que, zunächst unterschätzt, gilt er in- zwischen als einer der ,bahnbrechen- den‘ Künstler der Heroengeneration‘ - eine Klassifizierung, die sich vor allem auf sein stilprägendes Frühwerk be- zieht“, so Nicholas Serota. Eines der Hauptanliegen Légers war die Kulturvermittlung an den proletari- schen Arbeiter. Bei Léger ist alles ein- fach, groß, deutlich und übertrieben, Grundregeln der Werbung. Mit seinen Bildern hält die Asthetik der Reklame Einzug in die Malerei, und dieses be- reits in den frühen zwanziger Jahren! Riesige Mosaiken, Gemälde, Plastiken und großformatige Keramiken zeigt das didaktisch gut konzipierte Museum in Biot, das den Namen des Künstlers trägt. Auch Jean Cocteau war für einige noch recht unbekannt. Er „begegnete“ uns recht häufig auf unserer Reise, un- ter anderem in Menton, einem Städt- chen direkt an der Grenze zu Italien, das im Ruf steht, das wärmste Seebad an der Côte d’Azur zu sein. Hier hat Coc- teau Teile der Front eines aus dem 17. Jahrhundert stammenden Forts mit Mo- saiken aus Kieselsteinen dekoriert, so zum Beispiel „Die Liebenden von Men- ton“. Im Inneren faszinierte alle der Wandteppich „Juthci und Holofernes“. Dieser bot Gelegenheit zu einer langen und intensiven Diskussion. Im Rathaus von Menton hat Cocteau den Hochzeits- saal komplett nach seinen Vorstellun- gen ausgestattet. Die Ausgestaltung der Kapelle Saint Pierre in Villefranche war ein langge- hegter Wunsch Jean Cocteaus. Sie stellt unter anderem Stationen aus dem Leben des Apostels Petrus dar, symbolisiert aber zudem auch Gott als „Fischer menschlicher Seelen“. Wir durften Villefranche bei herrli- chem Sonnenwetter erleben. Die farbi- gen Häuser, die bunten Boote, das Blau des Wassers und des Himmels boten viele schöne Fotomotive. Viel weniger Glück mit dem Wetter hatten wir beim Rundgang in Antibes und der Besichtigung der Grimaldi- Burg, dem jetzigen Picasso-Museum. 1946 bot man Pablo Picasso einen Teil der Burg als Atelier an. In einer einzi- gen Saison entstanden unzählige Wer- ke, größtenteils von Lebensfreude und Phantasie geprägt. Ihre Themen ent- stammen zumeist der mediterranen Welt und ihren Mythen. Es war eine be- sonders glückliche Zeit für Picasso. Hier lebte und arbeitete er zusammen mit Francoise Gilot, der Mutter seiner beiden Kinder. Er nimmt seine Lebens- gefährtin und Kinder als Modelle. er malt, lithographiert, bildhauert und töp- fert. Das großformatige Werk „Lebens- freude“ (Joie de vivre) zeigt unter ande- rem Frangoise Gilot als Pflanze gestal- tete Frau inmitten ausgelassener Satyrn und Zicklein. Vor dem Bild „Die Ziege“ saß übrigens eine Grundschulklasse mit einer Kunsterzieherin, alle hoch moti- viert und konzentriert. Diese Begeben- heit war nicht die einzige dieser Art auf unserer Reise. Die Ziege, recht häufig von Picasso dargestellt, ist übrigens ein Wappentier der Stadt Antibes, dessen Ehrenbürger Picasso geworden ist. In Vallauris, mitten auf dem Marktplatz im Schatten zartgrüner Platanen, steht die Picasso-Skulptur „L’Homme au Mou- ton“ (Mann mit Schaf). Direkt dahinter im „Chateau Musée“ befindet sich in ei- nem Extraraum Picassos jüngst restau- riertes Werk „La Guerre et la Paix“ (Krieg und Frieden). Den Abschluß die- ses „Picasso-Tages“ bildete ein Besuch der Galerie Madoura, in der außer Pi- casso auch Chagall und Matisse ihre Keramiken gebrannt haben. Ein kleiner Spaziergang vom Hotel in Vence aus - vorbei an der einstigen Villa des Künstlers - führte uns zur „Rosenkranzkapelle“, ausgestattet mit Werken von Henri Matisse in der Zeit von 1949 bis 1951. Er entwarf die nur in blau und gelb gehaltenen Glasfenster und führte die Wandmalereien - schwarze Linien auf weißen Kacheln - selbst aus. Es sollte sein letztes großes Werk sein, bevor er fünfundachtzigjäh- rig in Nizza starb. Das Matisse-Mu- seum in Nizza bietet die einmalige Ge- legenheit, die Entwicklung des Künst- lers in seiner ganzen Vielfalt nachzu- vollziehen. Vor allem jedoch die Rein- heit der Linien, die scheinbare Leich- tigkeit der Kunst Matisses bezauberte immer wieder. Saint Paul de Vence ist auf einem Hügel gelegen, umgeben von fruchtba- ren Tälern. Die Silhouette der Stadt ist weithin sichtbar und bietet ein reizvol- les Landschaftsbild. Dieses mittelalter- liche Städtchen wurde in den zwanziger Jahren von Malern wie Signac, Mo- digliani, Bonnard und Soutine „.,ent- 203
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