Full text: Lübeckische Blätter. 1996 (161)

sich vereinte. Schließlich - in meinem Charakterisierungsversuch zuletzt -= versuche ich auf ein Problem hinzuwei- sen, das Hans Blumenberg in besonde- rer Weise bewegt hat. Ich tue das im hier abschließenden Abschnitt 4. Endlichkeit. Mein Lieblingsbuch von Hans Blumen- berg ist „Lebenszeit und Weltzeit“, das er vor zehn Jahren verökkfentlicht hat. Dort entwickelt Blumenberg - auk der Grundlage einer eigenwilligen und glanzvollen Interpretation der ,geneti- schen Phänomenologie“ des späten Ed- mund Husserl - als zentrales Zeitpro- blem die menschliche Lebenskürze: je mehr die Menschen - nach ihrer Ver- treibung aus der „Lebenswelt“ der un- mittelbaren Selbstverständlichkeiten - die sogenannte „objektive“ Welt mit ih- rer unkaßlich riesigen „Weltzeit“ ent- decken, desto unausweichlicher entdek- ken sie zugleich, daß ihre „Lebenszeit“ eine ultrakurze „Episode“ ist, limitiert durch den Tod,. der unerbittlichen Gren- ze für ihren vital und kognitiven Welt- appetit. Die „Kongruenz“ von „Lebens- zeit und Weltzeit“ erweist sich als Wahn; die „Öffnung der Zeitschere“ zwischen „Lebenszeit und Weltzeit“ er- weist sich als Wirklichkeit. So wird der Fristcharakter unserer Lebenszeit für Hans Blumenberg zentral: unsere Zeit ist endlich; denn jedermanns gewisseste Zukuntkt ist sein Tod. Das ist - hier muß ich eine frühere Interpretation von mir korrigieren und Blumenbergs briefkli- chen Einspruch berücksichtigen - kein empörter Protest gegen den Tod, weil er unseren Weltzugang limitiert; sondern Blumenberg sieht den Tod - etwa 1983 in seinem Selbstverständnis-Aufsatz, beispielsweise im Rekurs auf Seneca - als Freiheitsbedingung. Zitat: „Qui po- test mori non potest cogi. Zu deutsch vielleicht: Wer sich davonzumachen weiß, ist nicht bedrückbar“ (soweit das Blumenberg-Zitat). Doch gilt eben: die knappste unserer knappen Ressourcen ist unsere Lebenszeit. So erfahren wir uns als Episode; und das Buch „Lebens- zeit und Weltzeit“ wird zur temporalen Phänomenologie der menschlichen Endlichkeit. Es gibt für die Menschen Vorzeichen dieser temporalen Endlichkeit: die Krankheiten. Das hat Hans Blumenberg 1982 in seinem Autsatz „Goethes Sterb- lichkeit“ im Blick aut die Krankheits- krisen jenes Dichters interpretiert, mit dem er sich - nicht nur in seinem My- thos-Buch - so intensiv auseinanderge- setzt hat, daß er gesagt haben soll: Goe- thes Geburtstag sei ihm wichtiger als sein eigener, welches einer der Gründe 220 ist, daß diese Erinnerungsstunde gerade heute, am 28. August, stattfindet. Es war nur konsequent, daß die Endlich- keit als Sterblichkeit auch auf diese Weise ins Zentrum der philosophischen Aufmerksamkeit von Hans Blumenberg rückte. Denn die Entlastung vom Abso- luten führt zum Wichtigkeitsgewinn der Endlichkeit. Auf diese - vor allem in „Lebenszeit und Weltzeit“ philosophisch explizier- te - Erfahrung,. keine Zeit zu haben, antwortete Hans Blumenberg in seiner Lebenspraxis durch jene Eigenheiten, die ihm den Ruf eintrugen, „schwie- rig“ zu sein. Meine eigene Erfahrung mit ihm war das überwiegend nicht: ich empfand ihn als hilfsbereit, anre- gend, loyal, natürlich, auch als Heraus- forderung und als einen, mit dem man durchaus gut auskommen konnte: dies auch wegen seines Humors und seines ausgeprägten Sinns fürs Spielerische, durch den er insbesondere intelligente Spielzüge honorierte und sich dadurch zuweilen entwaffnen ließ. Ich meine: seine Eigenheiten entstanden dadurch, daß er sein Leben - gerade angesichts der Knappheit der Lebenszeit - bewuß- ter und rationaler einrichtete als die meisten seiner Mitmenschen. Ich erin- nere mich an gute Gespräche mit ihm am 16. Oktober 1980, als er in Darm- stadt den Freud-Preis erhielt. Er sagte zu mir: „Sie haben in Inrem Leben kei- ne Zeit verloren. Ich habe acht Jahre verloren, die ich aufholen muß.