Full text: Lübeckische Blätter. 1997 (162)

schluß dieses ersten Teiles bildete eine mehrsätzige choreographische Arbeit John Neumeiers mit dem Titel .„Yonde- ring“ nach Musik von Stephen C. Fo- ster, die in vielfältigem Sinne Grenzen überschreitet. ist sie doch in Zusam- menarbeit mit Kanadas National Ballet School entstanden. Inhaltlich stellt sie ein Überschreiten in Unabwägbares dar, wenn Szenen der Pionierzeit beschwo- ren werden. Das wurde mit großem Ein- satz von zirka 30 Tänzerinnen und Tän- zern der Abschlußklassen realisiert. Ei- ner der Höhepunkte war hier die witzige Liebesgeschichte zu „Molly! Do You Love Me“ von Franziska Beckmann und Milan Jarosch. Im zweiten Teil stellten Solisten des Hamburg-Balletts unterschiedliche Szenen aus choreographischen Arbeiten John Neumeiers vor. Das Spektrum reichte von expressiver Gestaltung - in der Szene „Der Krieg“ aus der „Odys- see‘ - über den literarisch inspirierten „Carmen“-Ausschnitt nach Musik von Rodion Schtschedrin (hervorragend Anna Polikarpova und Lloyd Riggins) und über neue Formen des Pas de deux in der „Scheherezade“ nach Rimskij- Korsakows Musik bis hin zu der ironi- sierten Beziehung zwischen Ballettmei- ster (Ivan Urban) und Ballerina (Rose Gad). doppelbödiges Ballett im Ballett. Der lange Beifall und die Begeiste- rung der Besucher dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß solch eine Veran- staltung kein Ersatz für einen Ballett- abend sein kann, schon gar nicht für eine eigene beständige Sparte am Thea- ter. Er war nichts mehr als ein zwar dan- kenswerter und hervorragender Ein- blick in die Arbeit des Impresarios John Neumeier, der mit seinem Ballett ein in- ternationales Renommee sich erarbeitet hat. „Winterreise“ der Tanz-Companie- Lübeck Anders dagegen am 24. Oktober in den Kammerspielen Juliane Rößlers Tanz-Companie-Lübeck in einer neuen Produktion mit dem Titel „Winterreise“ nach Musik von Franz Schubert und Friedhelm Döhl. Die kleine. mit nur sechs Tänzern äußerst engagierte Grup- pe. auch sie dringend angewiesen auf Zuwendungen, vermag schon eher die Ballett-Lücke zu schließen, bringt sie doch in ihren abendfüllenden Produk- tionen ein geschlossenes Ganzes. Und so erlebten bei der Premiere die Zu- schauer eine Wanderung durch Zeit und Raum, die sich in einprägsamen Bildern vollzog. Die Bühne forderte die Fanta- sie durch die gliedernden schmalen, weißen Seitenbahnen, wodurch imagi- 322 näre Quergassen entstanden, und durch den weiß verhängten Hintergrund. der als kahle Wand den Raum wie in einem Kerker beengte. Gegen diese Mauer wurde immer wieder gerannt, sie wurde zu durchbrechen versucht oder wie eine Klagemauer genutzt. Requisiten gab es keine, bis auf die überdimensionierte Sanduhr links, Fixpunkt in dem Solo von Juliane Rößler im dritten Teil, und bis auf den schwarzen Flügel rechts, so gestellt, daß der Pianist dem Publikum den Rücken zuwandte. Auch der Flügel wurde in das Spiel eingebezogen, war nicht nur Instrument für die Begleitmu- sik. Die winterliche Reise beginnt bei leerer Bühne im gleißenden Licht mit Bahnhofksgeräuschen: Ankunkt zunächst des Pianisten (Alexander Rößler) im hellen Staubmantel über dem Frack. Langsam bewegt er sich durch die Gas- sen nach vorne,. legt seinen Mantel ab und spielt Schuberts „Wandererkanta- sie“. Im Hintergrund beginnt der erste Teil, „Suche“. Die Tänzer hasten und mühen sich, meist vereinzelt, durch die Gassen, vorwärts, rückwärts, eine ein- leuchtende Metapher für das Unter- wegs-Sein, aber auch für die Einsam- keit auf dem Lebensweg. Die Kostüme sind in sanften Farben, leicht folklori- stisch; einfache Menschen einer ver- gangenen Zeit werden beschworen. Be- wegungen prägen sich ein: das