Full text: Lübeckische Blätter. 1997 (162)

gung der Kaiserkrone 1806 durch Kai- ser Franz Il. machte Lübeck zwar zu ei- ner gänzlich freien Stadt, souverän und keinem Herrn mehr unterworken - aber auch schutzlos allen territorialen Inter- essen der Großmächte ausgeliefert. In den Wirren der napoleonischen Kriege nützte es gar nichts, daß der Rat Orts- schilder in Auftrag gab mit der Auf- schrift: „Territoire neutre de la ville an- séatique‘. Schweden, Preußen und Franzosen besetzten die Stadt trotz Lü- becks Neutralität, und lange Jahre schrecklicher Besetzung folgten. 1810 wurde Lübeck sogar formal dem fran- zösischen Kaiserreich einverleibt und verlor damit seine Unabhängigkeit, wenn auch völkerrechtlich rückblik- kend nur de facto, denn nach der Befrei- ung 1813 erkannten die neuen Sieger- mächte Rußland, Österreich und Preu- Ben die alte Selbständigkeit der drei Hansestädte sofort als fortbestehend an. Auf dem Wiener Kongreß mußte Lü- beck dennoch um seinen Status bangen, weil Dänemark die Hälfte seines Reichs, nämlich Norwegen, an Schwe- den verlor und dafür in Norddeutsch- land entschädigt werden sollte. Es wur- de dann aber „nur“ mit dem Herzogtum Lauenburg abgefunden. Der Wiener Kongreß, auf dem Senator Johann Friedrich Hach Lübeck vertrat, und die Bundesakte von 1815 bewahrten der Stadt die volle Souveränität bis zum Eintritt in den Norddeutschen Bund 1867 und in das Deutsche Reich 1871. Seine Neutralität im Kriege Preußens gegen Österreich ersparte ihm das Schicksal der Stadt Frankfurt am Main, die schon I866 ihre Reichsfreiheit ein- büßte. Im Kaiserreich war Lübecks Stellung unangefochten, und stolz konnte sich der Lübecker Bürgermei- ster als Kollege des Deutschen Kaisers verstehen, weil er wie dieser Repräsen- tant eines Bundesstaates war. Mit dem Zusammenbruch des Kai- serreichs und der Novemberrevolution 1918 drohte der Selbständigkeit Lü- becks erneut akute Gefahr. Schon auf der von den revolutionären Kräften in- itiierten Reichskonferenz am 25. No- vember in Berlin hatte man das Ziel ins Auge gefaßt, mit der deutschen Klein- staaterei aufzuräumen. Und nach dem ersten Verfassungsentwurt des Staatsse- kretärs Dr. Preuss sollte auch Lübeck als Staat verschwinden. Frühzeitig be- mühte sich der Lübecker Bürgermeister Dr. Ferdinand Fehling, dagegenzuhal- ten. Offensichtlich fand er beim Lübek- ker Arbeiter- und Soldatenrat Unterstüt- zung, der - einmalig in Deutschland - Senat und Bürgerschaft im Amt belas- sen hatte. Mit ihm hatte Dr. Fehling schon am 14. November Einigkeit dar- über erzielt, alles zu versuchen, um ,die 118 Selbständigkeit des Lübeckischen Frei- staates zu sichern“, wie Fehling dem Vorsitzenden Mehrlein am folgenden Tage schriftlich bestätigte. Die 1919 in Weimar beschlossene Verfassung sah dann Gebietsänderungen generell auch nur mit Zustimmung der betroffenen Länder vor. Aber die Diskussionen gingen wei- ter. Es gab Bestrebungen, die sogenann- te Provinz Lübeck des Landes Olden- burg, das alte Fürstentum Lübeck - oder jedenfalls seine südlichen Teile mit Schwartau und Stockelsdorf und den Ostseebädern - an Lübeck anzu- schließen. Ähnliche Überlegungen wur- den für Gebiete Westmecklenburgs und Lauenburgs angestellt. Aus allem wurde letztlich nichts. Übrig blieb schließlich die Frage, ob Lübeck mit Hamburg ver- einigt, im Rahmen einer „Nordmark- Lösung“ aufgehen oder in Preußen ein- gegliedert werden sollte. Daß die eine oder andere Alternative aus politischen, administeriellen, wirtschaftlichen und finanziellen Gründen letztlich unum- gänglich sein würde, zeichnete sich in der öffentlichen Diskussion mehr und mehr ab. Dabei erschien den Lübeckern die Vereinigung mit Hamburg als sympathi- schere Lösung, und zwar aus wirt- schaftlichen Gründen, aber auch aus kulturellen, so wie es Thomas Mann, über den wir gleich aus kompetenterem Munde noch mehr hören werden, in ei- nem Interview mit Solmitz Anfang De- zember 1928 zum Ausdruck brachte: „Ich würde die Verbindung Lübecks mit Hamburg für ein großes Glück halten; denn ich sehe darin eine Stärkung han- seatischen Geistes.