Full text: Lübeckische Blätter. 1997 (162)

Was bringt die neue Rechtsform einer „Gesellschaft mit beschränkter Haftung‘ dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck? Existentielle Sorgen eines Orchesters - Eine Zusammenstellung von Arndt Voß Zur Überraschung der Betroffenen, vor allem zur Überra- schung des Orchesters, das erst sehr spät davon erfahren hat, wurden von der Stadt in den letzten Monaten Pläne vorange- trieben, Theater und Orchester fortan privatwirtschaftlich zu führen. Das brachte viele Irritationen, die in Gesprächen des Orchesters mit den Verantwortlichen nicht beseitigt werden konnten und durch Artikel der Lübecker Tagespresse noch verstärkt wurden. Deshalb hat sich das Orchester am 13. No- vember in der Volkshochschule mit einer kurzfristig einberu- Nur etwas mehr als anderthalb Jahre ist es her, daß der Senat der Hansestadt Lübeck durch einen ülberraschend schnell gefaßten Beschluß den Klang- körper, der Lübecks Kultur in Konzert- saal und Theater am lebendigsten und beständigsten vertritt. wegen seiner be- sonderen Leistungen adelte. Die Musi- ker des Sinfonieorchesters durften sich fortan „Philharmoniker“ nennen. Daß diese für die Stadt „kostenneutrale“’, für die Musiker verdiente Ehrung dann aber so beiläufig erfolgte, wirkt ein Licht aut die Art, wie die Stadt mit dem Orchester umgeht. In einem ähnlichen Schnelldurch- gang wird seit wenigen Monaten die komplexe und sehr diffizile Umwand- lung von Orchester und Theater in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung vorbereitet. propagiert als ein Schritt zu eigenverantwortlicher Selbständigkeit. Der in der Podiumsdiskussion offenbar- te eigentliche und bislang verheimlichte Grund für die Hast. mit der die Um- wandlung vollzogen wird. ist die mögli- che, aber nicht sichere Aussicht auf etli- che Millionen Mark Steuerrückerstat- tung, die ein eigenständiges, privatwirt- schaftllen geführtes Unternehmen „Theater“ der Stadt bringen kann. Nun ist Zeitdruck immer ein schlechter Be- rater, und es erscheint vielen die Um- wandlung in die Gesellschaft daher in einem anderen Licht, nämlich als Mit- tel, sich dieses kulturellen Bereiches zu entledigen. Auch wenn die Stadt als Hauptgesellschafter mit 50 Prozent An- teil auftritt und für Ausfälle bürgt. kann sie sich doch als bloßer Geldgeber auf- führen und die inhaltliche Verantwor- tung aut die Gesellschaft abschieben. Dies alles geschieht zu einem Zeit- punkt, zu dem das Orchester sein hun- dertjähriges Bestehen feiert. Aber gera- de für das Orchester, mehr als für das Theater, bietet die mögliche neue Exi- stenzkorm Grund. sich vor der Zukunkt zu fürchten. Ulrich Meyenborg, als Kul- tursenator zuständig für die Gestaltung des Vertrages, nannte in einem bereits 320 men. im August geführten Gespräch als Grund für die Umwandlung vor allem die „deutliche Effizienzsteigerung“, die mit der neuen Form möglich sei. Eine privatrechtliche Gesellschaft sei klexi- bler. sei nicht an den umständlicheren kameralistischen Instanzenweg gebun- den, könne seine Mittel ohne Haus- haltsvorgaben und Haushaltszwänge verwalten, könne Deckungen herstel- len, wo es möglich und nötig sei, und müsse nicht in dem engen Rahmen des Haushaltsjahres planen. Das sind über- zeugende Gründe, die aber allein den fi- nanziellen und verwaltungstechnischen Bereich betreffen. In diesem Bereich sind auch die Pläne für die Mitarbeiter an Theater und Orchester formal befrie- digend umzusetzen, wenn mit den Be- teiligten, den Vertretern der Stadt, des Personalrates, des Bühnenvereins und der Gewerkschaft entsprechende Rege- lungen innerhalb des Tarifvertragsrech- tes ausgehandelt werden, wenn auch ein Wirtschaftsprüfer die Verträge begut- achtet, wie es denn geschehen soll. So weit, so gut. Wir unterstellen auch, dals die Stadt, vor allem ihr verantwortlicher Vertreter, der Kultursenator, es in die- sem Bereich redlich meint und er in lau- terer Absicht im Interesse der Bedien- steten handelt. Genügt das aber? Ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung für alle Bereiche durchgeführt, die zeigt, dal die „Gesellschaft mit beschränkter Haf- tung“ wirklich die bessere Form ist? Ist genügend bedacht, welchen Nutzen die Kreise, die sich für einen Minimal-Be- trag als Gesellschafter einkaufen, dem Betrieb bringen? Wirklich geeignet? Es bleiben gehörige Zweikel, denn der finanzielle Bereich, soweit er die Zukunftssicherung anbelangt, ist nur ein Teil des Vertrages. der dem Orche- ster nicht die großen Sorgen bereitet. Probleme sieht es für sich vor allem darin, daß es in dieser Gesellschafts- form nur einen untergeordneten, abhän- fenen, dennoch gut besetzten und besuchten Podiumsdiskus- sion - schlagkräftiger Titel „I00 Jahre - und was dann?“ - an die Öffentlichkeit gewandt, um seine Sorgen zu verdeutli- chen, denn die Entscheidung soll nach dem Willen der Zu- ständigen bereits Ende des Monats in der nächsten und letz- ten Bürgerschaftssitzung dieses Jahres fallen. Wir haben vor- ab mit dem Orchestervorstand gesprochen und stellen die Sorgen der Musiker bewußt parteiisch und polemisch zusam- gigen Platz bekommt. Sicher wird es ei- nen Aufsichtsrat geben, der bei Fehllen- kung eingreifen kann und dessen Vor- sitz wiederum der Kultursenator haben wird, wie er ihn schon bei der anderen Gesellschaft hat, die für die Musik- und Kongreßhalle besteht. Sieht man davon ab, daß hier Interessenskollisionen ent- stehen können, wenn es um Aulttritte des Orchesters in der Halle geht, so kann man vor allem darin die Sorgen des Orchesters teilen, daß die Aufsicht des Senats schon in der Vergangenheit nicht immer funktioniert hat. Das be- trifft zum Beispiel die Vertragsgestal- tung mit dem Orchesterchet oder der Einsatz des Orchesters im Theater oder anderswo. Warum soll das in Zukunkt besser laufen, zumal die designierte Führung der neuen Gesellschaft vermu- ten läßt, daß das Orchester Mühe haben wird, seine Ansprüche durchzusetzen. Denn als Geschäftsführer sind der Ge- sON ang ist wie wel Ber Mu Ver r eic ES kan sPic zuk gev sON out abe Exi die: Ein Ver dals tior den Ab sch lick ten Es kür | Bei neralintendant des Theaters vorgeseen hen, also ein Mann der Sprechbühne, und der bisherige Verwaltungsleiter, ein Verwaltungsbeamter, der weder eine kaufmännische noch eine betriebswirt- schaftliche Befähigung vorweisen kann, wie für solch eine Spitzenposition vorausgesetzt werden sollte. Zudem scheint die Vertrags-Konstruktion den Orchesterbereich vollkommen ,verges- sen“ zu haben. Das geht auch daraus hervor, daß der Generalmusikdirektor nicht eingeplant ist. Er ist und bleibt vertraglich in seiner Tätigkeit mit dem Orchester nur der Stadt direkt verant- wortlich. Auch dies ist ein Indiz, wie leichtfertig mit dem ganzen Bereich Or- chester umgegangen wurde, und zeigt, daß die Sorgen nicht unbegründet sind, daß das Orchester und Musiktheater nicht gut vertreten werden und man- gelnden Transparenz-Vorlieben der Ge- schäftsführung, die nur unschwer aus- zuloten sind, viel Raum läßt. Die Oper zum Beispiel Da die Gesellschaft auf Gewinn aus- gerichtet ist, wird überall dort, wo be- Lübeckische Blätter 1997/19 | Zzun bec die ang ger Sct che Tag Wir B: am auk fall pri. | ner ger sta in kra
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