Rück- wärtsgenen, das erschrockene Ver- schließen des Mundes mit der Hand nach einem Aufschrei oder das Anren- nen gegen die Rückwand und das Schie- ben als Ausdruck einer gezwungenen Beziehung. Solche Elemente sind leit- motivisch genutzt, kehren in allen Tei- len wieder. Der zweite dann, „Ahnung“, gehört dem Wanderburschen. Im ersten Teil noch war er Fremder unter Fremden, wenn er sich im Bühnenhintergrund im- mer wieder quer über die Bühne be- wegt. Jetzt ist er ohne Kopfbedeckung, wird Individuum und füllt die Bühne mit seinem Gesang. Das ist hervorra- gend gemacht, wie der Bariton Benno Schöning sieben Lieder aus Schuberts „Winterreise“ gestaltet und gleichzeitig in den Tanz eingebunden wird durch Fi- guren in braunen Kutten, die ihm mit verzenrender Lebensgier bedrängen oder ihm ihre todbringende Natur auf- zwingen. Dann erscheint zum „Weg- weise“ der unbeugsam führende Tod. „Der Leiermann“ beschließt diesen Teil. Im nächsten Abschnitt, „Einst“, hat die Prinzipalin ihren Auftritt. Zu Fried- helm Döhls „Bruchstücke zur Winter- reise“, einer, wie der Komponist es nennt, „Decollage“ der Schubertlieder, versucht sie in eine andere Zeitdimensi- on zu kühren. Das gelingt nur wenig. Zwar zitiert auch sie, wie es Döhl in sei- nen Stücken tut, Wendungen aus den Teilen vorher, aber Döhls musikalische Remineszenzen scheinen entmateriali- siert, entziehen sich der tänzerischen Konkretisation. Die gelingt der Choreographin im letzten Teil, „Wohin“, wirkungsvoller. Zwar sind die silbergrauen Raumanzür- ge eine zu abgegrikkene Kostümierung und ebenso die überall gleichen eckigen Roboterbewegungen, doch findet Julia- ne Rößler nun zu der über Lautsprecher abgespielten Musik einen sinnlicheren Kontakt. Wieder ist es ein Werk Döhls. diesmal für Streichquartett, wieder sind es Reflexe auk Schubertlieder, deshalb der Titel „Winterreise“. Hier bleiben vor allem die qualvollen Bilder von Sehnsucht nach dem anderen und des- sen manisches Zurückziehen in Erinne- rung: zu schmerzhaft hohen Streicher- klageoletts ein leidvolles Vereinsamen. Die Wand wird Klagemauer, trostloser Halt. Einbezogen ist auch der Pianist: er öffnet und schließt in leerem Tun den Tastendeckel seines Flügels, tonloser Kommentar zu dem Verstummen realer Musik. Das Ganze ist ehrgeizig, von einem hohen Anspruch getragen. Doch nimmt der Tanz nur dann ganz gefangen, wenn die Choreographie unabhängig bleibt. Sie wird dann belanglos. wenn sie sich, wie besonders in der Fuge des ersten Teiles, zu genau an die Musik hält, de- ren Strukturen nachzeichnet, sich ihr unterwirft. Zudem wirken einige Bewe- eungen aukgesetzt. Warum müssen die Wanderungen so endlos sein? Der Zu- schauer hat längst begriffen. Warum muß der Flügel bestiegen werden, wenn sich dann kein Kontakt zum Pianisten ergibt. Warum muß die Mauer mit ein- deutigen Unterleibsbewegungen bear- beitet werden? Auch empfindet es der Rezensent als Schwäche, daß die so an- dere Musik Döhls nicht zu anderer Tanzsprache führt. Die Choreographin variiert nur, ohne den Gegensatz zu wa- gen. Diese Einwände sollen aber nicht das gesamte Projekt abwerten. Es lohnt die Auseinandersetzung mit ihm, denn es vermag zu zeigen, wie diftferenziert Tanz sich ausdrückt. Berechtigt deshalb der lange und herzliche Beifall für die überzeugenden Leistungen der Tänzer Alicja Adamska, Thomas Bünger, Ulla Benninghoven, Ulrich Gebauer, Shiao Ing Oei und Juliane Rößler, für den in Gesang und Gestaltung beeindrucken- den Sänger und den einfühlsamen Pia- nisten. Auch Friedhelm Döhl nahm den Beifall für seine reizvollen Kompositio- nen mit Freude entgegen. Arndt Voß Lübeckische Blätter 1997/19 arz XE lic! Lüt
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