Full text: Lübeckische Blätter. 1998 (163)

neswegs primär äußerlich und eher aus- nahmsweise ästhetischer Natur ist, daß sie auch das Baudenkmal als Gegen- stand und Quelle historischer Realien- forschung akzeptierten. Für alle ge- schichtlichen Sachquellen aber gilt ein Axiom, welches nicht nur von weitem an die Erkenntnisse Werner Heisen- bergs zu den Grenzen der Physik erin- nert - indem wir sie uns erschließen. beeinträchtigen wir sie, mehr oder we- niger. Ist gar erst die Stratigraphie eines Denkmals ganz verbraucht, lassen sich Thesen daran nicht mehr überprüfen, dann verdorrt die Wissenschaft zur Ideologie. Denkmale sind als Geschichtsquel- len, nicht reproduzierbare Ressourcen der menschlichen Kultur. Spätestens seit der Club of Rome mit dem Hinweis auf die Begrenztheit unserer natürli- chen Lebensbasis eine neue Moral be- gründet hat, seit die Charta von Venedig vorrangig die Erhaltung statt des Ver- brauchs der Denkmale einfordert, muß sich jede Denkmalptlege vor allem dar- an messen lassen, wie sie sich zu den unsichtbaren, den nicht erschlossenen, nicht durch Anschaulichkeit geschütz- ten Geschichtsquellen verhält, damit zum eigentlichen Denkmalpotential der Zukunkt. Das gilt in ganz besonderem Maße für Denkmale, denen die UNESCO out- standing universal value beimißt, wie den Schriftquellen, Bauten, Kunstwer- ken und Kulturschichten der Lübecker Altstadt, vor dem Hintergrund rascher Wandlungen in Methoden und Zielen der Mediävistik. In den letzten Jahrzehnten hat die Realienkunde gerade des Mittelalters einen qualitativen Sprung vollzogen. Die Naturwissenschaften bieten grund- sätzlich neue Methoden der Datierung an. Die Zirkelschlüsse der Stilkritik konnten so durchbrochen werden. Das Interesse der Geschichtsforschung hat sich mit Hilke der Datenverarbeitung von der Ereignis- und politischen Ge- schichte, von der Geschichte der großen Werke und ihrer Einflüsse hingewandt zur Geschichte des Alltags der Men- schen. Die Häuser der Großen besagen dafür ebensoviel wie die der kleinen Leute. In den jüngsten Jahren bringt vor allem die Frage nach der Ökologie im Mittelalter überraschende Erkenntnisse -nicht zuletzt in gerade in Lübeck. Lübeck ... exemplifies the power and the historic role of the Hansa Das ist der Satz, in dem Lübecks Welterbestatus begründet liegt. Hansa meint, was Historiker die Städtehanse nennen - jenen Städtebund 104 des 13. bis 17. Jahrhunderts. auf Ex- portgewerbe und Fernhandel durch ganz Nordeuropa gestützt, dessen Fä- den in Lübeck zusammenlieken. Exemplifies - es erläutert, belegt, es illustriert beispielhaft. Vor allem heißt das: Lübeck als Beispiel, als Vorbild, Paradigma einer hansischen Stadt, stell- vertretend für viele andere. Mehr noch: Lübeck - als Brennpunkt hansischer Geschichte - ist für diese schlechthin Sinnbild. Was veranschaulicht Lübeck? The Power and the historic role of the Hansa - die Macht und die historische Rolle, Vermögen und Funktion dieses Kauf- städtebundes. Wie das? Rolk Hammel hat schon davon gesprochen, wie sich in den Da- tenmassen etwa der Lübecker Stadtbü- cher und Steuerlisten, in unzähligen Rechtsakten und kaufmännischen Ent- scheidungen das Auf und Ab einstigen Marktgeschehens unter dem Einfluß örtlicher wie gesamthansischer Kon- junkturen spiegelt. Manfred Gläser be- richtet Ähnliches von den im Lübecker Stadtboden erhaltenen Kulturspuren und Gegenständen früheren Alltags und ihren noch inkormationsträchtigeren Fundumständen. Thomas Brockow rutt uns die Bilder und Vorstellungen vor Augen, mit denen die handelnden Men- schen sich umgaben. Alles das ist eben nur hier noch in solcher Fülle