“ Ganz offensichtlich dachte er - ohne es aus- zusprechen - daran, daß er - der in der Terminologie der Nationalsozialisten „Halbjude“ war - 1939 nach seiner Schulzeit nicht auf die Universität durfte, darum auf kirchliche theolo- gisch-philosophische Hochschulen in Paderborn und Sankt Georgen auswich und - als ihm auch das verboten wurde - hier im Dräger-Werk arbeitete und so vorübergehend geschützt war, dann in ein Lager mußte, aus dem er entkam, und hier in Lübeck versteckt wurde, bis er - nach dem Ende des Krieges - endlich studieren durfte: in Hamburg, in Kiel. Um diese verlorene Lebenszeit aufzuholen - so ist es auf mich gekom- men -, hat er fortan nur sechsmal in der Woche geschlafen und dadurch wö- chentlich einen Arbeitstag gewonnen: möglich war das nur dadurch, daß er auch die Nacht zur Arbeitszeit machte. Das - was seine Erreichbarkeit nicht erleichterte - war die lebenspraktische Antwort auf seine Erfahrung der Zeit- not, deren Wurzeln er in „Lebenszeit und Weltzeit“ philosophisch beschrieb. In diesen Zusammenhang gehört dann auch, daß er sich spätestens seit Ende der sechziger Jahre - um die verlorene Lebenszeit aufzuholen - aus der Öf- Lü fentlichkeit zurückzog: keine Vorträge mehr, weg vom Wissenschaftstourig- mus und seinen Konversationsorgien, von den großen Verwaltungsturnieren der Gruppenuniversität, um - in „haus- hälterischem“ Umgang mit der knap- pen Ressource Lebenszeit - sich, knnen zentriert auf enorme Lektürepensen und auf die Zwiesprache mit seinem Diktiergerät, völlig der Arbeit an sein nen Texten zu widmen. Das war - men pflegt das zu vergessen - nicht von An- kang an so; denn er hat zunächst - über die Forschung und Lehre hinaus - viel Kraft investiert in die Arbeit für die Universität: als langjähriges Mitgliez_ des Senats der Deutschen Forschungs- gemeinschaft und zum Beispiel auch für die institutionelle Wiederherstel- lung der Universität Gießen. Dann aber hatte er - und dabei mag auch eine Rolle gespielt haben, was der Universi- tät seit 1968 angetan wurde - berech- tigterweise den Eindruck, bei den insti- tutionellen Pflichten mehr als die mei- sten anderen getan zu haben, so daß nun endlich einmal andere dran waren. Darum hat er sich - um die verlorene Lebenszeit aufzuholen - ab 1970 als Professor in Münster und seit 1985 als Emeritus schließlich in seine ganz pri- | vate Höhle - seine Schreibhöhle in Al- tenberge im Münsterland - zurückger zogen und sozusagen die Klingel am Höhlenausgang abgestelll. Hans Ro- bert Jauß, Henning Ritter und Martin Meyer haben den Mut gehabt, nicht nur durch Telephonkontakte diese Bar- riere hin und wieder zu überwinden. Wir anderen, und ich werfe mir das durchaus vor, haben so viel Respekt vor ihm gehabt, daß wir auch diese sei- ne methodische Vereinsamung respek- tiert haben. die ihn - obwohl er sie wollte - doch wohl auch traurig ge- macht hat. Er - dieser anregende, ein- drucksvolle, großartige Mann, dessen besonderes Kennzeichen war: nur be- sondere Kennzeichen zu haben - hat vielleicht unterschätzt, wie stark er als Philosoph und Schriftsteller trotzdem präsent und wirksam war. Er hat seine letzten Arbeiten - Nachdenkliches über Thomas Manns Tagebücher und gie, von der er schon 1982 sprach, als meine Frau und ich ihn nach der Ver- leihung des Gießener Ehrendoktors bei uns zuhause das letzte Mal sahen - nicht mehr publiziert. „Für wen eigent- lich?“, soll er gefragt haben. Ich glau- be eine Antwort zu wissen, die - über seinen Tod hinaus - diese Resignation dementiert. Für wen eigentlich? Ich meine: für uns und für ihn, den wir uns, auch durch ihn selber, nicht neh- men lassen dürfen. Lübeckische Blätter 1996/14 Juni ]. ] ! ( ! 5. ] 1 ; t t ] ] ] 1 ] ' ß. .) t \ \ 11.4 é 1 ü 1 § ] § ] : 2 l ( i § 12.1 \ ( € ] 14. I § Vel Vorsi eine phänomenologische Anthropolo- diaßr zum um i mögl menc gente ehe Ange Prob lich, ten d und Dock Lübeck
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.