Full text: Lübeckische Blätter. 1997 (162)

dienst‘, ‘dem Ehrenkultus der Gesell- schaft“. Der moderne Roman Vaget wollte zeigen, daß Fontane sich offenbar auf Wagner gestützt habe. Von hier aus formulierte er die These: „Moderne Kunst ist die, die musikali- sche Gesetze in den Roman bringt.“ Überhaupt sei der moderne europäische Roman von Wagners Musik befruchtet worden. Das gelte zum Beispiel für Prousts Werk, besonders aber für Joyces „Ulysses“. Die unendliche Me- lodie Wagners habe Joyce ins Epische in Gestalt des inneren Monologs über- tragen. Dasselbe gelte übrigens für Vir- ginia Woolk, die Wagners Werk ge- schätzt haben soll. Während Wagner die musikalische Klangwelt erweitert habe, verdanke man Joyce die Erweiterung der Formwelt des Epischen. Joyce und Mann seien als Repräsentanten großer Epik von Wagner ausgegangen. Aller- dings weise Joyce über Wagner hinaus, während Thomas Mann bei ihm geblie- ben sei. Ist Fontane modern ? Anknüpfkend an die These der musi- kalischen Gesetzlichkeit im Roman fragte Vaget nun nach der Modernität Fontanes. Thomas Mann habe in dessen Werk .. Lebensmusik“ erlebt und in „Ekkfi Briest“ Leitmotivtechnik ent- deckt. Letztere Entdeckung relativierte Vaget; denn das Werk zeige eher vor- wagnerianische stereotype Wiederho- lungen. Die Symbolik gerate überdies zu oberklächlich. Auch der . Stechlin“ entbehre der Leitmotivtechnik. Auffällig sei darin, daß gerade die Jungen Wagner bewun- dern. Der alte Fontane aber habe Wag- ner gelten lassen. Bei Thomas Mann hingegen müsse wagnerianisches Musikerleben schon wegen seiner erotischen Affinität ins Werk einziehen. Die Musik sei als Stil- element in sein Werk eingegangen, und zwar schon in der Erzählung .Der klei- ne Herr Friedemann“. Fontanes Bedeutung für Thomas Manns Werk akzentuierte Vaget auch in einer anderen Parallele: Wie Theodor Fontane sich kritisch mit Wilhelm II. auseinandergesetzt habe, so Thomas Mann mit Hitler. In Manns Bekenntnis zu Wagner und Fontane äußere sich des- sen Repräsentationsbestreben. Später heißt es dann bei ihm: „Goethe und Wagner“ - das sei Deutschland! Aber durch seine tendenziell deutsch-franzö- sische Schaffensart gehe er über Deutschland hinaus. Die ..produktive Bewunderung“ Thomas Manns für Wagner und Fontane bezeuge, daß er nicht lieblos gewesen sein könne. GK 346 Resümee Die diesjährige Tagung war ein gro- Ber Erfolg. Die Begegnung dieser bei- den Großschrikftsteller zeitigte schon im Vorhinein Wirkung und zog ein überaus großes Publikum an. Es war eine Novi- tät, wie hier zwei Gesellschaften ihre Kräfte bündelten, auch ein Wagnis für manchen Vortragenden, in fremden Ge- filden zu wildern. Diesen Vortragenden sei für inren Mut besonders gedankt. Frisches Blut brachte zunächst die Theodor-Fontane-Gesellschaft in das Geschehen ein. Die Mischung der Vor- tragenden und Themen war spannend, auch populärer als gewohnt. Dieses Jahr war weniger die Speerspitze der For- schung gefragt mit ihren Spitzkindig- keiten, vielmehr wurde an den gemein- samen Fundamenten gearbeitet, Bögen wurden gespannt, Entwicklungen auf- gezeigt und Generationszusammenhän- ge beziehungsweise Unterschiede ge- prüft. Die klassische immanente Philolo- gie keierte unangekränkelt und erstaun- lich unverstaubt kleine subtile Trium- phe. was zum Beispiel die Dialogregie beziehungsweise den Dialogaufbau und die Frage nach Humor versus Ironie an- ging. Der Doyen der Thomas-Mann-For- schung Eckhard Heftrich trug eine ge- lassene, altersweise Einführung bei, die vielleicht etwas zu stark bei Keller ver- harrte. Lehnert formulierte knapp und stell- te seine Ausführungen eventuell zu aus- schließlich auf Harden als Gegenfolie zu Mann ab, so daß die Indizienkette