Full text: Lübeckische Blätter. 1996 (161)

(Fortsetzung von Seite 33 linke Spalte) Vorbehalt von Tätern und Motiven spreche - die nachkolgen- den Informationen und Kommentare unterstellten dann aber wie selbstverständlich nur noch einen rechtsradikalen aus- länderfeindlichen Anschlag in Lübeck. Allenfalls gelegent- lich tauchte im Hintergrund noch einmal die Frage aut, ob es sich nicht vielleicht doch um einen Unglücksfall handeln könne. Wenigstens bei den öffentlich-rechtlichen Program- men hätte man erwarten dürfen, daß auch einmal die Frage erörtert worden wäre, ob es nicht auch eine Brandlegung durch einen Ausländer hätte sein können. Dann hätte sich auch die Frage anschließen müssen, ob es denn überhaupt ein politisches Motiv gab, einen gesellschaftlichen Hintergrund, oder ob nicht gar rein persönliche Beweggründe ohne unmit- telbaren Zusammenhang mit dem Status eines AsyIbewer- bers und seiner Unterbringung zu dieser Katastrophe führ- ten. Nur all zu bereitwillig ließen sich vor den Kameras auch Po- litiker in Interviews - nach der gebetsmühlenartigen Vorbe- merkung - auf das Gleis eines ausschließlich möglichen rechtsradikalen ausländerfeindlichen Anschlags bringen und handelten damit ähnlich verantwortungslos wie die Journali- sten. Natürlich lag zunächst der blitzartige Gedanke nahe, es könnte sich um einen Brandanschlag handeln, es könnten Rechtsradikale gewesen sein, das Ziel wären bewußt Auslän- der gewesen. Aber muß nicht der zweite Gedanke, insbeson- dere bei Worten gegenüber den Medien und damit der Öf- fentlichkeit, nach den Ereignissen der letzten Zeit lauten, daß es auch ein Unglücksfall gewesen sein konnte, ja, daß es auch eine Auseinandersetzung unter Ausländern gegeben ha- ben könnte? Ein großes Nachrichtenmagazin faßte die Situation so zu- sammen: ..Ist die Bundesrepublik ein Land, in dem immer neue Generationen rassistischer Täter nachwachsen? Oder ist die Erregung in den Tagen nach dem Brand vor allem Ausdruck eines tiefsitzenden Schuldkomplexes, der die Deutschen zwanghaft zu vorauseilenden Selbstbezichtigun- gen treibt?“ „Nach dem Wechselbad des Verdachts und der Gefühle: Wo- für steht Lübeck wirklich?“, fragt eine große Wochenzeitung nach der Brandkatastrophe. Eine Antwort darauf hätte auch schon die Lübecker Bürger- schaft in ihrer Sitzung am 25. Januar geben können - viel- leicht geben müssen. Denn nach voreiligen Verdächtigungen und gefühlsbetonten Äußerungen wären einige besonnene und ermutigende Worte an die verängstigten Ausländer in der Stadt, an die verunsicherten Deutschen, an das aufmerkende Ausland aus dieser Stadt von außerordentlicher Bedeutung gewesen. Doch dazu kam es nicht. Stadtpräsident Peter Oertling ließ die Anwesenden sich zu einer Gedenkminute erheben, gab aber weder vorher noch nachher weitere Erklärungen ab. Viele Besucher der Stadtvertretersitzung dürften schon das nicht verstanden haben. Zum Debakel wurde die Sitzung dann durch den nach nur kurzer Zeit erfolgten Abbruch. Schuld war - wenn wohl auch so ungewollt - ursächlich Bürgermeister Michael Bouteiller mit seinen öffentlichen Äußerungen nach der Brandkatastro- phe. Seine sehr emotional vor aufgebauten Mikrofonen und lau- fenden Kameras vorgetragenen Vorstellungen und Forderun- gen zur Ausländerpolitik hätten einem Parteivorsitzenden oder Fraktionschef auf Bundes- oder Landesebene zustehen können, nicht aber einem Bürgermeister als Organ der Voll- 34 (Fortsetzung von Seite 33 rechte Spalte elle. wie sie verschmitzt grinsend dem Nächsten über dic Schulter zu schauen versucht. Als alle Fragen beantwortet sind, verschwinden die Kinde; im „Spielzimmer“ der Ausstellung. Es hört sich an, als wärey es vier Klassen - ich schaue mir das Treiben an, bis Ahed mich am Ärmel zupft