Full text: Lübeckische Blätter. 1997 (162)

Rychners erster in der Schweiz erschie- nenen Rezension des „Doktor Faustus“, die Thomas Mann wie alles, was über das Buch erschien, gelesen hatte, den bereits von den Vorrednern aukgegriffe- nen Gedanken, daß Thomas Mann gera- de an dem Buch hing „wie an keinem anderen“. „Das Ganze ist wie eine offene Wun- de“, schrieb er an Erich von Kahler. Thomas Mann ließ eine Entschieden- heit walten wie nie, nahm sogar Brüche im Freundeskreis hin. 1947 reiste er das erste Mal wieder nach Europa und hielt im Juni in Zürich die Rede „Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfah- rung“, die als eine Rehabilitierung der deutschen Sprache gemeint war. Wie- dergutmachung durch gut Gemachtes, nannte es Sprecher. Tnomas Mann hielt fest, daß die Arbeit im Exil besonders gut gemacht werden sollte. Neben der ästhetischen lief die ethische Kompo- nente mit, wie wir sie zum Beispiel im humanen Mythos des „Joseph“ gegen den Rassenmythos finden, seinem „Kampfbuch“ gegen den nationalen Rausch, verfaßt in humanem Deutsch. Für die deutsche Klassik und gegen de- ren Mißbrauch kämptte er seit „Lotte in Weimar“ die nationalsozialistischen Jahre hindurch. Die deutsche Sprache ist sein Raum, den er ins Exil gerettet hat. In seinem Exilwerk verabschiedet er über Trauer und Verlust hinaus eine verlorene Welt. Er arbeitet an der Wie- dergutmachung für das eigentliche Deutschland. Dabei darf man die essentielle Fik- tionalität des Romans, erwachsen aus dem ersten Drei-Zahlen-Plan, der im Notizbuch 7 im Jahr 1904 vermerkt wurde, nicht vergessen. Leverkühn trägt zunächst die genuine Künstlerproblematik aus, ist Repräsen- tant von Künstlertum wie sein Autor und wird erst viel später Repräsentant Deutschlands. Neben der furchtbarsten Klage steht die Hoffnung, die Grund- heiterkeit der Kunst und die Gnade. Die Verzweiflung Leverkühns, wie er sie in seiner Abschiedsrede formuliert. führt insofern zum Heil. als sie die Gnade hervorruft. Im Gegensatz dazu gewinnt Thomas Mann den Eindruck, wie sein Brief an Walter von Molo zeigt. daß Deutsch- land ohne Reue und Zerknirschung da- steht. Der Kontakt zwischen den Emi- granten und den in Deutschland geblie- benen Schriftstellern war und blieb schwieris. „Doktor Faustus“ war für Thomas Mann, der seit 1933 Todesge- danken hatte, wie das Tagebuch verrät, sein Endwerk. sein Vermächtnis wie „Parsifal“, der Abschied. Er hatte damit sein Bestes gegeben, hatte das Gefühl, sich überlebt zu haben. lebte als alter 250 Repräsentant Deutschlands weiter. Sein Leben konnte nun nicht mehr durch das Werk geheilt werden. Thomas Mann hat keine Gestalt - nicht einmal Hanno - so geliebt wie Adrian, der sich seinem Werk opfert und der Verführung der Inspiration wie einem Fatum erliegt. Adrian ist nach Thomas Manns Bildnis erschaffen, ein einsamer, ein- zelgängerischer, egozentrischer, kalter Künstler, der nicht lieben, nicht heira- ten darf, sonst gelingt das Werk nicht. Thomas Mann hat sich trotz oder wegen seiner Liebe zu Paul Ehrenberg 1905 „eine Verfassung“ gegeben, er heiratet nämlich Katja Pringsheim, und der Ver- fassungstext dazu ist nach Manfred Diercks Thomas Manns Erzählung „Schwere Stunde“, der Text, in dem er Schiller, Ene und Werk zusammenbrin- gen läßt. Die Vereinbarkeit von Geist beziehungsweise Kunst und Leben ist das, was Thomas Mann am Stoff von „Doktor Faustus“ interessiert. Die Ein- deutigkeit seiner politischen Rede ge- gen Hitler ist nicht übertragbar aut „Faustus“. Der Roman als Kunstwerk ist gerade gegen ein Gut/Böse-Schema à la Hollywood angeschrieben und be- harrt auf historischer Ungleichzeitig- keit und gesellschaftlichen Zwischen- stufen. Innerhalb des komplizierten Zu- sammenspiels gesellschaftlicher Kräf- te, der Unübersichtlichkeit dessen, was Geschichte für das Individuum bedeu- tet, kann Kunst im Idealfall vorausneh- men, wie wir später leben, wie Sprecher an Dürrenmatt ausführte. „Was werden die Deutschen sa- gen??