für den schönen Schluß allzu eindimensio- nal, wenn nicht dünn, blieb. Der große alte Mann der Theodor- Fontane-Forschung Helmuth Nürnber- ger, ein Mann mit großen Verdiensten, erwischte einen schwachen Tag. Vor- tragsstil und -länge erwiesen sich als schiere Zumutung. Leider blieb auch der Inhalt allzu sehr im Ereignisge- schichtlichen stecken. Die angelsächsische Arbeitsweise beziehungsweise die Situation der Aus- landsgermanistik wurde transparent - mit gemischten Erfolgen. Populärer Höhepunkt war hier Martin Swales, der seine Begabung als Schauspieler und Humorist in die Vortragssituation kunstvoll und mit Gewinn für den Hörer einbrachte. Die überaus sympathische Eda Sa- garra - übrigens einzige vortragende Frau, was unterschiedliche Interpreta- tionen zuläßt - unterschätzte den Tief- gang und die Usancen des Kolloquiums und blieb mit einem völlig umformu- lierten Thema leider im Rahmen von Vorarbeiten stecken. Zum absoluten un- unterbietbaren Tiefpunkt wurde Henry Remak, Bloomington (Indiana, Ameri- ka), der - horribile dictu - über eine In- haltsangabe und Stoffsammlung der Fontaneschen Romane nicht hinauskam und das Auditorium peinlich berührt zu- rücklielß. Das machte Hugo Aust - man merkte ihm den Didaktiker an - mehr als wett, obgleich sein Vortrag themen- bedingt auch mehr Oberflächenreize als Tiefgang aufwies. Den Geist des Symposions be- stimmten Leute wie Peter Pütz, Michael Neumann und Ruprecht Wimmer im en- geren poetologischen Bereich und die weiter ausgreifenden Talente Manfred Dierks, der für dieses Mal Thomas Mann beiseite liel und seinen psycho- analytisch geschulten Blick W. Jensens, T. Fontanes und W. Raabes Spätwerken angedeihen ließ. sowie Dieter Borch- meyer und Hans Rudolf Vaget, die stili- stisch brillant wie immer die Bedeutung von Schopenhauer, Nietzsche und im besonderen Wagners auf Theodor Fon- tane und Thomas Mann einer ebenso subtilen wie umfassenden und sich ge- genseitig ergänzenden Betrachtung un- terzogen und letztlich den modernen Roman aus dem Geist der Musik in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stell- ten. Zugespitzt kormuliert standen Ge- wichtung und Gewichtigkeit beider Au- toren unausgesprochen auk dem Prüf- stand. Auch wenn „,Effi Briest“ zum engsten Kanon der Weltliteratur gezählt wird, wurde klar, dals Thomas Mann der gewichtigere, der subtilere, anspruchs- vollere Autor ist, der noch lange nicht ausgelotet ist, was sich im letzten auch an der Qualität der Vorträge kestmachte. Die Thomas-Mann-Experten, an ihrem Gegenstand geschult, waren den sym- pathischen Theodor-Fontane-Speziali- sten über, was mehr über die Qualität des jeweiligen Forschungsgegenstandes als über die Wissenschaftler aussagte. Trotzdem gilt, was Thomas Mann 1910 über Fontane schrieb: „„Er ist unser Va- ter“. Für alle war dieses Kolloquium, von kluger Hand geplant und geleitet, eine Bereicherung. „Was Maß, was Form ist an ihm, sei- ne Gestalt, sein Standbild, wie es heute der Nation vor Augen steht, ist Werk der Entsagung“, schrieb Thomas Mann sich selbst immer mitreklektierend, wie wir wissen, über keinen geringeren als Goe- the. Die Zusammenhänge im Detail, insbesondere auch was andere Schrikt- steller betrifft, werden wir erfahren. Wir dürfen uns freuen auf den nächsten Herbst, wenn Thomas Manns große Es- says über Autoren im Mlittelpunkt ste- hen. APH Lübeckische Blätter 1997/20 Jo ] han sein WwUur schi lich 116 lis). test: als geb von tion heb kest seir äul3 | führ. die siul übe zun BOoc KIc jetz Joh Me Del wü han stu Síta LES SAL um mit der wü Par len Fra auc der alli bai WE del gel La det stu tor ko ne: Int de. de: dic salt tra ter S§e Lüt
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