Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

Ze Hit um Verlängerung der Ihnen gesetzten Frist von zwei Jahren nachzusuchen. In diesem Schreiben versprachen sie nun, ihr Stadtrecht und die Polizeiordnung bis Michaelis (1586) fertigzustellen, und führten dazu aus, daß sie das lübi- sche Recht dafür zum Höchsten nöttig hätten, zum einen, weil sie die darin ge- regelten Materien nicht noth hetten, in unser (das heißt der Rostocker) Ord- nungen zubringen, zum andern, weil sie das, was dem lübischen Rechtt mangeln möchte ... in unser besonderen Ordnun- gen und Stattrecht so viel beßer vorse- hen konten. Wiederum entschuldigten sie die Fristüberschreitung damit, daß, obwohl sie, die Rostocker, zur vielmah- len bei den Erbaren von Lübeck unauff- hörlich angehalten, die Lübecker sie Acht Jahr hero gewiße vertröstett ..., vom Vierthel Jahren zu vierthel Jahren. Aber der Rat verschwieg - vielleicht wegen der Bitte des Lübecker Rats um Geheimhaltung bis zur Publikation und der Zusage der Rostocker Abgesandten de nan divulgando, vielleicht aber auch, um Zeit zu gewinnen -, daß das ab- schließende Konzept des lübischen Rechts ihnen schon Mitte des vorigen Monats (Dezember 1585) zugegangen war. Der Fortgang der Sache in den Nachbarstädten ist nicht Gegenstand dieser Abhandlung. In den folgenden Abschnitten soll nur nochmals der Fra- ge nachgegangen werden, wann das lü- bische Recht nach sechsjähriger Arbeit „Publiziert“ worden ist, das heißt wann der fertige Druck dem Rat vorlag und dem Publikum zugänglich war, und ob der Rat neben dem (hoch)deutschen Text auch eine lateinische Fassung her- ausgegeben hat. Der Zeitpunkt der Publikation des Revidierten Stadtrechts Der Rat zu Lübeck hat den Nachbar- städten bei Übersendung des Exemplars am 14. Dezember 1585 keineswegs Ge- legenheit zu einer weiteren Stellung- nahme gegeben, sondern es ihnen, wie ausgeführt, nur zu internem Gebrauch überlassen. Der Rat bezeichnet es selbst auch nicht als Entwurf, sondern als co- piam revidirten Lübischen rechtens. Nach diesem Schreiben lag das Konzept also am 14. Dezember 1585 (oder, wie der Sekretär Rehbein schreibt, schon wenige Tage zuvor) fertig vor, und der Rat war in arbeit (das heißt dabei), mit der Publikation fürderlichst zuvorfha- ren, das heißt sie schnellstmöglich auf den Weg zu bringen. Man kann anneh- men, daß der Druckauftrag anhand des fertigen Manuskripts sofort erteilt wor- den ist. Wielange brauchte Balhorn für die Ausführung des Auftrags? Jeden- falls erscheint es möglich, daß die er- Lübeckische Blätter 1998/12 sten Exemplare des Stadtrechts Anfang des folgenden Jahres 1586 vorlagen und daß es zutreffen kann, was nach der Re- lation des Syndikus Dr. Calixtus Schein vom 8. Januar 1594 in dem in Lübeck anhängigen Rechtsstreit Rodebartt con- tra Krafft Campkferbecker Erben der Kläger (vom Gutachter und zugleich Mitverfasser des Revidierten Stadt- rechts unwidersprochen) vortragen ließ, daß nämlich ein am 20. Juli 1586 ge- sprochenes Urteil des Niedergerichts ein halb jhar nach publicirung des lübi- schen rechten ergangen sei. Dafür, daß das Druckwerk in Rostock in der ersten Hälfte des Jahres 1586 vorgelegen hat, spricht auch, daß der Rostocker Rat das gedruckte Lübische rechtt schon am 5. Juli 1586 auf dem Mecklenburgischen Gerichtstag zu Güstrow hat insinuiren laßen. Vielleicht findet sich noch ir- gendwo ein genauerer Hinweis, viel- leicht auf einem Druckexemplar, viel- leicht in einer Rechnung. Publikation einer lateinischen Fassung des Revidierten Stadtrechts ? Ältere Schriftsteller haben ange- nommen, dal der Text des Revidierten Stadtrechts auch in lateinischer Sprache publiziert wurde, so auch Stein unter Berufung auf Caroc. Das haben sie an- scheinend daraus gefolgert, daß Mevius in seinem Kommentar - den (deut- schen) Artikeln