Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

Müller zu vermitteln, zu schimpfen und dabei zu bewundern. Ulli Haussmann und Micoolfgang Bruns paßten in die Gegensätzlichkeit ihrer Rollen. als erdgebundener, seine Gefühle auslebender und mit sich zu- friedener Pfliger im Kontrast zum zwiespältigen Müller, der hinter die Dinge schaut, aus dem Blickwinkel der Dörfler wie eine überirdische Gestalt erscheint und der sich nach Büchern sehnt, mehr wissen will. Guy Woodward sang zum Beginn und zum Ende schottische Balladen im Original und mit passender Intonation, trug bei zur Atmosphäre und ergänzte die Aufführung des Stücks, das von sei- nem anspruchsvollen Inhalt und der ge- botenen Darstellung das Publikum nachhaltig beeindruckte. Rudolf Höppner Musik Litauisches Kammerorchester Vilni- us beim Verein der Musikkreunde Für sein 3. Meisterkonzert in der Musik- und Kongreßhalle hatte der Ver- ein der Musikfreunde mit dem Engage- ment des Litauischen Kammerorche- sters Vilnius und dessen vielseitigem Programm einen zugkräftigen Akzent gesetzt, der leider dadurch verlor, daß sich an diesem Wochenende vier Orche- sterkonzerte überhäuften. Kurz vor der Wende war ein Engagement des balti- schen Ensembles bereits erwogen wor- den, doch mußte sich das Orchester we- gen fortfallender Subvention auklösen. Die Musiker werden nun gewiß gern nach Lübeck gekommen sein. Ihre Ak- zeptanz beim Publikum war auffallend herzlich. Erst kürzlich hatte das städtische Orchester Bachs 3. Brandenburgisches Konzert im Kolosseum werkgetreu mu- siziert. Man vergleicht die Wiedergabe dieses barocken Standardwerkes gern mit der eines bekannten Ensembles von Platte oder Gastspiel. Das Litauische Kammerorchester präsentierte einen zurückhaltenden Klang, der nicht in Versuchung geriet., durch die solistische Anlage der einzelnen Stimmen des Wer- kes zur dramatischen Auseinanderset- zung zu werden. Vielmehr entstand zwi- schen hohen und tiefen Streichern bei dezent austarierter Dynamik ein inte- grierter Gesamtklang. der von den et- was näselnd intonierenden vorzügli- chen Bratschen apart mitbestimmt wur- de. Die Möglichkeiten der kleinen, aber feinen transportablen Orgel in der Mu- sik- und Kongreßhalle sind mehrfach demonstriert worden. In diesem Kon- zert geschah es bei zwei unterschiedli- chen Werken: bei Haydns klassisch ge- bautem Konzert für Orgel und Streicher 110 und dem farbig geprägten Konzert für Orgel, Streicher und Pauken von Pou- lenc. Damit kam man den Programm- wünschen der Initiatoren des Gastspiels gewiß entgegen, zumal mit Marienorga- nist Ernst-Erich Stender nicht nur ein versierter Kenner der Materie, sondern brillanter Könner am Spieltisch saß, den man nicht wie in der Kirche nur hörte, sondern dessen Spiel man nun auch optisch verfolgen konnte. Seine geschmackvolle, doch fast zu zarte Re- gistrierung kleidete Haydns Konzert in zierliches Rokoko, dessen Grazie durch kammermusikalisch aufmerksame Be- gleitung noch verkeinert wurde. Tschaikowskis Serenade für Strei- cher C-Dur ließ die sorgfältige Vorar- beit des Dirigenten Saulius Sondeckis deutlich werden. Er stellte sonoren Voll- und Schönklang in den Vorder- grund, den er mit sparsamen Gesten si- cher lenkte. Seine Mannschaft setzte sich auch hier mit klanglicher Verve und absoluter Zuverlässigkeit in knifkli- gen Passagen so engagiert ein, daß die- se Leistung hohe Anerkennung fand. Salopp gesagt: manch namhaftes Kam- merorchester möge sich von dieser Dar- stellung eine Scheibe abschneiden! Hatte sich die Orgel noch bei Haydn dezent zurückgehalten, konnte sie beim Poulenc-Konzert von ihren farbigen Re- gistern profitieren. Auch hier gelang Solisten und