Full text: Lübeckische Blätter. 1997 (162)

n recht; um 1]36q Blätter 199111 eitenflügel befanden sich die Pprivate- n Räume der Dielenhäuser. Wie vor 100 Jahren betritt man im Obergeschoß en von Hokkenstern lichtdurchfluteten npaum und blickt auf die kensterlose jördliche Stirnwand. Dort ist die schöpkung der Welt zu sehen. eine v/andmalerei mit schwarzen Umrißlini- n auf grauem beziehungsweise gelbli- n Grund und Weißhöhungen, die an (risaillemalerei erinnert. Gottvater cchwebt in einer Wolkenschaukel mit usgebreiteten Armen über der Erde. gein Blick fällt auf die Tiere, die er LE- M geschaffen hat. Hase, Fuchs und Hirsche sitzen noch einträchtig, etwas mentschlossen zusammen. Unter dem gild ist eine gerahmte Inschrift mit den jazugehörigen Bibelzitaten aus dem er- cten Kapitel der Genesis in nieder- jeutsch gestellt. Das Bild ist der I. Teil eines Zyklusses von drei Bildern an der nordwand, der sich mit wohl fünf Wei- jeren Bildern an der Ostwand kortsetzt. nas zweite anschließende Bild zeigt die | frschakkung der Eva und das dritte die | ubetung des Christuskindes durch die Heiligen Drei Könige. Von beiden Dar- ztellungen sind nur noch Fragmente er- halten, die nicht durch das Löschwasser zerstört worden sind. Welche Bilder sich nun anschlossen, jann man heute nicht sagen, zu erwar- jen sind Szenen aus dem Leben Jesu. | pies ist jedoch das Ergebnis des oben mgesprochenen Kompromisses. Die lestwand ziert die barocke Ausstattung jes Raumes. Zwischen rot-blauen Ran- ken sind in regelmäßigem Abstand rote, male Kartuschen im Ohrmuschelsti] nit farbigen religiösen Szenen auf die Wand auf gemalt. Die Wandmalerei do- humentiert in qualitätvoller Weise den zul des frühen Barock ab der Mitte des 11. Janrhunderts in Lübeck. Man hat ch zurecht nicht entschließen können, ]jese abzunehmen, um die erste Mal- chicht kreizulegen. Die zwei schmalen Wandstreifen muschen den Hoffenstern gehören wie- [erum zur ersten Raumausmalung. Im sten Feld ist der Gnadenstuhl zu se- len. Gottvater sitzt auf einem Thron md hält das Kreuz mit dem daran befe- zigten Christus vor sich. Der Heilige Geist in Form einer Taube ist nicht mehr ethallen. Die Szene ist umgeben von lolken und Cherubinen. Die darunter hefindliiche Inschriftkartusche ist nur mch teilweise zu lesen. Es handelt sich im Vers 16 aus dem 3. Kapitel des Jo- junnes-Evangeliums: „Also hat Gott lie Welt geliebet, daß er seinen einge- hormen Sohn gab, auf daß alle, die an In glauben, nicht verloren werden, jundern das ewige Leben haben“. Auf dem zweiten Wandstreifen be- Indet sich die bewegte Darstellung von libeckische Blätter 1997/9 König David mit der Harfe und wehen- den Gewandteilen. Unter dem Bild steht in der Spruchtafel ein Zitat des Psalms 37, 25: „Ich bin yunck Gewessen unde oldt geworden unde hebbe noch newer- rel gesen Des ... recht verdigen“ (Ich bin jung Seewesen, und alt worden, und hrbs noch nie sehen den Gerechten ver- assen]) . Die Bilder sind Teil eines typischen Wandgestaltungssystems. das man in Lübeck seit dem Spätmittelalter häufig nachweisen kann. Die Wände wurden in zwei Zonen aufgeteilt. Die untere zeigt gemalte Vorhänge oder wie hier eine hölzerne Wandpaneele, die durch Fül- lungen besonders betont wird. Ein brei- ter Fries schließt die untere Zone ab. In der darüberliegenden Zone befinden sich die Bilder mit den gerahmten In- schriftfeldern. Das Wandgliederungssystem ist im Laufe des 16. Jahrhunderts entstanden. Einer der Gründe, wenn nicht sogar der entscheidende Grund, die untere Zone mit einer gemalten Holzpaneele auszu- schmücken, war für den Eigentümer die geringeren Kosten. Andererseits konnte man so den Raum je nach modischem Geschmack einfach und günstig neu ge- stalten lassen. Eine in Holz ausgeführte Paneele wäre erheblich teurer gewor- den. Sie gehörte aber zur Standardaus- stattung für Stuben und Kammern