Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

tional und vom Fluidum als ein durch- aus brauchbarer Raum für eine solche Veranstaltung. Mit viel Aufwand hatte man allerdings die notwendige Technik installieren müssen. Das Fest hatte zur Freude der Veran- stalter nach schleppendem Vorverkauf dann am Abend ein großes Publikum gefunden. Die Halle war zu einem Großteil besetzt, als die Tänzer aus Schwerin zunächst im „Andante poco a poco presto ma non troppo‘ in ironi- scher Spiegelung in ihren pastellfarbe- nen Kostümen klassisches Ballett de- monstrierten. Es folgte die Urauffüh- rung der spannungsvollen Choreogra- phie Martin Stiefermanns zu dem An- dante cantabile des Klavierquintetts von Schumann mit Caroline Maylin und Johannes Kritzinger. beide im weißen Frack: Rollenkampt mit einer zumin- dest äußeren Angleichung der Ge- schlechter. Mit besonderem Stolz kündigte Schwanke als Moderator dann die bei- den Stuttgarter Stars Giulia Menicucci und Mark McClain an, zunächst beide in einem witzigen Pas de deux, dessen Choreographie Mark McClain geschaf- ken hatte, dann den Tänzer im Solo in einer Choreographie des großen Mau- rice Béjart zur Musik der ,.Tritsch Tratsch Polka“ von Johann Strauß. Das war so erheiternd frech und mit erstaun- lichen Sprüngen und Drehungen so ge- konnt getanzt, daß der frenetische Jubel eine teilweise Wiederholung erzwang. Die Schweriner tanzten dann noch nach einer Szene aus ihrem „Sommer- nachtstraum“ ihr „Rendez-Vous“, 15 lockere Szenen aus sehr verschiedener Musik mit dem Vokalartisten Bobby McFerrin und dem Cellisten Yo- Yo Ma. Gezeigt wurden Skizzen aus der Alltäg- lichkeit mit den Schaufensterpuppen als Modetrendsettern, mit dem Verhältnis von Hausfrau und -mann, mit Machos oder ihrem weiblichen Gegenbild, der Femme fatale, insgesamt locker und choreographisch einfallsreich geboten, nur als Teil in einem Potpourri als Gan- zes doch zu lang. Auch Sven Simons Darbietung hätte in einem anderen Rah- men und nicht im Vergleich mit dem Können der Ballettänzer mehr Wirkung gehabt. Im anschließenden Beisammensein aller, des Publikums und der Mitwirken- den, im Zelt-Foyer hatte es George Bai- ley schwer, sich gegen den Diskutier- lärm bei seinen am Klavier selbst beglei- teten Songs durchzusetzen. Erst später fand sich für ihn mehr Ruhe zum Zuhö- ren. Zunächst wollte man sich lieber aus- tauschen oder sich zu den Rhythmen der Band bewegen. Erstaunlich. wie sich im freien Tanz sogar die Ballettänzer noch unermüdlich vergnügten. 156 Für leibliche Genüsse sorgten die Deutsch-Italienische Gesellschaft und der Verein Lübecker Ballettfreunde. Insgesamt war das eine Benefizveran- stallunge. die in Organisation und Durchführung sich nur aus freiwilligen Helfern rekrutierte: eine beachtliche Leistung! Und schon jetzt steht fest, daß das nächste Ballett-Fest folgt. Die Tanzgruppen an den Theatern in Flens- burg und Darmstadt haben von sich aus Interesse bekundet, in Lübeck aufzutre- ten. Tanz Companie Lübeck „Schlagobers und Alpenglühn“ hat Juliane Rößler die neueste Inszenierung und Choreographie für ihre Tanz Com- panie genannt. Wir besuchten die zwei- te Aufführung am Mittwoch, den 30. April, ein Abend mit nur wenig Publi- kum, das sich aber doch von der locker gefügten Choreographie Juliane Röß- lers ansprechen ließ. Mit ihren fünf Tänzern bringt sie eine Tanzschöpfung aut die Bretter der Kammerspiele, die all das verarbeitet, was es so an Kitsch und Klischees über Alpenländlerisches gibt. Schon vor Beginn wird man durch Gemuhe akustisch eingestimmt, man glaubt sich im „Bullenstall“. Wenn sich dann der Vorhang hebt, sieht man einen Bretterzaun, der den Raum versperrt. Im Hintergrund hängt ein Bild, ein