Full text: Lübeckische Blätter. 1997 (162)

1 in ON ren en, ren ärt- Bür- 97/21 chern, die gerade zu der Zeit in Lübeck n manchen Bezug zur zeitgenössischen städtischen Litera- tur. Daß das „Narren Schyff“ unmittel- bar vor und nach 1500 so große und breite Resonanz gefunden hat, können wir heute kaum mehr verstehen; denn die Kompilation, der es an epischem Fluß so ganz zu gebrechen scheint, trifft mit ihren 112 Kapiteln, in deren jedem sie ein anderes Laster anprangert, wohl kaum den Geschmack unseres Jahrhun- derts. In bunter Folge füllt sie dabei ei- ab larr E ü Ff Zü ſchÿff Brüder: Ä gat/ eß zac. nen Katalog, der von den sieben christ- lichen Todsünden bis zu eher läßlichen Sünden und Schwächen wie Aberglau- ben und falscher Gelehrsamkeit. Putz- sucht, Ständchenbringen bei Nacht und Reiselust reicht. Den langen Narrenreigen, der die Erinnerung an den Reigen der Sterben- den im Totentanz auch sprachlich an- klingen läßt, verband Sebastian Brant mit der Bildvorstellung von der See- kahrt, der alten Allegorie für das Leben des Menschen in der Welt. Und wäh- rend der Autor mit jedem der 112 Kapi- ; -. Das Narren schyff, Basel 1494, Titelholzschnitt (reproduziert nach Voss) Lübeckische Blätter 1997/21 tel einen neuen Narren mit seiner Nar- retei an Bord nimmt und sie alle in die Irre, ins Narrenland Narragonien segeln läßt. hält er dem Publikum einen Spie- gel vor Augen, damit es die eigene Narrheit erkennt und durch Selbster- kenntnis zu Weisheit findet. Diese be- sitzt der Gläubige, der nach den Lehren der Kirche lebt und so das ewige Leben gewinnt, während der ungläubige sünd- hafte Narr es verwirkt. Den naren spiegel ich diß nenn In dem ein yeder narr sich kenn Wer yeder sy wurt er bericht Wer recht in narren spiegel sicht Wer sich recht spiegelt / der lert wol Das er nit wis sich achten sol [Brant. Das Narren Schyff. Vorrede 31-36] Seinen verlegerischen Erfolg ver- dankt das „Narren Schyff“ sicher auch den Textillustrationen, die vornehmlich für ein illiterates Publikum gedacht sein mögen, wie Brant es wenigstens in der Vorrede sagt. Die 105 Holzschnitte der Baseler Ausgabe, von denen 73 dem jungen Albrecht Dürer zugesprochen werden, das ihnen beigegebene Motto und die Tatsache, daß der Text der mei- sten Kapitel 34 beziehungsweise 94 Zeilen enthält, haben übrigens zu der Vermutung geführt. der Narrenkatalog sollte ursprünglich nicht als Buch. son- dern als Folge von losen Flugblättern publiziert werden, also in einer literari- schen Kurzform. deren Breitenwirkung Sebastian Brant auch sonst wiederholt genutzt hat. Daß das „Narren Schyff“ den Geschmack seiner Zeit so gut LE- troffen hat, hängt aber gewiß auch da- mit zusammen. daß die Satire. welche sich im ganzen am Maßstab konservati- ver christlicher Wertvorstellungen ori- entiert, nicht nur Verstöße gegen die Gebote der Kirche, sondern auch solche gegen den bürgerlichen Gemeinsinn an- prangert. Was dies angeht und nicht zu- letzt durch sein Bekenntnis zur Ver- nunfkt bezeugt Brant den aufgeklärten bürgerlichen Geist an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. wie er ihn in Basel erfahren haben mag. So verstan- den. erweist sich „Das Narren Schyff“ als ein echtes Stück Stadtliteratur. Dem Lübecker Bearbeiter wird der lehrhafte Charakter der Vorlage nicht entgangen sein. denn ihm lag die Seel- sorge für den Nächsten und das Ge- meinwohnl der Stadt am Herzen. weil er in der christlichen und sozialen Tu- gendlehre das Fundament der Ordnung in dieser Welt und die Voraussetzung für das Seelenheil bei Gott verstand. Dem gleicht der Tenor anderer Bücher, die damals in Lübeck gedruckt wurden. Und daß dies dem Bearbeiter bewußt war, zeigt die Tatsache. daß er sich bei der Erweiterung der oberdeutschen Vor- 355
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