Full text: Lübeckische Blätter. 1997 (162)

Ns 97/19 Gegensätze zwischen Weltk | Podiumsdiskussion ,,10 Jahre Weltkulture in der Lübecker Altstadt sollt „Strategien zur Lösung vermeintli- cher Gegensätze“ zwischen Weltkultur- erbeerhalt und Wirtschaftsentwicklung en einmal | aufgezeigt werden. Anläßlich der Ein- Grundsatzaussage aufgefordert tragung der Lübecker Altstadt in die Welterbeliste der UNESCO vor jetzt 10 Jahren war zu einer öffentlichen Podi- umsdiskussion zum 5. November in die Petri-Kirche eingeladen worden. Als Veranstalter zeichneten die Hansestadt Lübeck und die Lübeckische Gesell- schaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit sowie die „Lübecker Nach- richten“. Die Direktorin der „Gemein- nützigen Gesellschaft“ Renate Menken begrüßte die Podiumsteilnehmer und die erschienene Ofkentlichkeit: sie wies darauf hin, daß immerhin die „Gemein- nützige“ das Thema .Rettet Lübeck“ vor IS Jahren in die Diskussion brachte. Mit einer kurzen Einführung übernahm Prof. Dr. Gottfried Kiesow, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die Moderation; von ihm wurden die Podiumsteilnehnmer zunächst zu einer ~ diese Aussagen waren zuvor teilweise schon schriftlich formuliert und in der örtli- chen Tageszeitung abgedruckt worden. Dr. Robert Knüppel. früher Bürger- meister in Lübeck und seit längerer Zeit Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. gab Antwort auf die Frage „Warum ist Lübeck in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wor- den?“ Für die Eintragung Lübecks hät- ten vor allem zwei Gründe Lesprochen: Einmal sei die Altstadt Lübecks ein Ge- samtkunstwerk, ein Denkmal mittelal- terlicher Stadtbaukunst; Identifikati- onsträger der Stadtpersönlichkeit seien der geplante Stadtgrundriß, das histori- sche Raumgefküge, die historische Bau- struktur, die unverwechselbare Stadtsil]- houette. Dann hätte Lübeck als Führe- [ rin des Hansebundes jahrhundertelang europäische Geschichte geschrieben. Zu der Feststellung „Städtebauliche Denkmalptlege und Stadtentwicklung - kein Widerspruch“ stellte Ottmar Strauſs, Stadtbaurat in Bamberg, vier Thesen auf, wonach es nur dann einen Widerspruch geben würde, wenn zu we- nig Wissen über die historische Stadt vorliegt und dadureh Planungen und Maßnahmen nur unzureichend begrün- det sind, wenn Planung und Maßnah- men durch Bürger und Politik nicht nachvollziehbar sind, wenn kein Aus- gleich zwischen wirtschaftlichen Inter- essen und Beschränkung gefunden Lübeckische Blätter 1997/19 rbe Lübeck“. - wird, wenn Planungen in sich wider- sprüchlich sind und Planungszeiträume zu lange dauern und somit alle Partner keine Sicherheit zur Umsetzung haben. „Chancen und Probleme bei der Umnutzung historischer Gebäude“ zeigte Dr. Horst Siewert, Leiter des Amtlts für Bau-Denkmalpklege der Han- sestadt Lübeck, auf. Die Lübecker Alt- stadt in einer Zeit zu erhalten, in der Gesellschaft und Wirtschaft dem Zwang zur Innovation und ökonomi- scher Rationalität verhaftet seien. sei eine besondere Herausforderung. Be- schlüsse und Gesetze seien dabei hilf- reich, reichten aber nicht aus. Dies schon deshalb nicht, weil die Erhaltung eines mittelalterlichen Stadtdenkmals durch moderne Nutzung einen Wider- spruch in sich berge. Das Spannungs- keld zwischen Erhaltung und Nutzung berge aber nicht nur Konkliktpotential, sondern auch die Chance, Architektur und Städtebau mit einer besonderen Qualität auszustatten, sie vor einer kurzlebigen Modernität zu bewahren. Siewert mahnte, die „Grüne Wiese“ mit ihren Eigenarten lasse sich nicht in die historische Altstadt schaffen. Aus der Sicht des Leiters des Amts für