Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

s0 8/8 Man hatte ihm vorgeworken, seine Pflichten als Stadtgärtner zu vernach- lässigen. Es ging um Abrechnungen, um das Gartenstück, das für ihn und seine Familie bewirtschaftet wurde, und dar- um, ob er sich vom Hausdiener im Gar- tenamt am Mühlendamm ab und zu die Stiefel habe putzen lassen. Dem Nervenzusammenbruch nahe, beantragte Harry Maasz 1921 zur Klä- rung aller Vorwürke ein Dienstauf- sichtsverfahren gegen sich selbst. Es wurde ein ordentliches Verfahren mit Anhörungen und Beweisaufnahme. Zum Schluß stellten sich die Angrif- ke als unberechtigt heraus. Maasz unter- nahm dann noch den Versuch, das Gar- tenamt organisatorisch vom Bauamt zu lösen, was aber nicht gelang. Daraufhin bat er im April 1922 um Entlassung aus den Diensten der Stadt Lübeck. Die Auseinandersetzung um seine Person und sein Amt hatte ihr Echo in der Lübecker Öffentlichkeit gefunden: Karl Heidmann, damals Oberspielleiter am Stadttheater, äußerte sich volltö- nend in der ,Trese“: „Solidarität des Geistes gegenüber der Autokratie des Ungeistes. ... Wenn Harry Maasz, die- ser Künstler von europäischem Ruf, den wir mit Stolz den unseren nennen durf- ten, zur Ehre des Heiligen mit dem Wackelkopt, Bürokratie genannt, geop- kert werden sollte - die Geister Lübecks allesamt würden sich schämen müssen vor der Sache, der sie dienen. Heilig ist die Sache der Kunst, denn sie ist urewig Menschheitsangelegenheit.“ Zum I. Oktober 1922 begann Maasz freiberuflich zu arbeiten. Er war erfolg- reich und entwarf vor allem kleinere Parks, einige Friedhöfe und sehr, sehr viele Privatgärten. Sein Auftragspolster war gut, denn er hatte schon als Garten- amtsleiter begonnen, Privataufträge ab- zuwickeln. Das „Atelier für Gartenkunst und Landschaftsgestaltung“, wie Maasz es nannte, befand sich zuerst in der Hun- destaße, ab 1926/1927 für einige Jahre in der Moislinger Allee und ab 1929 in der Breiten Straße im Gebäude neben Niederegger. Dort blieb man bis in die SOer Jahre, also über den Tod von Harry Maasz hinaus, der 1946 starb. Seine größte Stütze im Büro wurde Louise Koopmann, die als Zweiund- zwanzigjährige 1922 für Büroarbeiten ins Atelier kam. So lernte sie von ihm, Gärten zu gestalten, und war nach dem Zweiten Weltkrieg sogar über Jahre Vorsitzende in der Sektion Schleswig- Holstein im Bund deutscher Land- schaftsarchitekten. Vor allem hielt sie ihm den Rücken frei für seine Garten- kunst. 1926, nachdem Harry Maasz sich von seiner ersten Frau hatte scheiden Lübeckische Blätter 1998/8 lassen, heirateten er und Louise Koop- mann, besser bekannt als Liddy Koop- mann beziehungsweise von da an Liddy Maasz. In Lübeck ein Skandal - denn das Ehepaar Maasz hatte immerhin drei Kinder. Harry und Liddy Maasz waren ein Team; 1929 bezogen sie ihr Haus in Klingberg am Pönitzer See, das nach Plänen des Architekten Willi Bräck Le- baut wurde. Hier in Klingberg wohnten sie inmitten der Holsteinischen Land- schaft - und ganz nah bei der Kolonie der „konservativen“ Lebensreformer, die sich um Paul Zimmermann gesam- melt hatten. Klingberg besaß damals - um 1930 - auch ein bißchen den Cha- rakter einer Künstlerkolonie. Den Garten zu ihrem Haus gestalte- ten sie zu einem oft abgebildeten De- monstrationsobjekt. Der Garten war modern und funktio- nal aufgefaßt. Der Plan zeigt noch deut- lich Elemente des Arts and Crafts- Gartens, auf die man im Werk von Maasz immer wieder trifft: -der Garten ist klar in Räume und Be- reiche gegliedert -und diese sind unmittelbar auf das Wohnhaus bezogen, - dabei fehlen weder der Gemüse- und Obstgarten noch die Spielwiese, das