Full text: Lübeckische Blätter. 1997 (162)

die Familie Loman aufgeboten wird: Gegenüber der noch recht dünnbrüsti- gen Verkörperung durch „Kommissar“ Erik Ode vor 20 Jahren in den Kammer- spielen hat Rainer Luxem den Vorzug, den 17 Jahre früher angesiedelten Rückblendeszenen genug Power mitge- ben zu können; andererseits gestaltet er eindringlich die Gebrochenheit und Ge- brechlichkeit des über 60jährigen Ver- treters. Hannelore Telloke ist weniger eine sich tapfer gegen den Einsturz des Kartenhauses stemmende Ehefrau und Mutter als vielmehr eine frühzeitig ver- härmte. mitleidende Partnerin. Dietrich Schulz macht glaubhaft, daß Bitt, in seinem Trotz wie in seiner Labilität, nach seinem Vater schlägt; Jörg-Hein- rich Benthien als flatterhnafter Happy tritt + durchaus im Sinne des Textes - hinter ihm zurück. In kluger Ökonomie, die einer drei- stündigen Aufführung angemessen ist, läßt die Regie die Handlung in der er- schütternden SchlußBszene kulminieren und in dem anschließenden „Requiem“ als einem „„Spiel für Stimmen“ ausklin- gen. Zuvor haben nicht alle Szenen die gleiche Dichte: weder die im Büro von Howard (Hartmut Lange) noch die im Steakrestaurant (mit Katrin Grumeth und Anke Schüler als Flittchen und Elke Wollmann als Geliebter aus Willys frü- heren Tagen). Die im Vordergrund ab- sichtlich lose gelegten Bühnenbretter - Symbol für Brüchigkeit - steigerten die Premierennervosität zumal der jünge- ren Darsteller. Dessenungeachtet hatte das nicht sehr zahlreich erschienene Pu- blikum Anlaß, für eine bewegende und absolut seriöse Aufführung zu danken. Klaus Brenneke „Das Spiel von Liebe und Zufall“ in den Kammerspielen Was geschieht eigentlich mit Akteu- ren, wenn sie in einer Szene von der Bühne abtreten? Nein. gemeint ist nicht, ob die Schauspieler zwischen zwei Auftritten genug Zeit haben, die Kantine aufzusuchen, sondern: Finden die wahren Dramen vielleicht gar hinter der Bühne statt? Verprügelt - um nur ein Beispiel zu nennen - Musikus Mll- ler in „Kabale und Liebe“ seine törichte Ehefrau mit dem Bogen seines Cellos? Wie es Randfiguren in Wahrheit erge- hen kann, hat der englische Autor Tom Stoppard vor dreißig Jahren mit seiner „Hamlet‘“-Fortschreibung „Rosencrantz und Guildenstern are dead‘ imaginiert. Einer der reizenden Einfälle der Re- gisseurin Rosee Riggs ist es, dem Zu- schauer mittels eines transparenten Rundvorhangs (Bühnenbild: Elke Kö- nig) Einblick zu verschatken in die Be- schäftigungen der Protagonisten auf der Hinterbühne. Sie reden. essen oder wid- 266 men sich einem Brettspiel. Auf diese Weise bekommen die Vorgänge, deren Zeuge wir in der Hauptsache werden, einen einleuchtenden Tiefengrund. Worum geht es? Silvia und Dorante sind füreinander bestimmt (worden). Unabhängig voneinander kommen sie auf den Gedanken, sich selbst und den Partner in spe durch einen Kleider- tausch mit Zoke und Diener zu prüfen. Nach mancherlei Wirrnissen, Prüfun- gen und - im Wortsinn: - Anfechtungen ist die Welt schließlich um gleich zwei glückliche Paare reicher geworden. Ein Spiel, geboren aus dem Esprit des Rokoko, das schon den Geist der Aufklärung atmet, auch gar an „Cosi fan tutte“ denken läßt: Lieben wir ein bestimmtes Individuum? Ist seine Iden- tität austauschbar? Welche Rolle spielt für unsere Wahl seine soziale Stellung? Sechzig Jahre vor der Französischen Revolution stellt das bekannteste Stück von Pierre Carlet de Marivaux durchaus schon radikale Fragen, ohne indes be- reits im eigentlichen Sinne revolutionär zu sein. Gespannt sein durfte man in der be- schwingten Lübecker Neuinszenierung vor allem auf das Debüt der neuenga- gierten Kräfte, die sich allesamt mit Witz und Spielfreude präsentierten. Da ist an erster Stelle Saskia von Winter- feld als Silvia zu nennen: Dieser Frau- engestalt hat der Autor die größte Skala seelischer