Full text: Lübeckische Blätter. 1996 (161)

der Südseite den zweigeteilten Lübek- ker Schild. Der Beginn des 19. Jahrhunderts ist ge- kennzeichnet durch Gebiets- und Grenz- verschiebungen (4). Der territorialen und rechtlichen Zerstückelung setzte erst die umfassende Gebietsreform von 1803 durch den Reichsdeputations- hauptschluß ein Ende. In ihrer Folge ge- langten die meisten Dörfer des Trave- münder Winkels an die Hansestadt Lü- beck. Nach einem kurzen Wegstück gelangen wir an einen der acht Tiefbrunnen (5), die sich im Waldhusener Forst befinden. Diese Brunnen beliefern das Wasser- werk Kleinensee mit dem für uns so wichtigen Trinkwasser. Über 50 Prozent des Lübecker Bedarks an Trink- und Brauchwasser kommt aus dem Waldhu- sener Forst. Aus Tiefen von 50 bis 120 Metern wird das Wasser hochgepumpt, von Eisen und Mangan betreit und in die 667 Kilometer langen Leitungen der Hansestadt geleitet. 34 700 Haushalte sind angeschlossen, durchschnittlich be- nötigen wir 39 000 Kubikmeter Wasser am Tag. Allmählich lichtet sich der Wald. die Vegetation verändert sich, wir stehen jetzt in einem Teil des Waldes, der annä- hernd einem naturbelassenen Buchenur- wald entspricht (6). Die Aufforstungen des 18. Jahrhunderts mit Nadelholz hat- ten Kahlschläge und Schädlinge zur Folge. In diesem dem Standort entspre- chenden Buchenwald kommen dagegen alle Entwicklungsstuten vor, die älteren Bäume werden ausgesondert, so gibt es keinen Kahlschlag, keinen Windbruch und auch keine Borkenkäfer - der Wald ist widerstandsfähig und gesund. Alle Forsten des Forstamtes der Hansestadt Lübeck, besonders die Nadelholzbe- stockungen, sollen langfristig in ähnli- che standortgerechte Bestände umge- wandelt werden. Durch den Buchenwald gelangen wir zur Jungmoräne „Herrenberg“, auf der sich neun Hügelgräber der jüngeren Bronze- zeit befinden (7). Diese Hügel. die ur- sprünglich nicht im Wald lagen und in vergangenen Jahrhunderten häufig als Wegweiser dienten, bergen die Toten aus der Zeit um 800 vor Christus. Die Be- gräbnisstätten hatten sich im Laufe der Bronzezeit geändert: Zunächst bestattet man die Toten in Steinkisten unter gro- Ben Erdhügeln, dann in Bohlen- oder Baumsärgen, zum Ende der Bronzezeit werden die Toten verbrannt, es beginnt die „Urnentelder-Kultur“. Anfangs wer- den die Urnen noch mit Hügeln bedeckt, bis diese immer kleiner werden und letztendlich ganz verschwinden. An den Einbuchtungen auf den Hügelkuppen er- 202 kennen wir, daß die Gräber schon im 19. Jahrhundert untersucht wurden. Dabei wurden die Beigaben, die den Toten auf dem Weg ins Jenseits mitgegeben wur- den - Geschirrsätze, Watkfen und Schmuck -, geborgen. Durch die bronzezeitlichen Grabhügel schlängelt sich der Weg weiter durch den Wald. auf dem Ovendorfer Fuſssteig (8) gelangen wir zum Pöppendeorfer Herrenmoor (9). In der Eiszeit ein See, verlandet dieser im Laute der Zeit, bis ein baumloses Moor entstand. Dieses gehörte dem Lübecker Johanniskloster, und bis 1925 wurde hier Tork gestochen. Nun nähern wir uns einem Höhepunkt des Wanderweges. Am Ende einer schmalen Gasse aus frischem Grün liegt es auf einer Anhöhe: das Großsteingrab, das Megalithgrab - gemeinhin Hünen- grab genannt (10). Die Menschen, denen Großsteingrab Waldhusen wir dieses Monument zu verdanken ha- ben, lebten in der Steinzeit. In der Zeit um 3500 vor Christus kommt es zur so- genannten „neolithischen Revolution“, die Menschen. vorher Jäger, Sammler und Fischer, werden seßBhaft, sie bauen Häuser und betreiben Ackerbau und Viehzucht, sie töpfern Gefäße. Und nun können sie ihren Toten auch Denkmäler setzen. Das Errichten eines Großstein- grabes ist eine enorme Leistung, nicht umsonst meinten die Nachfahren der neolithischen Bauern im Mittelalter, nur Riesen könnten diese gewaltigen, von der Eiszeit hinterlassenen Findlinge be- wegt haben. So entsteht auch die volks- tümliche Bezeichnung „Hünengrab“. In Waldhusen haben die Menschen die Kuppe einer natürlichen Erhöhung abge- tragen und für das Aufstellen der Trag- steine Boden ausgehoben. Rings um die Tragsteine wurde Lehm kestgestampft, das Mauerwerk zwischen den Steinen wurde im unteren Bereich mit Bruch- platten, im oberen Bereich mit Flint und Lehm ausgefüllt. Nun wurde außen big zum Rand der Tragsteine ein Hügel auf- geschüttet, im Inneren wurden die Stei- ne durch eine Holzaussteikung gestützt. Auf den äußeren Hügel, der eine schiefe Ebene bildete, wurden die bis zu 10 Ton- nen schweren Decksteine hinaukgezo- gen. Saßen sie fest, wurde im Inneren ein Feuer entzündet, das die stützende Holzkonstruktion beseitigte. Letztend- lich wurde bis 1,50 Meter über den Decksteinen ein Hügel aufgeschüttet. Das Waldhusener Großsteingrab hat im- mer das Interesse auf sich gezogen. 1843 fand eine Ausgrabung statt, danach ver- arbeitete Emanuel Geibel es in vielen seiner Gedichten, wobei er es ans Meer grab die L „Was mach die 2 und I Doct Haut das C Als c hoch abzu. ein D | durc] braclk Vorl: verlegte. Als er nach längerer Abwesen- | f heit wieder in seinen geliebten Wald kommt., hat sich rund ums Großsteingrab einiges verändert. Seine Gefühle be- schreibt er 1869 in dem Gedicht ,Das Hünengrab bei Waldhusen“:: Doch plötzlich hier zum Meer hinab: vertauscht erscheint mir rings die Welt; Im Walde lag das Hünengrab, nun liegt es auk dem freien Feld, und wo der Jüngling einst dem Horn des Jägers lauschte, wogt das Korn. Im Jahre 1898 zerstörten Lübecker Gymnasiasten mutwillig das Hügelgrab, auch dieses Geschehen wurde literarisch verwertet. Heinrich Mann läßt in ,.Pro- fessor Unrat“ die Künstlerin Rosa Fröh- lich mit den jungen Herren am Hünen- Lübeckische Blätter 1996/13
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