“ fragt sich Thomas Mann in sei- nem Brief an Rychner, der einer Nach- schrift zu seinem Roman gleichkommt: „Vielleicht lehrt er sie doch, dal} es ein Irrtum war, einen Deserteur vom Deutschtum in mir zu sehen!“ „Eine offene Wunde“, die sich nicht so schnell schließen läßt, beendete Tho- mas Sprecher seine gelungenen Ausfüh- rungen. Musik im „„Doktor Faustus “ Volker Scherliess widmete sich im Anschluß dem Thema ..Doktor Faustus und die Musik“: Die Musikbezüge wei- sen geheimnisvoll Authentisches auf geben dem Werk eine bestimmte Aurgz Musikalisches hat seit den krühesten Theatererfahrungen in Lübeck mit „Lg. hengrin“ und „Der Freischütz“ größte Bedeutung für Thomas Mann. Musikz. lische Prinzipien wie motivische Arbeit | und Leitmotiv werden aber auch zur schriftstellerischen Methode. Die kJ te, das Lachen, die Migräne, bestimmte Orte, das Quadrat und der Schmetter. ling wirken bei der ersten Erwähnun zufällig, werden dann aber mit Bedey. tung aufgeladen im Sinne von Dyng. mik, Kolorierung und kontrapunkti. scher Verknüpfung und entfalten de durch reichen Beziehungszauber, ohne Beziehungswahn walten zu lassen. Die musikalischen Prinzipien im Roma unterliegen nieht ausschließlich der 12-Ton-Systematik. Wichtig war Thomas Mann die my- sikhistorische Realität; er war auf der Suche nach der „menschenkigürlichen Ausstattung des Buches, die Füllung mit prägnanten Umgebungskiguren.“ Er hat historische Dirigenten, Kompositig- nen, Musikverlage, Konzerte und Situa- tionen für seine Schaffung einer „mehr- fachen Vollrealität“ als „Anschauungs- stütze“ benützt beziehungsweise mon- tiert, um eine „Einschwärzung lebender Personen unter die Figuren des Ro- mans“ zu erzielen. Hinter Adrian stehen diverse Modelle und eine intensive Be- schäftigung mit Musik. Er befragte Schönberg, Strawinsky, Krenek, Walter, Klemperer und Michael Mann, bevor er Leverkühn als musikalischen Spiätent- wickler gestaltete, dessen erste musika- lische Erfahrung das Kanonsingen mit der Stall-Hanne war, bevor er aus einem mathematischen Zugang Ordnung und Organisation, wenn auch nicht aus- schließlich à la Beissel, zum Kern sei- ner Entwicklung machte. Scherliess wies darauf hin, daß Tho- mas Mann sich erstmals bei „„Doktor Faustus“ mit neuer Musik beschäftigte, unter anderem in intensiven Gesprä- chen mit Adorno; obwohl Leverkühn Züge von Mahler, Strawinsky und ande- ren trägt, spielen Schönberg und seine Musik die Hauptrolle. Im Herzen aber blieb Thomas Mann der Traditionalist, dem Wagners Ring das Höchste blieb. Der in Brasilien nachgewiesene tropi- sche Schmetterling cithaerias esmeral- da, Vorbild für den Falter hetaera esme- ralda im „„Doktor Faustus “ Lübeckische Blätter 1997/16 Thomas „Echo heben Im Frido M seiner F dem El vierjähr Jögern, zunehm | mit pers hältnis Beziehu ien Tag: ] mit the gungen. einnahn | ligur bl kelt sic! on weit kind. d jst, s0O ; gesproc | verhalte | Pacific zich ebc lüsterne mied ic Mann i des Do Lübeckisc
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