Sonnenbad, die Terrasse oder der mehr formale Rosen- und Stauden- garten. Es war ein Garten mit verschiedenen „Zimmern“ oder Räumen, zum Wohnen und zum Erholen angelegt, gleichzeitig künstlerisch gestaltet und auf die See- landschaft bezogen. Was bedeutet Arts- and Crafts-Gar- ten: Er vergegenständlicht die Ideen der Reformbewegung im Kunstgewerbe, die Mitte des 19. Jahrhunderts von Eng- land ausging. Handwerkliches, nicht kormales Gestalten, auf die Interessen der Nutzer bezogen, ohne stilistische Vorbehalte, aus der Sache heraus zum Schönen und Guten erziehend, ohne ge- sellschaftliche Schranken, so lautete, grob zusammengefaßt, das Programm. Garten Sprenger Roeckstraße Der Garten Sprenger an der Roeck- straße stellt eine der formalsten Garten- schöpfungen von Maasz dar. Er wurde 1925 angelegt. Es handelte sich um die Umplanung eines vorhan- denen landschaftlichen Gartens. Ahn- lich wie bei den Ehrenhainen treffen wir hier verschiedentlich auf den Kon- trast Geformt - Ungeformt. Hinter dem Haus befindet sich noch heute der ansteigende Staudengarten mit den Terrassen aus Naturstein. Diese nehmen die Achteckform des mittigen Beckens auf. Dahinter liegt die große, von Spalieren und Pergolen gerahmte Rasenfläche mit den rautenförmigen Rosenbeeten und den Wegediagonalen. Und versteckt hinter der Baumkulisse, zur Wakenitz hin, befand sich der eben- falls formal gegliederte Obst- und Ge- müsegarten. Besonders die Terrassen mit den weißen Steingartenpflanzen hatten es Maasz angetan: „Das Ganze ist mit Mauern, Bodenmodellierung und Blü- ten eine zum Wasser köstlich absteigen- de oder aus dem Wasser ansteigende Gartenschönheit“. Gärten verändern sich, wachsen durch. Selbst kontinuierliche Pflege verhindert dies nicht. Das ist der Preis dafür, daß sie „organische Kunstwerke“ sind. Insofern können Fotos von früher kaum einmal den Gartenbildern von heu- te entsprechen. Aber besonders bei den Gärten von Maasz geht es nicht nur um das Pflanzenmaterial, sondern wesent- lich um Linien, Achsen, Räume, Stufun- gen, Sichten und Begrenzungen. Zusätz- lich noch um Pavillions, Spaliere und Steine. Davon hat sich vieles erhalten. Oft lassen wir uns beim Garten durch dekorative Pracht betören. Das passiert besonders Laien, die nur ober- flächlich Hinschauen und nachhaltige Strukturen übersehen. Darauf wies Maasz wiederholt hin. Die Qualitäten eines Gartens zeigen sich. wenn er auch im Winter, bei tri- stem Wetter, oder im Frühjahr, wenn die Bäume noch nicht im Laub stehen, sei- ne Schönheit erahnen läßt. Garten Ott Katharinenstraße Ein sehr gut erhaltener Garten von Maasz befindet sich in der Katharinen- straße. Er wurde 1924 geplant. Eigent- lich ein typischer Arts- and Crafts-Gar- ten, wie Maasz ihn interpretierte. Er ist in Räume für unterschiedliche Nutzun- gen und Stimmungen aukgeteilt, Funk- tionales und Dekoratives, Vorgefunde- nes und Gestaltetes sind eng miteinan- der verschränkt. Nicht additiv. sondern organisch. Besonders schön sind die er- haltenen spitzbogigen Rankgerüste für die Rosenbüsche. Wenn wir auf den Gartenplan sehen, wird deutlich, wie Maasz Partien mit ganz unterschiedlichem Charakter in diesem recht kleinen Garten zu einem Ensemble zusammenfügen wollte. Im Planbild überwiegen zudem Linien und Achsen. Gartenarchitekten müssen immer mit Gegebenem, mit der Topographie, mit vorhandenem Baumbestand arbei- ten. Das hat Maasz auch gemacht, aber seine Neigung. zu gestalten, ist unüber- sehbar. Er, der zur Zeit des Jugenstils seine ersten beruflichen Prägungen er- halten und das schöpferische Wagnis 123
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