jeweils eine lateinische Fassung angefügt hat, was Stein aus- drücklich für keine bloße Übersetzung hielt, und daß auch die Herausgeber im Vorwort „An die Leser“ schreiben,. daß sie das Recht in unterschiedlichen Bü- chern und Tituln Teutsch und Lateinisch (haben) verfassen lassen. Aber dieser Satz kann sich durchaus darauf bezie- hen, daß der (ansonsten deutsche) Text tatsächlich etliche lateinische Ausdrük- ke enthält und insbesondere den Bür- chern und Titeln eine lateinische Nume- rierung beigegeben ist (zum Beispiel Liber primus, Titulus secundus) und daß die einzelnen Titel sogar in erster Linie lateinische Überschriften haben (zum Beispiel De consilibus et de decu- rionibus). Zudem befindet sich im Ar- chiv der Hansestadt Lübeck nur ein in hochdeutscher Sprache abgefaßtes Konzept, das (offenbar von Schein) in deutsch korrigiert ist. Auch im Archiv der Hansestadt Rostock hat der Verfas- ser (jedenfalls bislang) die am 14. De- zember 1585 übersandte „Copia“ des Revidierten Stadtrechts - ohne die eben genannten Korrekturen, also als Rein- schrift - nur als deutsche Handschrift vorgefunden, weshalb dieser Punkt hier noch einmal aukgegrifken wird. Schließ- lich spricht auch das Titelblatt des Erst- drucks davon, daß das Stadtrecht Auffs Newe übersehen / Corrigiret / und aus alter Sechsischer Sprach in Hoch- deutsch gebracht wurde; demgegenüber ist eine lateinische „Urschrift“ nirgends vorhanden. Man kann Ebel daher nur zustimmen, dals von einer lateinischen Fassung des Revidierten Stadtrechts keine Rede seinkann. Ergebnis Die zahlreichen Handschriften des lübischen Rechts waren im 16. Jahr- hundert in Vnordnung geraten und wi- dersprachen sich teilweise. Das nutzten die Landesherren aus, um von ihren Städten die Schaffung eines eigenen Stadtrechts (am liebsten sicherlich ohne die lübischen Freiheiten) zu verlangen und den Rechtszug an den (landesfrem- den) Lübecker Rat zu unterbinden. Hauptsächlich um ihre bisherige Unab- hängigkeit zu bewahren, drängten die Nachbarstädte Wismar, Rostock und Stralsund den Lübecker Rat zur bal- digen Revision des lübischen Rechts. Nach einer Konferenz am 29. Juni 1579, etlichen schriftlichen Vorstellun- gen und einer persönlichen Intervention des Wismarer Bürgermeisters Schabbelt schloß der Lübecker Rat die Revision im Spätherbst 1585 ab, nachdem die Ar- beit daran durch zahlreiche laufende Geschäfte immer wieder verzögert wor- den war. Der Lübecker Rat hat in der Vorrede zum Revidierten Stadtrecht darauf hingewiesen, daß ihrer Stadt Recht vor vierteinhalb hundert Jahren. von Kaiser Friedrich I. und allen nach- Folgenden Kaisern bestätiget und con- Firmirt worden sei. Das ist für die Be- fugnis, Recht zu setzen und Recht zu sprechen, unbestritten. Aber nach den Äußerungen des Rats stellt sich die Fra- ge, welche Texte jeweils von den nach- folgenden Kaisern bestätigt worden sind, und ob der Rat zur Zeit der Revi- sion eine klare Vorstellung davon hatte, daß der aus kleinsten Anfängen über Jahrhunderte auf über 400 Artikel ange- wachsene Text inzwischen mit fremden Rechten vermischt war. Zumal da der Rat in der Vorrede selbst davon spricht, daß allerley unrichtige / geschriebene und gedruckte Exemplaria, doch un- recht auffgemercket hin und wieder ge- sprenget und umbgetragen worden., würde es ein wenig verwundern, wenn der Rat oder die Redaktoren die aus dem „Archivio publico“ herangeschaff- ten Exemplare ohne weiteres in toto für das alte, echte. confirmirte lübische Recht gehalten haben sollten. Gesagt und geschrieben haben sie jedenfalls, daß das Recht (lediglich) neu überse- hen, von Antiquiertem befreit und in eine rechte Ordnung gebracht worden sei. Vielleicht gelingt es noch, den der Revision zugrunde gelegten Text näher zu bestimmen. 189
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