Full text: Lübeckische Blätter. 1996 (161)

hofft er. willkommen zu sein. Aber die Einheimischen. oder jene Einheimi- schen. die ihrer selbst unsicher sind und deshalb alles Fremde hassen, wollen ihn nicht annenmen. Und schon ihr zweites Wort heißt: abschieben. Wie es Joseph im Verlaut der vier Bü- cher ergeht. Kaum ist er ein wenig auf- gestiegen, gerät er in landesinterne Zwistigkeiten religiöser Art: hier sehen wir - „ausländisch angehaucht, beweg- lich und weltfreundlich allgemein von Neigung“ - die höfische Fraktion des Sonnengottes Atum-Ré, die sich lässig in Toleranz gefällt, dort steht die prie- sterliche Fraktion des Amun-Ré zu Karnak, eine Variante des Sonnengot- tes, von dem gesagt wird: „Er war starr und streng. ein verbietender Feind jeder ins Allgemeine ausschauenden Speku- lation, unhold dem Ausland und unbe- weglich beim nicht zu erörternden Völ- kerbrauch. beim heilig Angestammten verharrend ...“ Entsprechend scheel blicken die Anhänger des Amun zu Karnak aut Joseph. den „ausländischen Leib- und Lesediener“ des Hötflings Po- tiphar. Besonders scheel blickt der Hok- zwerg und „Vorsteher der Schmuck- kästchen“ Dûdu, so sehr Joseph bemüht bleibt, inm und seiner Familie zu schmeicheln: „Aber es half nichts, die- ser bewies ihm, von unten herauf, Ab- gunst, wie er nur konnte, und besonders durch die würdig-altsittenstrenge Beto- nung von Josephs Unreinheit als chabi- rischen Fremdlings gelang ihm dies. Denn bei Tisch, wenn die höheren Die- ner des Hauses und unter ihnen Joseph mit dem Meier Montkaw das Brot aßen, hielt er. indem er seine Oberlippe über der eingezogenen unteren ein würdiges Dach bilden ließ, unerbittlich darauf, daß den Ägyptern besonders aufgetra- gen werde und dem Ebräer besonders, ja, wenn der Verwalter und die anderen es nach dem Sonnensinne Atum-Rés nicht zu genau damit nehmen wollten, so rückte er amunfromm-kundgebungs- streng weitab von dem Greuel, spie auch wohl nach den vier Himmelrich- tungen und führte im Kreise um sich herum allerlei exorzierende und die Be- sudlung absühnende Zaubereien aus, welchen die Beflissenheit, den Joseph zu kränken, überdeutlich abzumerken war.“ Man möchte ausrufen „nichts Neues un- ter der Sonne!“, denn dieser Ekel vor dem Fremden ist so genau zielend gese- hen. daß er peinlich noch auf unsere Gegenwart zutrifft. So verschwende- risch reich Thomas Mann seinen Hel- den ausgestattet und ihm geschickte Anpassung erlaubt - „Joseph wurde zu- sehends zum Ägypter nach Physiogno- mie und Gebärde, und das ging rasch, 166 leicht und unmerklich bei ihm, denn er war uwieltkundlichrschmiessam von Geist und Stoff ...“ -, er bleib dennoch der Ausländer, zudem der Ebräer; aber das fiel in altägyptischer Zeit nicht be- sonders ins Gewicht, Ausländer reichte. So kommt denn auch im Verlauf eines längeren Gespräches, das in seiner Ver- zweigtheit hier nicht nachzuzeichnen ist, diese prinzipielle Abneigung zu Wort. Es geht um ein häusliches Fest mit gela- denen Gästen und dann um eine reisen- de Gruppe von babylonischen Tänzerin- nen. Potiphar wünscht deren Auftritt beim geplanten Festgelage, denn Poti- phar ist an allem Fremden interessiert, besonders, wenn es mit Schönheit ein- hergeht. Mud, seine Frau, hingegen will wissen,. ob auch Amuns erster Priester, Beknechons, zum Fest geladen sei. „Unzweifelhaft und unumgänglich ...“ heißt die Antwort. Der Dialog spitzt sich zu: „Er wird nicht dulden, daß man den Verborgenen kränke vor seinen Augen.“ „Durch ei- nen Tanz von Tänzerinnen?“ „Von aus- ländischen Tänzerinnen - da doch Ägypten reich ist an Anmut und selbst die Fremdländer damit beschickt.“ „De- sto eher kann es sich seinerseits den Reiz gönnen des Neuen und Seltenen.