Full text: Lübeckische Blätter. 1997 (162)

Oh Gott, Wandmalerei! Kratz weg, bevor der Denkmalpfleger kommt! Überlegungen zu Bedeutung, Erhalt und Ve rmittlung von Ausstattungen in Lübecker Profanbauten aus kulturwissenschaftlicher Perspektive von Dr. Manfred Eickhölter 1928 wurden die Häuser Sandstraße 24-28 zugunsten eines Neubaues für den Konsumverein abgebrochen. Die Fassade des Hauses Nummer 24 stand unter Denkmalschutz, trotzdem wurde das ganze Gebäude zum Abriß freigege- ben, weil, wie es in der Akte der Baupo- lizei zu lesen steht, der Giebel im obe- ren Dachbereich zirka einen Meter stra- Benseitig überhinge. Während laufender AbrißBarbeiten wur- den im Bereich des Seitenflügels von Nummer 24 in Höhe des Erdgeschosses ornamentale und figürliche Ausma- lungsreste in zwei Wandnischen ent- deckt und dokumentiert. Aus Zeitman- gel war nur eine bescheidene Freile- gung der Malerei im hinteren Wandab- schnitt möglich, eine zirka zwei Meter breite figürliche Darstellung von Taute, Kreuzigung, Erhöhung der Schlange und Stifterfigur; darunter ein Textband zum Johannes-Evangelium Kapitel III, Vers 14, 15. Dokumentiert wurde mit Hilfe von farbigen 1:1 Kopien sowie durch Schwarz-Weiß-Fotografien. Ein baugeschichtlicher Befundbericht fehlt, ein kunstgeschichtlicher Bericht von Hugo Rahtgens erschien im September 1928 in den „Lübeckischen Anzeigen“. Der folgende Beitrag beschäktigt sich in seinem Hauptteil mit zwei Aspekten der Wandmalerei in der Sand- straße. Zum einen liefert uns die kurio- se Überlieferungsgeschichte der Male- rei ein exemplarisches Beispiel dafür, daß selbst spärliche Überlieferungsre- ste für stadtgeschichtliche Forschungen von Bedeutung sein können, denn die Lübecker Hausforschung ist es ge- wohnt, aufgrund der ungewöhnlich gu- ten archivalischen Situation ein dichtes Netz von Informationen zu knüpfen, die sich im Regelfall gegenseitig korrigie- ren und stützen. Zum zweiten belegt dieses Beispiel, daß die Frage nach der kulturgeschichtlichen Bedeutung einer Malerei zum Zeitpunkt der Entdeckung eventuell noch nicht, sondern erst Jahr- zehnte später abgeschätzt wird. An die- se Darlegungen schließen einige gene- relle Überlegungen zu Freilegungen, Dokumentationen und Restaurierungen von Wandmalereien aus kulturwissen- schaftlicher Perspektive an. Ihr Ziel ist es, eine Diskussion über den konservie- renden Umgang mit diesem Teil des Weltkulturgutes Lübeck anzuregen. Der Umgang der Lübecker Füh- rungsgruppen mit dem baugeschicht- lichen Erbe zwischen 1880 und 1942 Die Gebäude in der Sandstraße wur- den nicht abgerissen, weil sie baufällig waren, sondern hier bot sich eine lang gesuchte Gelegenheit, grundstücks- übergreifend an stadträumlich hervorra- gender Lage einen Repräsentationsbau zu realisieren'. Was auch immer der Konsumverein politisch unternehmen mußte, um sein Vorhaben am Klingen- berg durchzusetzen, sicher ist auf jeden Fall, daß ein überhängender Giebel kein Grund war und ist, um ein Haus abzu- brechen. Aber der Abriß von Altbauten in der heutigen Innenstadt war im Be- wußtsein der Zeitgenossen kein Akt der Barbarei, eher schon eine Befreiungs- tat. Seit etwa I1880 haben die national- liberal orientierten Mitglieder der Füh- rungsgruppe der Stadt radikal Hand an die bis dahin wesentlich unangetastete Bausubstanz gelegt; sie galt als klein, winkelig, schmutzig, düster, als Zei- chen wirtschaftlicher Rückständigkeit und politischer Kleinstaaterei. Vom Neubauwillen zeugen nicht nur die gro- Ben öffentlichen Bauvorhaben - Ge- richtsgebäude Große Burgstraße, Neu- bau Katharineum, Westriegel Markt- platz - sondern