Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

diesen Jahrzehnten beliebte Thematik auf, ohne jedoch tat- sächlich der Text eines Fastnachtsspiels zu sein, wie zunächst vermutet wurde. Am Schluß des Buches steht aber eine im Zusammenhang mit dem Gemiäldezyklus beachtenswerte Aufforderung: „Uth dessem ghedichte machmen nemen (dem dat belevet) etlike sproke unde figuren, de up laken to malen efte andere kamer myt tho tzyren; unde de bylIde scholen ghe- malet wesen unde gheschicket, so alse de sproke luden, to vothe unde nicht ryden eft varen, men tho vothe reverencie beden allen, wor se komen unde na der rechtferdicheyt fra- gen, unde scholen den geck Henselyn by sick hebben in gek- kes unde doren klederen.“ Allerdings zeigt sich im Vergleich mit den Gemäldeversen, wie sie von Melle überliefert, so- gleich ein deutlicher Unterschied. Von Melle kennt nur e i n e n Suchenden, während es im „Henselyns boek“ drei Brüder in Begleitung des Narren Henselyn sind, der in der Aufforde- rung auch noch besonders hervorgehoben wird, während sich bei von Melle keinerlei Hinweis aut eine Narrengestalt fin- det. Zudem wird in den Gemäldeversen die „Rechtferdicheit to Vote unde to Perden“ gesucht, während das Reiten nach dem .„Henselyns boek“ ausdrücklich untersagt wäre. Eine unmittelbare Abhängigkeit des Kanzleigemäldes vom „Henselyns boek“ war nach dem Textbefund folglich nicht gegeben, so daß auch die Germanisten ihr Interesse an dem Verbleib des Gemäldes wieder verloren. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde in der nieder- deutschen Abteilung des Germanischen Seminars in Ham- burg ein Bild abgegeben. Wegen der schwierigen Situation unterblieb jegliche schriftliche Notiz zur Übergabe, zum Na- men des Schenkers und zur weiteren Herkunft. Der damalige Leiter der Abteilung, Conrad Borchling, bestimmte die unter dem Bild lesbaren Verse irrtümlich als Zeilen aus dem Lü- becker „Henselyns boek“ und bewahrte das Bild in der Hoff- nung auf intensivere Erforschung in ruhigeren Zeiten. In den Wirren der Nachkriegsjahre entschloß sich das Seminar, das Bild zuständigkeitshalber an das Museum für Hamburgische Geschichte abzugeben. Ausgestattet mit den wenigen von Borchling übernommenen Informationen wurde das Bild ordnungsgemäß katalogisiert als: „Gemälde (Teil einer Wandbespannung ?) um 1550 mit niederdeutschen Unter- schriften aus dem Henselin (Lübeck 1498 gedruckt), Her- kunft unbekannt. Überwiesen vom Germanischen Seminar. 17.7.1947.“ Da sich das Bild in einem bedauernswerten Zu- stand befand, die Darstellung durch nachgedunkelten Firnis und Verschmutzung kaum noch erkennbar war und es sich offensichtlich um ein Gemäldefragment handelte, wurde es auch im Museum wiederum in der Hoffnung auf bessere Zei- ten ins Depot gestellt. In den Jahren des Wiederaufbaus gab es Dringenderes zu tun, als sich eingehend um ein problema- tisches Bild zu kümmern, und so blieb es viele Jahre unbe- achtet, bis es 1982 bei grundlegenden Umbauarbeiten in den Depoträumen des Museums erneut ,.entdeckt‘“ wurde und sich zugleich glücklicherweise die Möglichkeit bot, dem Ge- mälde umfangreiche Forschungs- und später auch Restaurie- rungszeit zu widmen. Bei dem 122,0 mal 157,5 Zentimeter großen Gemälde handelt es sich eindeutig um einen Teil aus einem Bildfries, der in Felder geteilt gewesen ist. Die Leinwand ist über einen Holzrahmen gespannt und weist alte Dublierungen und Er- gänzungen auf. An der oberen, rechten und unteren Kante ist Beschnitt zu vermuten, während an der linken Seite deutlich erkennbar ist, daß hier ein Teil der dargestellten Szene fehlt. Das uns überlieferte Bildstück ist seinerseits durch eine an Postament, Basis, Schaft und Kapitell reich verzierte und kannelierte gemalte goldene Säule in zwei Einzelbilder ge- teilt, die aber, soweit das Fragment der linken Szene eine sol- che Behauptung zuläßt, eine parallele Bildkomposition zei- gen. Im rechten Teil sitzt innerhalb einer durch Bäume und 170 Laub angedeuteten Parklandschaft auf einer perspektivisch schräg