von gehobenen Bürgerhäusern, worautf man nicht verzichten wollte. Ein Merkmal ist aber sehr erstaunlich: Die Füllungen, die von wellenförmigen Flächen ausge- küllt werden, erinnern an aufgeklappte Bücher. Teilweise sind sie orangerot ge- kaßt. Tatsächlich läßt sich das Motiv von den Faltwerkfüllungen ableiten, die von Tischlern mittels verschiedener Ho- bel hergestellt wurden und Tür- SOWIE Möbelfüllungen zierten. Die Hauptver- breitungszeit reichte vom späten 15. Jahrhundert bis zur Mitte des 16. Jahr- hunderts. Zum Zeitpunkt, als die Male- reien entstanden - nach 1568 ~, waren Faltwerkfüllungen in Norddeutschland jedoch bereits unmodern geworden. In den reichen Bürgerhäusern Lübecks scheinbar aber noch nicht. In der Bilderzone lassen sich eben- falls Neuerungen keststellen, die sich deutlich von den mittelalterlichen Bil- derreihen unterscheiden. Die Bilder werden durch architektonische Bauteile wie zum Beispiel Säulen oder Pilaster getrennt oder eingerahmt. Hier sind es korinthische Säulen mit rot gekaßten Blattmanschetten und Kapitellen, die scheinbar die Deckenbalken tragen. Diese strenge Rahmung und damit Be- grenzung der Bilder ist im Laufe des 16. Jahrhunderts aufgekommen und blieb bis in die I. Hälfte des 17. Jahrhunderts beliebt. Derartig strenge Gliederungen unc Trennungen von Bildern gab es bei mittelalterlichen Bilderzyklen nicht. Die Kombination von Wandbild und Text, scharf getrennt und nicht wie im Mittelalter mittels Spruchbändern im Bild integriert, ist in der Renaissance entwickelt worden. Vorbilder sind da- kür Druckgraphiken, und hier insbeson- dere niederländische und flämische Graphiken, bei denen unter dem Bild okt mehrzeilige Erklärungen oder er- bauliche Texte zu finden sind, die den Betrachter zur geistigen und optischen Auseinandersetzung anregen wollten. In diesen Fällen ist der Text in der Re- gel das wichtigere Element, der durch das Bild illustriert wird, und nicht um- gekehrt. Die Beantwortung der Eingangsfra- ge källt nicht ganz leicht. Zweifelsohne legen die Wandbilder Zeugnis vom Glauben des Hausherrn ab. Die Verwen- dung von Motiven aus dem Alten Testa- ment war gerade nach der Reformation im I6. Jahrhundert sehr beliebt. Leider läßt sich das gesamte Bildprogramm nicht vollständig erschließen. Die bei- den Darstellungen in den schmalen Wandfeldern zwischen den Hoffenstern gehören wohl nicht unmittelbar zum ei- gentlichen Bilderzyklus an den übrigen Wänden. Der Gnadenstuhl ist seit dem 14. Jahrhundert ein beliebtes Thema ge- wesen und diente zur Förderung der Andacht. Das Bild war ein Zeichen für die Dreifaltigkeit. Gottvater empfängt den Leib des Sohnes und reicht ihn wie- der dar. Der Spruch Davids ermahnt den Betrachter, gläubig und rechtschaffen zu sein. Der große Bilderzyklus umfaßt Szenen sowohl des Alten als auch Neu- en Testaments. Dargestellt ist ein Quer- schnitt durch die Bibel mit den wichtig- sten Ereignissen, die Schöpfung, die Er- schaffung der Eva und Szenen aus dem Leben Jesu. Beim Ansehen der Bilder sollte der Betrachter an die christlichen Grundwerte erinnert werden. Der Haus- herr konnte aber gleichzeitig seine christliche Glaubenseinstellung seinen Besuchern dokumentieren. Insgesamt gesehen muß man die Auswahl der heu- te sichtbaren Bilder eher als konservati- ve Einstellung des Auftraggebers, zum Teil noch mit Bezügen zu vorreformato- rischen Vorstellungen, werten. Der Raum gehört zu den Privatgemächern, die man sich individuell gestaltet hat. Dies muß man bei einer Beurteilung mit berücksichtigen. Der Raum ist damit ein „offenes Ge- schichtsbuch“ des Hauses. Die ur- sprüngliche religiöse Wandmalerei, die jüngere barocke Fassung und die heuti- ge moderne Einrichtung dokumentieren Geschmack, Geisteshaltung und Ge- schichtsbewußtsein des jeweiligen Ei- gentümers. 141
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