Lübeck-Werbung und Tourismus äu- Berte sich Dr. Tadeus Schreiber zu dem Punkt . Tourismus und Denkmalpklege - Chancen und Grenzen eines altstadt- verträglichen Tourismus“. So scheine Tourismus den Denkmälern nur Scha- den zuzufügen, während hingegen die Denkmalpklege touristische Standort- qualitäten schaffe und meßbar von der historischen Bausubstanz profitiere. Doch so unvereinbar wie es scheine, seien die beiden Bereiche nicht. Die Denkmalpklege sei eine sehr teure An- gelegenheit, die häufig erst durch den Tourismus finanzierbar werde. Schrei- ber bekräftigte, daß die Touristen in er- ster Linie wegen des Weltkulturerbes kämen. Die Frage „Weltkulturerbe ganz un- ten - was leistet die Archäologie zum Erhalt des Weltkulturerbes?“ beantwor- tete Dr. Manfred Gläser, Leiter des Amts für Archäologische Denkmalptkle- ge der Hansestadt Lübeck, mit Hinwei- sen auf die Ergebnisse der Forschun- gen, die ersten Schritte einer Öffent- lichkeitsarbeit, die Zusammenarbeit mit den in- und ausländischen Kollegen. In seinem Statement „Handel mit Wandel im Weltkulturerbe - Chance. Verpflichtung oder lästige Pflicht?“ konstatierte der Hauptgeschäftsführer ulturerbe und Wirtschaftsentwicklung Kontroverse zwischen Denkmalpflege und Handel der Industrie- und Handelskammer zu Lübeck Dr. Hans-Rüdiger Asche im Rückblick auf den Zeitraum von zehn Jahren seit der Verleihung des ..Welt- kulturerbetitels“ aus der Sicht der Wirt- schaft., daß diese Verleihung der Wirt- schaft in Lübeck eher zum Nachteil LE- reicht habe. Durch die Bestimmungen des Denkmalschutzes - die aufgrund der Verleihung besondere Aufmerksam- keit gefunden hätten und im Zweifel enger ausgelegt würden. so das Emptin- den der Wirtschaft - würden nach seiner Einschätzung Investitionen Verzögert oder auch behindert. Mit dem Titel „Weltkulturerbe“ sei das ,.historische Bewußtsein“ in Politik. Verwaltung und bei vielen Bürgern geschärft, die Belan- ge der Wirtschaft seien aber zunehmend als „störend“ empfunden worden. Auch wenn sich das „Weltkulturerbe“ nur auf einen - wenn auch recht großen - Teil der Altstadt beziehe. würde in der öf- fentlichen Diskussion immer die LE- samte Altstadt einbezogen. Klassisches Beispiel sei die zurückliegende Diskus- sion um die Verkehrsberuhigung. Bei aller Anerkennung des Titels „„Weltkul- turerbe“ und des notwendigen Denk- malschutzes müsse beachtet werden. daß Lübeck ein Oberzentrum sei und ein lebendiges. attraktives Oberzentrum bleiben müsse. Sicherung der Arbeits- plätze und Erhaltung der denkmalge- schützten Gebäude seien nur mit und nicht gegen die Wirtschaft machbar. Die Planziele des 4. Sanierungsberichtes - Zieldiskussion und alternative Modelle zur Sanierung der Lübecker Altstadt - . auch wenn schon aus dem Jahre 1973 stammend, seien für ihn nach wie vor sinnvoll. Asche betonte, die Wirtschaft müsse den Wünschen der Kunden ge- recht werden. um überleben zu können. Dr. Volker Zahn. Bausenator der Hansestadt Lübeck, entwickelte in sei- nem Kurzreferat Thesen zum Thema „Stadtentwicklung Lübeck - ein Bei- trag zum Erhalt des Weltkulturerbes“. Schon allein aufgrund ihrer außeror- dentlichen stadtbaugeschichtlichen und funktionalen Besonderheiten sei für die Stadtplanung die gesellschaftliche Ver- pflichtung zur Erhaltung des Weltkul- turerbes für kommende Generationen unbestritten. Die Stadtplanung halte es deshalb für unabdingbar, daß im Welt- kulturerbe die Denkmalfunktion der Altstadt absoluten Vorrang vor allen an- deren Funktionen und Nutzungen habe. Unter städtebaulichen Aspekten gelte es vor allem. die prägenden städteräumli- 317
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