“ Das spezifisch hanseatisch gefärbte Deutschtum sah er aber bei einer Einverleibung in Preußen oder Mecklenburg gefährdet. Auf die Erhaltung der staatlichen Autonomie kam es ihm dagegen weniger an. In Lübeck selbst gab es dazu auch andere Stimmen. So hatte eine gut be- suchte Versammlung Mitte November 1927 unter ausdrücklicher Billigung des sozialdemokratischen Bürgermei- sters Löwigt einstimmig folgende Ent- schließung angenommen: „Lübeck darf nicht nur aus seiner Vergangenheit, sondern auch aus SEi- nem gegenwärtigen Wirken und aus der ihm an der Ostsee und im Ostseehandel gestellten wirtschaftlichen Aufgabe gleich den anderen beiden Hansestäd- ten das Recht auf Aufrechterhaltung seiner staatlichen Selbständigkeit bei der in Angriff genommenen Neugestal- tung des Reiches ableiten. Demgemäß ist mit Nachdruck zu verlangen, daß bei allen Verhandlungen, die im Zusam- menhang mit der Reichsreform über Lübecks Zukunkt geführt werden, die- ses Recht Lübecks stets beachtet uy seinem Anspruche in gleichem Maß, wie bei den anderen beiden Hansestäg. ten Rechnung getragen wird.“ Nachdem die Nationalsozialistse am 30. Januar 1933 die Macht ergriffey hatten, konnte man durchaus erwartey daß sie in puncto Reichsreform kurze; Prozeß machten und jedenfalls dic Kleinstaaten auf der Stelle verschwin. den ließen. Doch dem war nicht so. Hit. ler wollte im Augenblick keine weiter, Unruhe oder gar Opposition im Volk: heraufbeschwören und stellte deshal, die Neugliederung des Reiches zurück Die Nationalsozialisten hatten es auch nicht nötig, ihren totalen Einfluß auf g]. les Leben in Deutschland über eine Ver. änderung der politischen Landkarte de, Reiches durchzusetzen. Das erreichtey sie schneller und gründlicher durch ein, Y Machtergreifung in den Ländern. g, war es auch in Lübeck. Bei der nur noch halbwegs freien Reichstagswahl vom März hatten sie in Lübeck - nach den, Verbot der Kommunistischen Partei ung dem Verbot des „„Volksboten“, der Pa. teizeitung der Sozialdemokratische, Partei - mit 42,8 Prozent zwar die rel; tive Mehrheit errungen, aber nach der Verfassung Lübecks hätte der Senat er nach der nächsten Bürgerschaftswah; neu zusammengesetzt werden könney Doch solange wartete man nicht. Mj der Androhung von Reichsgewalt wyr. den die mißliebigen Senatoren von Sy. zialdemokratischer Partei und Demy. kratischer Partei auf der Stelle zun Rücktritt gezwungen. Anschließeny wurde der Stadt eine nationalsozialisti. sche Führung verordnet. Der früher Leiter der Gewerbekammer, Dr. Völt. zer, wurde zum Reichskommissar he. stellt. Am 30. Juni wurde als neuer Bür. germeister der frühere Zahnarzt Ir Drechsler eingesetzt. Entsprechend: Gesetze folgten schnell. Die Kollegial. verfassung des Senats wurde am 1g August aufgehoben. Am 30. Jan. 1934 erließ die Reichsregierung dam das Gesetz über den Neuaufbau de Reiches. Damit verloren alle Länder, g auch Lübeck, ihre Staatlichkeit. Si wurden gleichgeschaltet. Ihre Hoheit. rechte gingen auf das Reich über. Di. durch war auch Lübeck zu einer bloßey Gebietskörperschaft des Reichs gewor. den. Aber es war bis 1937 immer noch eine Freie Reichsstadt geblieben und dem Reich unmittelbar unterstellt. Dy war sie 1945, als viele alte Länder auch als Staaten neu erstanden, eben nich mehr. | Als nach der nationalsozialistischey Machtübernahme überlegt wurde, wel. chem Reichsstatthalter Lübeck zuge. teilt werden sollte, standen in Konkur renz Kaufmann für Hamburg und Hilde. Lübeckische Blätter 19978 per Anfa! Hansestac Reichstag grundbes peutscher Gesetz al. wochen s, Rathaus ( hrandt füt nannte R war aus I Verhältnis haltersch: sprach I dung mit für eine § burg aus, lers Wüns ihm bei c zugesagt keit zu er halter Hill Absicht, beseitiger trittsrede ker Bürge drücklich leumdung sei, die | Mecklenb mundig v der als , Deutschla gtamm n das ware doch leer | ging es L Ende d „Encle Preußisch Lübeckische |
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