zur Mitte verlaufenden Estrade eine weibliche ge- krönte Gestalt. Der vergoldete „Thron“ ist nur an den vorde- ren Seitenpkosten erkennbar. Die Sitzende wird umgeben von drei weiteren stehenden weiblichen Gestalten, die fast eben- so reich gekleidet und geschmückt sind wie die Sitzende, aber im Gegensatz zu ihr keine Krone tragen. Von links naht sich ein Mann, der eine Briefschaft oder ähnliches in der Hand hält und von einem Schimmel begleitet wird. Auf dem Fragment des linken Bildes wiederholt sich die Estrade, die jedoch hier in einen von palastartiger Architektur umgebenen Hok hineingestellt ist. Auf der Estrade steht ein perspekti- visch verzeichneter, ebenfalls vergoldeter Thronsessel mit hoher Rückenlehne, auf dem eine durch Zepter und Krone ausgezeichnete männliche Gestalt sitzt. Hinter ihr stehen drei Männer in Schaube und Barett. In der Farbgebung überwie- gen die braunen und roten Töne, zu denen sich Weiß, Schwarz, Gold und Gelb gesellen, während Blau in fast me- tallischer Färbung nur bei der Kleidung des sitzenden Man- nes und Grün nur in dem Blattwerk des rechten Feldes auftre- ten. Unter den Bildern verläuft ein Schriftfries. dessen Zeilen im linken Teil ausgelöscht und durch Rankenwerk übermalt sind. Die Verse unter dem rechten Bild lauten: „Godt gröte yw frouwen vam adel unde groten werdenn Ick söke de rechtferdycheyt tho vothe unde tho perdenn Ach gude frünth deß sy vann unß berycht Vunn der rechtferdycheyt weten wy aber nycht“. Die Suche nach der Herkunkt und dem ursprünglichen Be- stimmungsort des Gemäldes ging von der These aus, daß großformatige Bildzyklen mit Gerechtigkeitsthematik meist kür öffentliche Gebäude mit Rechtsprechungsfunktionen ge- schaffen wurden. Die Sprache der Verse deutete auf eine Ent- stehung im Gebiet des wendischen Quartiers der Hansestädte hin, zumal der alte - wie sich herausstellen sollte: unkorrek- te - Hinweis Borchlings auf das „Henselyns boek“ auch in diese Richtung zielte. Die Überprüfung aller in Frage kom- menden chronikalischen und baugeschichtlichen Überliefe- rungen führte in Lübeck durch den Vergleich mit von Melles Beschreibung des Gemäldes in der Alten Kanzlei sehr bald zum Ergebnis: Das Fragment ist ohne Zweifel ein Teil des Kanzleibildes und umfaßt die rechte Hälfte der zweiten Sze- ne und das vollständige dritte Bildfeld. Trotz dieser erfreulich eindeutigen Identifizierung blei- ben aber noch immer Fragen zur Datierung, zum Künstler und zum Auftraggeber offen. Solange das Gemälde selbst nicht herangezogen werden konnte, ging die germanistische und baugeschichtliche Forschung zur zeitlichen Einordnung von den Versen aus und nahm ein Entstehungsdatum unmit- telbar nach der Erbauung der Alten Kanzlei, auf jeden Fall aber vor 1500 an. Diese Datierung kann jetzt durch die Wie- derentdeckung des Gemäldefragments nicht aufrechterhalten werden. Bereits der erste Blick auf die dargestellte Kleidung widerlegt eine Einordnung in das späte 15. Jahrhundert; die von der Hokgesellschaft und dem Kaiser getragenen Gewän- der gehören der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts an und sind nicht vor zirka 1510 denkbar, da einzelne Elemente im Kleidungsstil erst in dieser Zeit auftreten. Den entscheidenden Hinweis zur genaueren Datierung aber gibt die Figur des Kaisers, die dem Typus des schlanken jungen Fürsten mit kurzem Haarschnitt und leichtem Kinn- bart angehört, wie er sich erst ab 1530 in der Kaiserikonogra- phie durchsetzt. Vorbild dafür war Kaiser Karl V., der sich 1529 in der Vorbereitung auf seine Italien-Fahrt und Krönung das bis dahin kinn- bis schulterlange Haar nach neuer italie- nischer Mode abschneiden ließ und gleichzeitig begann, sich einen kurzen Bart stehen zu lassen. Das neue Kaiserbild tritt ab 1529 in den Medaillen auf, und auch die beiden populär- Lübeckische Blätter 1998/11 v D” I I . © ) T © Q D: I © m À2E T N m. Ñ2 E. h O0© AQ th ~ D' M H h EQ. AQ. f B h ©0 C Q h A. A O ) t3 © S © MQ L 92 tr! tr d) © HO. [W. 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