“ „Das ist nicht die Meinung des ernsten Beknechons. Sein Widerwille gegen das Ausland ist unverbrüchlich.“ Hier nun nicht weiter, denn wir wissen ja, das Potiphars Frau am Ausländi- schen in Gestalt von Joseph mehr, im- mer mehr und schließlich heilos mehr Gefallen gefunden hat; das Fremde ist nicht ohne erotischen Reiz. Zwar blieb Josephs sprichwörtliche Keuschheit ei- nigermaßen unangetastet, doch in die Grube mukßte er dennoch, und sei es, um abermals, nach Art der überlebenstüch- tigen Fremden, aus dem Loch zu kinden, sich freizustrampeln und endlich ruhm- reich in höchste Stellung zu gelangen. Seiner speziellen Tüchtigkeit als Traumdeuter verdankte sich dieser abermalige Aufstieg. Außerdem war er ein Mann der Vorsorge, das heißt, er verstand es. der dem Traum abgelese- nen und vorausgesagten Notlage den Stachel zu nehmen. Solche Triumphe sind mit Vorzug jenen vergönnt, die von weither und von unten kommen, mögen sie vom Ebräerland stammen oder Kal- kutta und dessen Slums hinter sich ge- lassen haben. Doch mit dieser nüchternen Einsicht ist nichts bewegt und keines der Bücher ausgelesen. Mir fehlte es nur an Gele- genheit, wiederum einzusteigen in die Legende: „Tief ist der Brunnen der Ver- gangenheit ...“ Doch da manchmal Krankhausaufenthalte das Schmökern episch ins Kraut schießender Texte be. günstigen, bot sich im so lang anhalten. den Winter dieses Jahres die Gunst. im Klinikum Lübeck mein bengalischeg Leseabenteuer zu wiederholen. Nach annähernd zehnjähriger Frist nahm mich abermals die biblische Legende gefangen und wiederum in jener Deu- tung, die alle Register der Ironie zieht: „Joseph und seine Brüder“ lagen auf meiner Bettdecke. Diesmal lasen sich die vier Bücher fremder, denn ringsum heimelte nicht Kalkutta an, vielmehr versuchten die Fertigbauteile des sanitären Gebäudes den lesetrunkenen Patienten auszy. nüchtern. Arztvisiten, Schonkost, die Nachtschwester, Mineralwasser. Dray- Ben fiel Neuschnee. Josephs-Legende nun doch nicht. Lü. beck und Mölln lagen nahe. mein vo Fremdenhaß und dessen Exzessen ge- zeichnetes Land. Die demagogischen Reden korrekt gescheitelter Politiker sind als böse Saat aufgegangen: kme merlich wenig ist vom Recht auf Asyl, diesem hochherzigen Gebot, geblieben. Anstelle herrschen Abschiebehaft und Abschiebepraxis. Joseph, käme er aug Nigeria oder Pakistan zu uns, fände sich in eine Lage gebracht, in der seine be- sondere Begabung, die Traumdeuterei, kaum von Nutzen wäre; weder der Kanzler noch sein Innenminister schei- nen von Träumen beschwert zu sein. Und doch findet immer noch des deka- dent-verspielten Echnatons Gegenstim- me ihr Echo. Aus Resten mutwillig be- schädigter Liberalität lassen sich Frag- mente jener Toleranz klauben, die Tho- mas Mann im Sinn gehabt hat, als er, der aus Lübeck, München, aus Deutsch- land vertriebene, nunmehr in Amerika geduldete Fremdling, seine „Fleisch- werdung des Mythos“ im Februar 1943 zum Abschluß brachte. Nachdem meine literarische Arbeit ge- Ä L priesen und freundlich gelobt worden ist. habe ich zu antworten versucht. Meine Dankrede hat zwischen den vie- len Schichtungen der Joseph-Bücher nur die eine betonen können: Die Frem- de als andauernde Erfahrung. Um mei- nem Dank ein wenig Nachdruck zu ge- ben, auch um das Fremdeln zu mindern, das den großen Schriftsteller Thomas Mann immer noch isoliert, rate ich an, Abstand vom sekundären Gemäkel zu nehmen und das Gesamtwerk in seiner primären Gestalt neu zu entdecken, sei es auf Reisen und aus Distanz, sei es im heimischen Krankenhausbett. Lassen Sie sich von Thomas Mann entführen, verführen, verzaubern. Lübeckische Blätter 1996/11 Weit „Hein! | (4917), miſsrat. kischer m wahrsc eine G Freihei tung. 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