Orchester eine ausgefeilte Darstellung, die wie auf den Raum kammermusikalisch zugeschnitten er- schien. Wer sich also etwas respektlos vor- her gefragt haben mag, was ein unbe- kanntes Kammerorchester aus Litauen dem „Salzburg des Nordens“ mit sei- nem anspruchsvollen Zyklus der Mei- sterkonzerte des Vereins der Musik- freunde wohl bieten könne, wurde durch dieses eindrucksvolle und hof- fentlich nicht einmalige Gastspiel be- lehrt. Sinfonisches Wochenende: 6. Abonnementskonzert des Sinfonieorchesters des Norddeutschen Rundfunks 6. Sinfoniekonzert des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck Schon zum dritten Mal in dieser Spielzeit folgten Konzerte des Sinfo- nieorchesters des Norddeutschen Rund- funks und der Lübecker Philharmoniker in sehr kurzem zeitlichen Abstand. Doch nicht genug damit, selbst die Pro- grammgestaltung glich sich in diesem Fall erstaunlich: in beiden Konzerte wurden ausschließlich Kompostionen vorgestellt, die in der kurzen Spanne zwischen 1907 und 1932. also zu Be- ginn unseres Jahrhunderts. entstanden Hans Mlillies ' sind, beide mit Klavierkonzerten im Zentrum, die - auch darin Duplizität - von Pianistinnen vorgetragen wurden. Zunächst spielte am 13. März das Sin- fonieorchester des HYNeorddeutschen Rundfunks unter dem jungen finnischen Gastdirigenten Sakari Oramo Werke von Ravel, Szymanowski und Sibelius, dessen zweite Sinfonie vor nur drei Wo- chen bei den Philharmonikern aut dem Programm stand, dann präsentierte sich am 15. und 16. März das Philharmoni- sche Orchester der Hansestadt Lübeck unter Leitung des Bremer Generalmu- sikdirektors und Operndirektors Günter Neuhold mit Werken von Hauer, Schul- hoff und Strawinsky. Ein Vergleich der beiden Programme liegt nahe, ein Ver- gleich, der zumindest in dem Bereich der musikalischen Besonderheit der Werke zugunsten der Philharmoniker ausgeht. Konzert des Sinfonieorchesters des Norddeutschen Rundfunks Mit Sakari Oramo hatten sich die Sinfoniker des Norddeutschen Rund- fkunks einen recht jungen Dirigenten verpflichtet. Gerade 32 Jahr ist er alt, steht aber schon am Anfang einer be- achtlichen Karriere, die ihn mit Beginn der folgenden Saison an die Spitze des „City of Birmingham Symphony-Or- chesters“ bringen wird. Mit seinem Elan und seiner Präzision, seiner klaren Übersicht, vor allem bei der Sibelius- Wiedergabe fand er nicht nur großen Anklang beim Publikum, sondern er- warb sich auch die Achtung der sonst eher reservierten Musiker des Orche- sters, die ihn mit herzlichem Beifall be- dachten. Trotz großer Armbewegungen saßen seine Anweisungen, forderten Aufmerksamkeit und Spannung. Beides ist in der „Rapsodie Espagnole‘ von Maurice Ravel besonders gefordert, sind die reizvollen Stücke doch geist- vollste Musik, die aber, von wenigen vi- talen Episoden abgesehen, sehr atmo- sphärisch gegeben sein wollen. Die Ba- lance gelang hervorragend. In Karol Szymanowskis 1932 ent- standener „Sinfonia concertante“ ist das Klavier überwiegend eine bloße Klang- farbe innerhalb des Orchesters. Ent- sprechend wenig hervorstechend ist der dennoch anspruchsvolle Klavierpart, den Ewa Kupiec zu bewältigen hatte. Häufig geht er gänzlich in dem Klang- geschehen unter. Nur in der großen Ka- denz des letzten Satzes gewinnt der Hö- rer einen intensiveren Eindruck von der subtilen Gestaltungskraft der jungen polnischen Solistin, die man gerne noch in einer Zugabe gehört hätte. Jean Sibelius’ 1915 komponierte künfte Sinkonie wurde zum Höhepunkt des Abends. Oramo erwies sich als pro- funder Kenner der Musik seines Lands- Lübeckische Blätter 1998/7 te Ein unter | tion de Comp: Lübeckis
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