auch der private riß stadtaristokratischer Gebäude in der Breiten Straße - vor allem zwischen Kanzleigebäude und Koberg - und an der Westseite des Schüsselbuden. Er- wähnt werden müssen auch die zahlrei- chen maßstabssprengenden Eckgebäu- de privater Bauherren, vier- und fünfge- schossige Stockwerksbauten, deren straßenräumliche Einbindung die Idee einer anderen, neuen Stadt in sich tra- gen. Zum Beispiel verschwanden bis 1900 mehrere Fachwerkbauten an her- vorragender Stelle - Holstenstraße/ Ecke Untertrave, Holstenstraße/Ecke Schmiedestraße -, die als Zeichen für Lübecks rückständig-pitoreske Winke- ligkeit gelesen wurden?. Bislang liegen keine Zeugnisse dafür vor, daß der Er- satz der „gotischen“ durch neugotische Bauten in Lübeck auf massiven Wider- stand gestoßen wäre. Als exemplari- schen Fall eines Bauherren des neuen Stiles bearbeiten wir derzeit im Hein- rich-und-Thomas-Mann-Zentrum den Senator Thomas Johann Heinrich Mann, der ein großes mittelalterliches Brauhaus in der unteren Beckergrube ! Akte Baupolizei, Faszikel 306, 307, 312, Ar- chiv der Hansestadt Lübeck ? Man vergleiche dazu beispielweise Thomas Manns atmosphärischen Beschreibungen der ? baulichen Wirkung Lübecks in der Zeit um 1900 im Tonio Kröger komplett abreißen ließ, um es durch g nen dreigeschossigen Gründerzeitb,, h zu ersetzen?. Die kulturwissenschaftliche Kontn, [H verse um die Sandstral}e 24 Als die im Amt für Denkmalpkleg angesiedelte Forschungsgruppe 194 daranging, sämtliche bis dahin bekam Us ; gewordenen Malereibefunde zu doky mentierten, stieß sie auf eine umfang reiche Befundgruppe, die aus Abrisse, der Zeit von 1880 bis 1942 stammen ft ; Die Malereibefunde wurden seinerzej '.. : nicht im Rahmen baunhistorischer Bg gleituntersuchungen gemacht, sondey zufällig. Daß im Haus Sandstraße 2 – eine sechs bis neun Quadratmeter grol, Wandmalerei zutage getreten war, e fuhr auch der Kunsthistoriker Hug, Rahtgens 1928 nur durch einen ge ; schulten Seitenblick bei einem Som. . | tagsspaziergang. In Windeseile wurde, Fotos gemacht, dann eine Probefreil. gung am Kopk der Christusfigur vorge nommen, ein weiteres Foto entstang Schließlich bleib noch soviel Zeit, dy Wilhelm Boht eine farbige I:1-Kopj anfertigen konnte. Die Farbpause gin, indes im Kriegsverlauf verloren, die Ey tos der Malerei wurden im Sankt-Ay. nen-Museum falsch zugeordnet. En sandst Y schlang. 16. Jahr 1991, rund sechzig Jahre nach der En M deckung, fand Thomas Brockow de, |) veröffentlichten Textbeitrag von Rah gens, konnten Beschreibung und Fotg M darstellung einander zugeordnet un z adressiert werden. Ausgelöst durch eine Reihe unvg; ts hersehbarer Zufälle ist es in den vergay genen drei Jahren zu einer lebhafte wissenschaftlichen Kontroverse yy diese Malerei gekommen, die zwische c§s . j verschiedenen Disziplinen sozusager [ fächerübergreifend ausgetragen wurde IH Ausgangspunkt waren Urteile ywy Hugo Rathgens aus dem Jahr 1928°. Zy au nächst stufte er das Gemälde als mittl. E * Zukünftig: Manfred Eickhölter: „Denk and i Beckergrube 52“ - Die Jugendzeit von Thy mas und Heinrich Mann zwischen Tanzsaj Nußbaum und Brunnen in einem Lübeck HY Neubau der Gründerzeit; in Vorbereitung 4 Thomas Brockow/Manfred Eickhölter’'k»e Katalog Lübecker Wand- m Gramatzki: Deckenmalereien des 13. bis 18. Jahrhy derts, in: Ausstattungen Lübecker Wohnhiy ser, herausgegeben von Manfred Eickhölt und Rolf Hammel-kKiesow, Neumùünst 1993, Seiten 357-529 Hugo Rahtgens: Aufkgedeckte Malereien, h Lübeckische Anzeigen 11./12. Septembr 1928 Lübeckische Blätter 19911 Lübeckisch
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