Full text: Lübeckische Blätter. 1996 (161)

Mythos und Verfall sah Doris Runge al- lerorten, wenn auch häufig parodistisch zugespitzt. Von Toni Buddenbrooks Tränen wegen der Toten, über das Zu- sammenrücken der Übriggebliebenen jenseits aller Berührungsängste mit den unteren Chargen bis zu Sesemi Weich- brodts Blumenkranz als Insignium für das ewige Leben. Das Treffen im Jen- seits. von dem nicht nur Sesemi mit ih- rem Vogelkopt sicher ausgeht, passe ebenso dazu wie die drei Parzen aus der Breiten Straße. des enterbten Onkel Gottholds unverheiratete Töchter. Das Gesetz des Verfalls werde mit einer Fi- gur durchbrochen. mit Hannos Freund Kai Grat Mölln, dem jugendlichen Dichter mit seiner geliehenen Identität. Sesemi Weichbrodt mit ihrem Auttrag, das ewige Leben zu verkünden, stehe nur mit einem Fuß im Grabe, verkörpe- re nur die halbe Wahrheit. ihr fehle die Erkenntnis vom Tode. die hinauf zum Zauberberg führe oder hinab in die Brunnentieke und die der Autor erst Jahrzehnte später formulieren könne. Undine geht Die Biedermeier-Erinnyen der Breiten Straße treffen sich mit allen anderen bei Gerdas Abschied nach Amsterdam. Do- ris Runge zeichnete Gerda als Melusi- ne, erinnerte an die andere Gerda, die den kleinen Herrn Friedemann ins Was- ser treibt. Aus dem Wasser der Grachten sei Gerda Arnoldsen aufgetaucht, die kalte anämische Schönheit mit den ro- ten Haaren. Makler Gosch sieht sie als „Here und Aphrodite. Brünnhilde und Melusine in einer Person“. Thomas Buddenbrook. der ...diese oder keine“ gewollt hatte. könne nicht wie Zeus strafen, wenn sie mit Leutnant von Tro- tha musiziert oder eben nicht musiziert. Es herrsche eine respektvolle Hötlich- keit zwischen den Gatten. Sie hatten einander erkannt. Melusines Geheimnis mußte gewahrt werden, ebenso wie Thomas seine innere Krankheit - wie lange noch - verbergen kann. Die Sire- ne hatte ihn ans Meer geführt, und so werden Thomas Buddenbrook die Be- trachtungen Thomas Manns aus dem Notizbuch 2 in den Mund gelegt. Die Sirene hatte Thomas die Liebe zum Meer gelehrt: „Breite Wellen .... sagte Thomas Buddenbrook. Wie sie daher- kommen und zerschellen, eine nach der anderen,. endlos. zwecklos, öde und irr. .. auf der Weite des Meeres. das mit diesem mystischen und lähmenden Fa- tali nmus seine Wogen nheranwiälzt., träumt ein verschleierter, hoffnungslo- ser und wissender Blick ... Gesundheit und Krankheit, das ist der Unter- schied“. Auch Toni wie Hanno lieben das Meer. Gerda weiß darum, wenn sie feststellt: 312 „Er hat Heimweh nach der See“. Das sei auch die Sehnsucht der Sirene nach Entgrenzung, Auflösung der Individua- lität. Sie gene zurück in ihr Element und nimmt nichts mit. Sie legt die Fa- milienchronik in Tonis Hände,. die aus so anderem Holz geschnitzt ist als ihre Schwägerin. Toni setze trotz allem auf Ehre. Macht und Größe. Man sei schließlich eine Buddenbrook. Sie halte den Fetisch Familie hoch. wie ihr Vor- bild. Thomas Manns Tante Hlisabeth. Lübeck als geistige Lebensform Für die Mitgift der weiblichen Roman- figuren, insbesondere Tonis, seien die Notizbücher Thomas Manns wichtig: „Ihr ausgeprägter Familiensinn ent- fremdete sie nahezu den Begriffen des freien Willens und der Selbstbestim- mung und machte, daß sie mit einem beinahe fatalistischen Gleichmut ihre Eigenschaften feststellte und anerkann- te ... Sie war, ohne es selbst zu wissen, der Meinung,. daß jede Eigenschaft ein Erbstück,. eine Familientradition bedeu- te und folglich etwas Ehrwürdiges sei, wovor man in jedem Falle Respekt ha- ben müsse“. Sie beschreibt ihre Eigen- schaften als ehrwürdig, wie festgezurrt ihre Rolle auch sein mag. Manchmal werfe sie alles ab, weine, zeige Gefüh- le. Für Doris Runge ist sie die einzig Lebendige, sie liebt und haßt. Eine kur- ze Liebe erlebt sie in Travemünde zu Morten Schwarzkopt, dort, wo Thomas Mann selbst seine glücklichsten Stun- den verbracht habe. Von geistigen Gü- tern unbeschwert, daher