und Dich- te zu finden, kann hier zu Kulturge- schichte von seltener Anschaulichkeit verwoben werden und begründet, daß gerade diese Stadt zum Welterbe ge- rechnet wird. Es waren aber nicht die Schriftquel- len. nicht der Stadtboden, auch nicht die Kunstwerke, von denen in der Be- gründung zur Lübecker Nominierung wie in der Bewertung durch die ICO- MOS vor über 10 Jahren hauptsächlich die Rede war, sondern das gebaute Lü- beck - Lübeck als Inbegriftk hansischer Architektur, hansischen Städtebaues. Dar umme is se noch so ordeliken buwet So urteilte schon der Chronist im späteren 14. Jahrhundert. Wie in Lü- beck gebaut wurde - das ist in der Tat beispielhaft geworden im hansischen Raum. Lassen Sie mich dazu einige Thesen umreißen, auf deren Begründung ich hier verzichten muß. Im Grundriß der Stadtgründung zwi- schen - Markt und Traveufer wurde im mittleren 12. Jahrhundert erstmals das weitläufige rechtwinklige Blockraster binnenländischer Gründungsstädte mit der dichten parallelen Gassenschar nordwesteuropäischer Ufermärkte zu einem neuen Typus verschmolzen, der als lübisches Schema einer Vielzahl weiterer Städte an der Ostsee zu Grunde liegt. Mit dieser Synthese wurde die für Hafenmärkte typische enge Parzellen- reihung, zuvor stets direkt auf das Was- ser bezogen, an dem neuen Typus lan- ger Hafenstraßen bis zum Markt herauf- gezogen. In Lübeck selbst allerdings hat man bei der Wiederbebauung des Gründer- viertels nach dem Kriege gerade diese ältesten, für die europäischen Stadtbau- geschichte vorbildhaften Strukturen ignoriert. Das hat die ICOMOS als ei- nen so schwerwiegenden Fehler ange- sehen, daß sie eine Aufnahme Lübecks in die Welterbeliste trotz des auch auf diesen Flächen noch vorhandenen ar- chäologischen Potentials nicht befür- worten wollte. Bekanntlich wurde der Raum zwischen Trave und Markt dann aus dem Welterbeareal ausgegrenzt, nur seine archäologische Erforschung ange- regt. Nachvollziehbar sind Stadtgrundris- se des lübischen Typs heute noch an vielen Orten, etwa in der Stralsunder Neustadt von etwa 1240 zwischen Ha- fen und Neuem Markt, auch schon in Lübeck selbst seit der Neustadtgrün- dung um 1220 zwischen Untertrave und Koberg. Die „Gruben“ allerdings, an- fänglich wohl noch von okkenen Ent- wässerungsgräben durchteilt und vom Stadtrücken abgeschnürt, hätten nie- mals eine solche Vorbildwirkung wie der welfische Stadtentwurfk auf dem Ge- ländesporn zur Trave entfaltet; die ro- mantisch wirkende Schwingung ihrer Raumwände vermittelt eben nicht die faszinierende Rationalität der alten Braun- bis Mengstraße. Davon zeugen auch die über den Markt hinaus auf die Ostseite verlängerten Straßenfortsätze der Marienstadt kaum mehr, mögen sie auch noch aut die Zeit um 1170 zurück- gehen, - fehlt ihnen doch der Blick aut den Hafen. Allein der kurze Abschnitt, wo die Mengstraße noch zwischen den alten Baufluchten verläuft, und jeweils nur einseitige Bebauungsinseln vertre- ten pars pro toto heute noch die Grün- dungsstruktur. Straßenbreiten und Parzellenteilung der Entstehungszeit sind auch im Welt- erbeareal natürlich über der Erde nicht mehr materiell beweisbar, auch keines- wegs durch den Eindruck ihrer heutigen Raumwände mit Kirchtürmen als points de vue nachvollziehbar - diese sind je erst im Laufe späterer Jahrhunderte in die Höhe getrieben worden. Das Faszi- nosum für die Menschen um 1200 wa- ren nicht die stolzen Giebel und die steilen Türme - die gab es noch nicht und waren wohl noch nicht einmal vor- stellbar. Es war die schnurgerade Stra- Lübeckische Blätter 1998/7 Benkl schen tet. 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