und mich wieder in die Lange Halle zieht, er möchte gerne das Kegelspiel aus dem 19. Jahrhun. dert erklärt haben. Während wir in der Langen Halle stehen kommen einige der Kinder wieder durch den Kreuzgang ir den Ausstellungsraum hinein. „Du, wir haben noch einen an. deren Ausgang gefunden“ - und schon sind sie wieder ver. schwunden. Christelle bleibt noch einmal vor der Vitrine mi den Plüschtieren stehen: „Ich wußte nicht“, sagt sie, „daß wi; hierher gehen, ich habe gedacht, wir gehen auf einen“ - sie sucht nach dem richtigen Ausdruck - „Spielplatz. Aber die, ist ja wie eine Kirche!“ Nun ist der kleine Ausflug für die Kinder beendet, als letzte, stürmen sie im Kassenraum noch die Prospektstände, so dal es danach aussieht wie nach einem mittleren Erdbeben, wie die Aushilfskraft sagt. Dann ziehen sie ab, zurück in Rich. tung Schule. Am nächsten Morgen treffen wir uns wie immer am Burgkel(q mit Laras Freundin und deren Mutter. Wir erfahren. daß da, Asylantenheim in der Hafenstraße brennt - das Haus, in den Julia. Christelle und Ahed mit ihren Familien wohnen, und ej sollen Menschen zu Tode gekommen sein. Noch ermessey die Kinder die Tragweite nicht, sie fragen noch, ob Julia Christelle und Ahed jetzt ohne Schulranzen und Bücher i die Schule kommen - nur langsam wird ihnen bewußt, way da passiert sein kann. Dabei sollte es ein fröhlicher Tag wer. den. denn Nadine feiert Geburtstag. Zuweilen sind die Kin. der auch unbeschwert, aber selbst am Nachmittag aut de; Feier wird geweint. Sie greifen auch den ganzen Tag Gerüch. te auf: Julia soll gerettet worden sein, Ahed soll im Kranken. haus sein. und Christelle mochte nicht springen. Aber keine; erfährt etwas Genaues. Auch die Mütter auf der Trauerkund. gebung nicht. Erst am nächsten Tag, am Freitag, hören die Kinder die grau. same Wahrheit: Ahed ist mit seiner Familie im Krankenhaus Julia ist auch im Krankenhaus, um ihre kleine Schwester Es. peranza zu betreuen, sie dürfen schon am selben Tag die Kli. nik verlassen. aber ihre Mutter und ihre Schwester Suzan; sind in den Tod gesprungen - und Christelle ist tot, verbrann mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern. Am Sonnabend legen wir Blumen am Zaun des Hauses Ha. fenstraße nieder, und Lara und Meliha zünden eine Kerze an. Doris Mührenberg zienenden Gewalt, als einem Vertreter der kommunalen Selbstverwaltung - und sie wären vom Inhalt her zu dieser Zeit nur berechtigt, wenn die Brandkatastrophe ein erkenn. bar politisches oder zumindest gesellschaftliches Motiv ge: habt hätte. So bleibt der Eindruck, daß diese Situation von Bürgermeister ausgenutzt wurde, um seine ausländerpoliti: schen Vorstellungen - zu Lasten eines gemeinsamen Vorge- hens aller politischer Kräfte im Stadtparlament - in die Ök. kentlichkeit zu tragen. Jedenfalls fanden diese schnell Aufnahme bei den Bündnis. Grünen in der Bürgerschaft, entsprachen diese Bürgermei- ster-Punkte doch zu einem großen Teil eigenen Vorstellun: gen. Durften Außenstehende zunächst die Vermutung haben, als würde das Vorbringen des Verwaltungschefs noch seiner - dann voreiligen - Annahme entspringen, es handele sich Lübeckische Blätter 1996/1 um einen nutzten die drücklichel gsters einen derungen i Diesem AN tisch illusic heit der Sc verdacht c Ausländer und Aussat les Zusaml mäls Zurec| kraten jetz zustimmen Forderung: Hinzu kan Ungehorsa verstehen, und ehem: von Gesetz er dies auc ihm unterg senskonlflil Art Verleit Das war d ebenfalls j lution Disl gen des Bi Auch diesc stimmen, \ So von ZW aldemokra rich Szamé Dienst im Groß Dienstag Fischlar Claus St gemeins Dienstat Private Heribert gemeins Führu durch d kür Mitg Samstag Die Teil 9 Uhr. 1 5 Mark Die Füh Lübeckische B
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