Differenzierung mitgegeben, und die Darstellerin schöpft sie voll aus. vom berechnenden Kalkül bis zur Tiefe des Gefühls. Christoph Michael Schüchner ist der frische, selbstbewuß- te Liebhaber, Paul Kaiser ein scheinbar tückischer Rivale. Miriam Gruden, seit einem Jahr am Ensemble, beweist als kokettes. gewitztes Kammermädchen gereiftes Profil; Volkmar Bendig, der Älteste im aufgebotenen Ensemble, ver- folgt und lenkt als Silvias Vater gelas- sen die turbulenten Vorgänge. Während die Inszenierung - in die- sem Punkt nicht immer ganz überzeu- gend - mit gelegentlich französischem Zungenschlag und einigen Chansons gewürzt ist, dark Sven Simon als Harle- kin unverfälschtes Norddeutsch spre- chen: „Ham Sie schon mal Falschgeld gesehen?“ Von Anbeginn hat er die La- cher auf seiner Seite, als er in zehnmi- nütiger Pantomime die Kleider tauscht mit seinem Herrn Dorante, der später gegenüber .Lisette“ alias Silvia als er- ster seine wahre Identität offenbaren wird. Nach dem „Diener zweier Herren“ vor einem Jahr nunmehr ein weiteres unverstaubtes Stück aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Wie wäre es denn zu Beginn der nächsten Spiel- zeit mit einem Werk aus dem Jahre 1767, „Minna von Barnhelm‘? Inspi- riert durch den lebhaften Beifall für die Marivaux-Premiere, bastelt der Rezen- sent bereits an einer passenden Beset- zung für Lessings unverwüstlicheg Lustspiel ... Klaus Brenneke Musik Leipziger Streichquartett im Kolosseum beim Verein der Musikfreunde Das 1988 aus Musikern des Ge- wandhausorchesters gegründete Leipzj- ger Streichquartett hatte für sein Lübek- ker Debüt beim Verein der Musikfreun- de im Kolosseum den Klarinettisten Ih Hausmann mitgebracht. Dementspre- chend entwickelte sich das Klarinetten- quintett h-Moll von Brahms zum Höhe- punkt des Konzerts. Der Abend begann mit Mozarts Streichquartett d-Moll KV 421, das in Haydnscher Tradition angelegt ist. Nach gesangvoll zart ausgekostetem Beginn widmete man sich mit Liebe fürs Detail der abwechslungsreich ge- stalteten Durchführung. Dabei bestach die Ausgewogenheit aller Stimmen im Zusammenklang, in den sich die I. Gei- ge trotz Vormachtstellung abgewogen integrierte. Danch bewiesen die Spieler, daß man im Andante und Menuett auch harmonisch simple Mehrstimmigkeit so klangschön ausspielen kann, daß schlichte Homophonie dank blitzsaube- rer Intonation zum Hörvergnügen wird. Nach seidig hingehuschtem Trio mit Pizzicato-Begleitung setzte der Final- satz mit seinen verspielten Variationen seinen zurückhaltenden Schlußpunkt. Schuberts nachgelassener Streich- quartettsatz c-Moll wurde mit seinen Gegensätzen von tiefer Zerrissenheit und Todesfurcht gegenüber tröstendr-er- lösender Melodie zum Stimmungsbila der Gemütslage des Komponisten. Nach fast übertriebener Hast änegstlicher Flucht vor dem Herbststurm elättete sich die Erregung in gesanglichen Sze- nen, die an Trost, Ergebung ins Schick- sal und - wie im 2. Satz der „Unvollen- deten“ - an glückliche Sonnenseiten des Lebens erinnerten. War es die Klarinette im Brahms- schen Quintett, die von ihrem ersten Einsatz an dafür sorgte, daß sich im Forte-Spiel fast sinfonische Pracht Bahn brach? Freude am Klang und strö- mende Empfindungskraft beherrschten die Szene, die von allen Instrumenten tonschön ausgekostet wurde. Dynami- sche Feinabstimmung bis hin zu samte- nem Hauch con sordino erweiterte die reiche Ausdrucksskala, die sich im Ada- gio zum versonnenen Nachtstück ent- wickelte, das die Klarinette mit unn glaublich zartem Ansatz rezitativisch beherrschte. Auch im Schlußsatz wurde Lübeckische Blätter 1997/16 = das ro musik Damit musik künstce W Dien Zum \ Baroc Zur ' men i Im Bauge schiec teren | zahl . häufig im 18 Zum ' Mit E Interi Flede Dr tierku mend noch Weise zuord
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