leichtfüßiger und vitaler als Christian und Thomas, beschreite sie ihre vorgeschriebene Bahn. Doris Runge beschwor die be- kannten Antinomien von Schwarz und Weiß. Kunst und Natur und kam so schnell von der Künstlerin Gerda zu Anna, dem natürlichen Blumenmäd- chen, der Dienstmagd in Sachen Liebe. Anna. ausgezeichnet mit Schönheit und Herzensgüte, „dem natürlichen Adel des einfachen Volkes“, wie Runge iro- nisch zuspitzte, verzichte still und be- scheiden auf den reichen Erben Thomas Buddenbrook. heirate den Sohn des La- dens. sei fruchtbar, führe den Blumenladen, erscheine schließlich am Totenbett von Thomas, um still Ab- schied zu nehmen. Liebesverzicht Liebesverzicht heiße das Gesetz, unter dem alle Buddenbrooks angetreten sei- en. Ehe und Liebe strebten auseinander. Die Liebe sei der Störfaktor. Familie, Geld und Karriere seien die Götzen; das Glücksversprechen hieße Ansehen, Ein- fluß und Macht - die Ehe sei ein Ver- trag, ein Geschäft, das seien die wertbe- ständigen Anlagen. Und die Liebe - ein Geschenk von höchst zweifelhaftem Wert, wie Doris Runge feststellte. Jo- hann Buddenbrook hatte geliebt. Die Liebste starb nach einem Jahr. Gott war dem Glück nicht hold, nur Gotthold, das Kind der Liebe, lebte. Johann schreibe fortan die Regel vor. Er hatte die Liebe als höchst gefährliche Ange- legenheit erfahren. Gotthold habe mit Madame Stüwing weit unter Stand in einen Laden eingeheiratet. Diese Art von Rebellentum werde nur mäßig be- lohnt. Gab es also doch keine Allianz von Liebe und Glück, fragte Doris Run- ge. Die Töchter Pkfiffi, Friederike, Hen- riette hatten keine Mitgift zu erwarten und blieben daher unverheiratet. Jean habe mit Elisabeth die richtige Frau von vitaler Diesseitigkeit gewählt. Sie ge- biert vier Kinder und bekleißBigt sich zur Sicherheit christlicher Demut. Elisa- beth halte am Leben kest, käimpke mit dem Tod um das Leben und schließlich mit dem Leben für den Tod. Thomas Buddenbrook stirbt an einem kranken Zahn. Den Schein zu wahren koste ihn die Würde und das Leben. Hanno habe keine Wurzeln im Diesseits, er sei nicht vital, flüchte, stirbt an Typhus. Clara stirbt jung. Christian flüchte in die Krankheit. Toni ruiniere sich durch scheiternde Partien, die einzige Mög- lichkeit der geschäftsunfähigen Frau, angemessen zu leben, wobei Julchen Hagenström mit Möllendortk bessere Möglichkeiten hat. Die heilige Familie Tonis Liebe zu Morten werde auf dem Familienaltar geopkert. Die heilige Fa- milie fordere ihr Recht, so Runge. Toni muß verzichten, wie ein Briekt des Vaters ihr klar macht, denn ,.wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestenende Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette“. Es gelte, an der Geschichte der Familie mitzu- arbeiten um den Preis von Tonis Op- fer, das Glück, Liebe, Selbstachtung hieß. Den Götzen Familie zu wahren, kultiviere Toni, indem sie seine Prie- sterin werde. Die Naive werde zu ei- ner Karikatur einer Gläubigen und konturiere so das Bild des ungläubi- gen Thomas schärtker. Die Karten für die 3. Generation seien gemischt, und damit sei im Sinne Scho- penhauers jede Wahl Schicksal: Drei Nieten für Toni, ihre eigenen Ehen 6s0- wie Tochter Erikas Ehe mit einem Be- trüger, Claras früher Tod nach der Hei- rat mit dem Theologen Tiburtins. der sich mit ihrer Mitgift und der Erbschaft der Konsulin zu trösten wußte, Aline Puvogel. die kleine Theaterprostituier- te. die ihre Rechte zu nutzen wisse, als Christian hinter Krankenhaustüren ver- schwindet. So habe jeder der Geschwi- Lübeckische Blätter 199%/2n ster 1 geso0 Steir der I die:: Z.:C „Die bis a Eink nert Man SEIN der 7 chen druc ihm Zaut Kun: schä vorg kum chen man Schv entw Schr über nich anal’ leict hebe schr benr kel c Seel förd: eben der. den Exis kanr gen die I geni les i! findci | Budi | gen | Fühl Mär Ein liche auft: men [ in sé Der Wirl Kün tung der | | men den | unc misc Lübec
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