rie- siges Gemälde mit einer Berglandschaft und schneebedeckten Gipfeln. Jetzt weiß man genau, wo man ist: in des Kleinbürgers guter Stube und bei des- sen Ansichten von der Welt da oben auf der Alm. Anfangs geht es dort recht ru- hig zu,. gemütlich. Fünf Kühe hängen ihre Köpke über den Bretterzaun, neu- gierig die Zuschauer als Touristen in ih- rer Almenwelt beäugend. Und zur Mu- sik schwenken sie ihre Köpfe, während die Flachlandtiroler scheinbar vorbei- defilieren. Es sind liebe Kühe, sie tau- schen auch schon mal ein Bussi, wobei nur eine leer ausgeht. Es sind eben nur fünk, da paßt die Paarung nicht, auch nicht auf der Alm. Die Musik stammt von Friedrich Gulda. Teile aus seinem „Konzert für Violoncello und Blasorchester“ und dem schmalzig pathetischen „Concerto kor Ursula“. Das ist Musik, die durch- aus tänzerischen Elan hat und, auch dar- in kann sie für solch eine Inszenierung herhalten. in sich gebrochen ist. Auch sie bedient sich Klischees, ist eigentli- che elektisch, witzig. hemdsärmelig, ein drastischer Spaß in der Vermischung der Stile, aber eben Musik aus zweiter Hand. Doch eines ist sie nicht, Musik, die über sich hinausweist, gesell- schaftskritisch sich aufführt. Und das möchte Juliane Rößler. Schon der Un- tertitel macht das deutlich: Die Schlacht am kalten Klischee. So schien uns die Inszenierung da gut und kolgerichtig, wenn sie diese Klischees bedient. Man schmunzelt, wenn der Bretterzaun Len Himmel schwebt und Kühe in roten Tüllröckchen oder Ochsen in roten Le- derhosen schuhplattlernd ihre Gaudi abziehen. Auch die Liebesszenen gera- ten gut, wenn der Bua in maskuliner Eigenliebe sich der der Liebe bedürfti- gen blonden Zensi erst nach vielen Balzritualen hingibt, während die Kühe gelangweilt zusehen. Weniger verständ- lich wird, wenn dann die Drastik zu- schlägt und der Bua seine Tierliebe zur Kuh wörtlich nimmt oder ein Almenkfest zur Orgie, zum großen Fressen sich wandelt, die Darsteller ihre eigenen (Kuh-)Köpfke kannibalisch verspeisen, sich besaufen, erbrechen, ihre Melkei- mer zur kollektiven Erleichterungspro- zedur nutzen. Da wird der Klamauk ek- lig. bekommt Anstriche von Perversion, aber nicht von schwarzem Humor. Merkwürdigerweise verdirbt es auch den Spaß dann an den für sich genom- men heiteren Melkszenen auf Schlagobersbesen(melk)schemeln oder an der höfischen Sitzpolka auf Biergar- tenbänken mit dem Vertauschen der Spitzhüte. Theatralisch wird gut gearbeitet. Die wenigen Requisiten werden funk- tional eingesetzt, der Bühnenraum im- mer spannungsvoll genutzt. Im Tanz hätten wir uns noch mehr Tempo ge- wünscht. Da werden unnötig Sequenzen wiederholt, ohne sie dabei zu straffen oder zu steigern. Manches ist zu betu- lich, auch wenn sogar die Herren auf die Spitze getrieben werden und das Stilgemisch. der Musik und der Kli- scheehaftigkeit angemessen, groß ist. Wer Spaß an einer guten Stunde lok- kerer Unterhaltung hat, ist mit diesem Ballett bei dem es auf der Bühne bunt hergeht, gut bedient. Fazit: Das Interesse an Ballett, die Begeisterung für diese Bühnenform ist in Lübeck durchaus lebendig. Sie hat und findet ein Publikum. Ballett wird „von vielen geliebt“, so sagt es der Schweriner Ballettchef Stefan Haufe im Programmheft zum Ballett-Fest, wird „dennoch auch häufig unterschätzt und in Zeiten kultureller Rotstiftpolitik im- mer öfter geopfert. Das traurige Bei- spiel des Lübecker Balletts ist längst nicht mehr das letzte auf einer langen Liste zu Grabe getragener Tanzensem- bles. Manchmal scheint mir, unserer wortlosen Kunst fehlen die Worte, sich dieses kulturellen Kahlschlags zu er- wehren.“ Arndt Voß Lübeckische Blätter 1998/10
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